Uigurischer Aktivist in Foltergefahr

Ilham Tohti, Betreiber der Webseite "uighurbiz.net" und Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Zentralen Universität für nationale Minderheiten in Peking, wird seit dem 8. Juli 2009 in Haft gehalten. Sein Aufenthaltsort ist bislang unbekannt, und er hat keinen Kontakt zur Außenwelt, so dass ihm Folter und Misshandlung drohen. Ilham Tohti ist ein gewaltloser, politischer Gefangener, der allein wegen der friedlichen Ausübung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung inhaftiert ist.

Appell an

MINISTER FÜR ÖFFENTLICHE SICHERHEIT
MENG Jianzhu Buzhang
Gong’anbu, 14 Dongchang’anjie
Beijingshi 100741
VOLKSREPUBLIK CHINA
(korrekte englische Anrede: Your Excellency)
Fax: (00 86) 10 63099216

VORSITZENDER DER ZENTRALEN KOMMISSION FÜR POLITIK UND RECHT DER VOLKSREPUBLIK CHINA
ZHOU Yongkang Shuji
Zhongyang Zhengfa Weiyuanhui
9 Xihuangchenggenbeijie, Beijingshi 100032
VOLKSREPUBLIK CHINA
(korrekte Anrede: Dear Secretary)

MINISTERPRÄSIDENT
WEN Jiabao Guojia Zongli
The State Council General Office
2 Fuyoujie, Xichengqu
Beijingshi 100017,
VOLKSREPUBLIK CHINA
(korrekte Anrede: Your Excellency)
Fax: (00 86) 10 65961109

Sende eine Kopie an

BOTSCHAFT DER VOLKSREPUBLIK CHINA
S. E. Herrn Canrong Ma
Märkisches Ufer 54, 10179 Berlin
Fax: 030-2758 8221
E-Mail: chinesischeBotschaft@debitel.net
chinaemb_de@mfa.gov.cn
de@mofcom.gov.cn

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Chinesisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 31. August 2009 keine Appelle mehr zu verschicken.

PLEASE SEND APPEALS TO ARRIVE AS QUICKLY AS POSSIBLE IN ENGLISH, MANDARIN OR YOUR OWN LANGUAGE:

  • release IIham Tohti immediately and unconditionally as he is a prisoner of conscience, detained solely for exercising his right to freedom of expression;

  • provide information on his whereabouts, and the reasons and legal basis for his detention;

  • guarantee that he is not subjected to torture or other ill-treatment while in custody;

  • ensure that he is given access to a lawyer of his choice, his family and any medical treatment that he may require.

Amnesty fordert:

SCHREIBEN SIE BITTE FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE, IN DENEN SIE

  • die chinesischen Behörden auffordern, Ilham Tohti umgehend und bedingungslos freizulassen, da er ein gewaltloser politischer Gefangener ist und allein wegen der friedlichen Ausübung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung festgehalten wird;

  • Aufklärung über seinen Aufenthaltsort, die Gründe und die rechtliche Grundlage für seine Inhaftierung fordern;

  • von den Behörden die Garantie einfordern, dass Ilham Tohti während seiner Haft nicht gefoltert und misshandelt wird;

  • die Behörden auffordern, ihm Zugang zu rechtlichem Beistand seiner Wahl, zu seiner Familie und zu jeder nötigen medizinischen Versorgung zu gewähren.

Sachlage

Am 8. Juli rief Ilham Tohti gegen ein Uhr nachts einen Freund an und sagte, dass man ihn festnehmen wolle und dass er fürchte, nie wieder mit seinem Freund sprechen zu können. Ilham Tohti sagte auch, dass die Behörden ihn der Anstiftung zum Aufruhr der Volksgruppe der Uiguren am 5. Juli gegen die Behörden in der Autonomen Region Xinjiang (Sinkiang) beschuldigen. Nach Angaben der Behörden sind bei den Unruhen rund 190 Menschen getötet worden. Ilham Tohti wies die Anschuldigungen der Behörden zurück, da er niemals zur Gewaltanwendung aufrufen würde, wie er seinem Freund mitteilte. Ilham Tohti soll wenige Stunden nach diesem Telefonat an der Universität von der Polizei festgenommen worden seien. Man gab seinem Anwalt und seiner Familie keinerlei Auskunft über seinen Aufenthaltsort.

Die Polizei hatte Ilham Tohti in der Zeit vom 5. bis zum 7. Juli 2009 aufgrund der von ihm auf seiner Internetseite "Uighur Online" (www.uighurbiz.net) veröffentlichten Berichte und seines Blogs vernommen. In den Berichten ging es um einen Konflikt in der Provinz Kanton zwischen Han-Chinesen und Uiguren am 26. Juni 2009. Nach den Unruhen vom 5. Juli in Urumqi löschte der zuständige Internetdienstanbieter Ilham Tohtis Artikel von der Internetseite.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Ilham Tohti, der selbst Uigure ist, kommentiert seit Jahren die Lage der Uiguren in China. Seit den Unruhen in der Autonomen Region Tibet im Jahr 2008 werden seine Einträge zensiert. Auf seiner Internetseite über die Uiguren wurde über Menschenrechtsverletzungen berichtet, die sowohl die Uiguren als auch die die Mehrheit im Lande bildende Volksgruppe der Han-Chinesen betrafen. Die Internetseite wurde mindestens zweimal von den Behörden gesperrt, und zwar vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking sowie für über einen Monat im März und April dieses Jahres. Man stellte Ilham Tohti unter polizeiliche Überwachung und verhörte ihn nach seiner Reise nach Frankreich im März 2009. Während dieser Reise gab er in den Medien Interviews, in denen er sich kritisch über die Minderheitenpolitik Chinas äußerte.

Am 5. Juli 2009 kam es nach Protesten mehrerer Hundert Uiguren in Urumqi, der Hauptstadt der Region Xinjiang, zu gewaltsamen Ausschreitungen. Dabei sind bislang mehr als 190 Menschen getötet und mehr als 1.600 Menschen verletzt worden. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua haben die chinesischen Behörden mehr als 1.400 Beteiligte festgenommen, darunter auch einige Schlüsselfiguren, die man der Anstiftung der Unruhen beschuldigt.

Berichten zufolge verliefen die Proteste anfangs als friedliche Demonstration gegen die Untätigkeit der Regierung nach gewaltsamen Auseinandersetzungen in einer Fabrik in dem kantonesischen Ort Shaoguan, bei dem zwei Menschen getötet worden waren. Am 26. Juni 2009 waren Hunderte von uigurischen Arbeitern aus Xinjiang in dieser Fabrik mit mehreren Tausend Arbeitern der Volksgruppe der Han in einen Konflikt geraten. Berichten zufolge hat die Polizei einen Mann festgenommen, der vor seiner Entlassung in der Fabrik gearbeitet und Gerüchte verbreitet haben soll, die dem Vernehmen nach zu den tödlichen Ausschreitungen führten. Laut den Behörden hatte es sich um falsche Gerüchte gehandelt. Nach den gewaltsamen Ausschreitungen in Kanton verhängten die Behörden eine Nachrichtensperre über den Vorfall und ordneten an, mit dem Vorfall in Verbindung stehende Einträge von Internetseiten und Foren zu entfernen. Nach den Unruhen vom 5. Juli in Urumqi nahm die Polizei weitere 14 Menschen fest, die auch an dem Konflikt im Juni in Kanton beteiligt gewesen sein sollen.

Die Uiguren sind eine größtenteils muslimische ethnische Minderheit, die hauptsächlich in der Autonomen Region Xinjiang lebt. Seit den 1980er Jahren werden die Uiguren immer wieder Opfer von systematischen schweren Menschenrechtsverletzungen, wie willkürliche Festnahmen und Inhaftierungen, Haft ohne Kontakt zur Außenwelt, Einschränkung der Religionsfreiheit sowie die Einschränkung sozialer und kultureller Rechte. Die Politik der chinesischen Regierung, die den Gebrauch der Sprache der Uiguren und die Religionsfreiheit in erheblichem Maße einschränkt, trägt in Verbindung mit dem kontinuierlichen Zustrom von Han-Chinesen in die Region zur Zerstörung von Sitten und Bräuchen bei und schürt, einhergehend mit der Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, die Unzufriedenheit und den ethnischen Konflikt. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 ergriff die chinesische Regierung aggressive Maßnahmen, die willkürliche Festnahmen und Inhaftierungen mehrerer Tausend Uiguren, die des "Terrorismus, Separatismus und religiösen Extremismus" beschuldigt wurden, zur Folge hatten. Der Sekretär des Parteikomitees der Autonomen Uigurischen Region Xinjiang, Wang Lequan, rief am 14. August 2008 zum "Kampf auf Leben und Tod" gegen den uigurischen "Separatismus" auf. Die lokalen Behörden führen strenge Kontrollen hinsichtlich der Religionsausübung durch und verbieten allen Regierungsangestellten sowie Kindern unter 18 Jahre die Ausübung ihres religiösen Glaubens in Moscheen.

Obwohl China das UN-Übereinkommen gegen Folter 1988 ratifiziert hat, sind Folter und Misshandlungen von Gefangenen in ganz China an der Tagesordnung.