Haftstrafen für Geschwister

Die Behörden in den Vereinigten Arabischem Emiraten versuchen jede Form von Kritik im Keim zu ersticken

Die Behörden in den Vereinigten Arabischem Emiraten versuchen jede Form von Kritik im Keim zu ersticken

Am 31. Oktober wurden Amina 'Abdouli und ihr Bruder Mos’ab 'Abdouli vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Arabischen Emirate zu fünf bzw. sieben Jahren Haft verurteilt. Die Urteile sind endgültig und nicht anfechtbar.

Appell an

VIZEPRÄSIDENT UND MINISTERPRÄSIDENT
HH Sheikh Mohammed Bin Rashid al-Maktoum
Prime Minister’s Office, P.O. Box: 212000, Dubai
VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE
(Anrede: Your Highness / Eure Hoheit)
Fax: (00 971) 4 330 4044
Twitter: @HHShkMoh
E-Mail: info@primeminister.ae

INNENMINISTER
Sheikh Saif bin Zayed Al Nahyan
Zayed Sport City, Arab Gulf Street
Near to Shaikh Zayed Mosque
P.O. Box: 398, Abu Dhabi
VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE
(Anrede: Your Highness / Eure Hoheit)
Fax: (00 971) 2 402 2762
(00 971) 2 441 5780
E-Mail: moi@moi.gov.ae

Sende eine Kopie an

KRONPRINZ VON ABU DHABI
HH Sheikh Mohamed bin Zayed Al Nahyan
Crown Prince Court
King Abdullah Bin Abdulaziz
Al Saud Street
P.O. Box: 124
Abu Dhabi
VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE
Fax: (00 971) 2 668 6622
Twitter: @MBZNews

BOTSCHAFT DER VEREINIGTEN ARABISCHEN EMIRATE
S. E. Herrn
Ali Abdulla Mohamed Saeed Alahmed
Hiroshimastraße 18-20
10785 Berlin
Fax: 030-5165 1900
E-Mail: AmbOffice.Berlin@mofa.gov.ae

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Arabisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 15. Dezember 2016 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

E-MAILS, FAXE, TWITTER-NACHRICHTEN ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Sorgen Sie bitte dafür, dass das Urteil gegen Amina 'Abdouli aufgehoben und sie freigelassen wird, da sie lediglich aufgrund der friedlichen Wahrnehmung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung angeklagt und verurteilt wurde.

  • Bitte achten und schützen Sie das Recht auf Meinungsfreiheit und heben Sie alle Gesetze auf, welche die friedliche Wahrnehmung dieses Rechts unter Strafe stellen, bzw. ändern Sie solche Gesetze entsprechend ab.

  • Stellen Sie bitte sicher, dass Mos’ab 'Abdouli sein Recht auf einen wirksamen Rechtsbehelf wahrnehmen kann, wie es das Völkerrecht und internationale Standards vorsehen. Ordnen Sie anderenfalls dringend eine Neuverhandlung vor einem Strafgericht der zivilen Behörden an, in dem die Schutzgarantien für ein faires Gerichtsverfahren zur Anwendung kommen und nicht auf die Todesstrafe zurückgegriffen wird.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Calling on the UAE authorities to ensure that Amina 'Abdouli’s conviction is quashed and she is accordingly released, in regard to the charges she has been convicted of, which relate solely to the peaceful exercise of her right to freedom of expression.

  • Urging the UAE authorities to respect and protect the right to freedom of expression, including by repealing or amending all legislation that criminalizes the peaceful exercise of this right.

  • Urging the UAE authorities to ensure Mos’ab 'Abdouli has a right to appeal his conviction in accordance to international law and standards, or else order a retrial before an ordinary criminal court that respects fair trial guarantees, and without recourse to the death penalty.

Sachlage

Die Geschwister Amina 'Abdouli und Mos’ab 'Abdouli erschienen am 31. Oktober zur Urteilsverkündung vor der Staatssicherheitskammer des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Amina 'Abdouli wurde zu fünf Jahren Haft und einer Geldstrafe von 500.000 VAE-Dirham (ca. 120.000 Euro) verurteilt. Sie wurde auf der Grundlage folgender Vorwürfe verurteilt: Einrichten und Betreiben von zwei Twitter-Accounts und Veröffentlichung von Informationen mit dem Ziel, zu Hass gegen den Staat anzustiften und die öffentliche Ordnung zu stören; Verhöhnen und Beschädigen des Rufs staatlicher Einrichtungen; Veröffentlichung falscher Informationen über Saudi-Arabien und abwertende Bemerkungen über einen ägyptischen Beamten in der Absicht, die staatlichen Beziehungen zu Saudi-Arabien und Ägypten zu stören. Ihr Bruder Mos’ab 'Abdouli wurde wegen der Mitgliedschaft in der nichtstaatlichen bewaffneten Gruppe Ahar al-Sham in Syrien vor Juni 2013 und wegen der Teilnahme an einem militärischen Training verurteilt – Vorwürfe, die er nach wie vor abstreitet. Er erhielt eine siebenjährige Gefängnisstrafe. Die Urteile der Staatssicherheitskammer des Obersten Gerichtshofs können nicht angefochten werden. Damit wird den Verurteilten das Recht auf einen wirksamen Rechtsbehelf sowie ihr Recht auf Überprüfung des Schuldspruchs und des Strafmaßes verweigert.

Angehörige der Staatssicherheit nahmen Amina und Mos’ab 'Abdouli am 19. November 2015 in ihrem Haus im nordöstlich gelegenen Emirat Fudschaira zusammen mit ihrer Schwester Moza 'Abdouli fest. Anschließend brachte man sie an einen unbekannten Ort. Am 29. November 2015 wurde auch ihr älterer Bruder Waleed 'Abdouli von Angehörigen der Staatssicherheit festgenommen, nachdem er Kritik an der Festnahme seiner Geschwister geübt hatte. Die vier Geschwister wurden an einem geheimen Ort festgehalten. Waleed 'Abdouli wurde am 14. März 2016 ohne Anklage freigelassen. Am 30. Mai wurde die gegen Moza 'Abdouli erhobene Anklage wegen Beleidigung der VAE, deren Führungsriege und Institutionen durch Twitter-Nachrichten im März 2013 fallengelassen und sie kam frei. Das Verfahren gegen Amina und Mos’ab 'Abdouli begann am 27. Juni vor demselben Gericht. Zwei weitere Anhörungen folgten am 19. September und 10. Oktober.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Waleed 'Abdouli, Amina 'Abdouli, Moza 'Abdouli und Mos’ab 'Abdouli sind die Kinder von Mohammed Ahmed 'Abdouli, welcher der ehemalige Vorsitzende der verbotenen emiratischen Umma-Partei und ein ehemaliger Oberst der Streitkräfte der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) war. Er wurde 2005 festgenommen und etwa zwei Jahre lang ohne Verfahren inhaftiert. Später reiste er nach Syrien, wo er als Militärberater des Befehlshabers der nichtstaatlichen bewaffneten Gruppierung Ahrar al-Sham arbeitete. Am 3. März 2013 wurde er in Rakka getötet.

Am 19. November 2015 wurden Moza, Amina und Mos’ab 'Abdouli Medienberichten zufolge in ihrem Haus im Dorf al-Tayba im nordöstlich gelegenen Emirat Fudschaira festgenommen. In Zivil gekleidete Angehörige der Staatssicherheit durchsuchten das Haus und nahmen sie fest, ohne entsprechende Beschlüsse oder Haftbefehle vorzulegen. Am 29. November durften Moza 'Abdouli und Amina 'Abdouli ihre Angehörigen anrufen. Man erlaubte ihnen jedoch nicht, ihren Aufenthaltsort zu nennen. Am selben Tag wurde Waleed 'Abdouli von Angehörigen der Staatssicherheit festgenommen. Zwei Tage zuvor hatte er in einer Rede während des Freitagsgebets Kritik an der Inhaftierung seiner Geschwister geübt. Sie wurden alle an einem unbekannten Ort festgehalten.

Moza 'Abdouli musste am 4. April 2016 vor der Staatssicherheitskammer des Obersten Gerichtshofs erscheinen, als offiziell Anklage gegen sie wegen Beleidigung der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), deren Führungsriege und Institutionen erhoben wurde. Die Anklage bezog sich auf Twitter-Nachrichten, die sie nach dem Tod ihres Vaters am 3. März 2013 veröffentlicht hatte. Darin brachte die damals 15-Jährige ihre Trauer über den Verlust ihres Vaters zum Ausdruck. Zwei weitere Gerichtstermine fanden am 2. und 16. Mai statt. Während ihres Verfahrens gab Moza 'Abdouli an, dass sie mit keiner der von ihr veröffentlichten Nachrichten beabsichtigt hatte, eine Person, die Regierung oder eine Institution in Verruf zu bringen. Da sie zur Zeit der ihr vorgeworfenen Straftaten noch nicht 18 Jahre alt war, hätte man sie vor ein Jugendgericht stellen müssen. Am 30. Mai wurden die Anklagen fallengelassen und sie kam frei.

Seit 2011 gehen die Behörden der VAE auf beispiellose Art und Weise gegen freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit vor. Der Raum für Kritik ist deutlich kleiner geworden. Viele Staatsbürger_innen der VAE und anderer Länder, die Kritik an der Regierung der VAE, der dortigen Politik oder Menschenrechtslage geübt haben, sind Opfer von Einschüchterungen und Drangsalierungen, Folter, unfairen Gerichtsverfahren und Inhaftierungen geworden. Die Behörden haben mehr als 100 Aktivist_innen und Regierungskritiker_innen festgenommen, inhaftiert und auf Grundlage weit gefasster und pauschaler Anklagepunkte, die die nationale Sicherheit oder Internetkriminalität betreffen, unter Anklage gestellt. Bei den Angeklagten handelt es sich zum Teil auch um bekannte Rechtsanwält_innen, Richter_innen und Akademiker_innen. Die Verfahren entsprechen meist nicht den internationalen Standards für faire Gerichtsverfahren.

Trotz einiger in der Verfassung und den Gesetzen der VAE verankerter Schutzgarantien sind Verletzungen der Rechte von Gefangenen an der Tagesordnung, vor allem in Fällen, in denen die Staatssicherheitsbehörde (State Security Agency – SSA) involviert ist. Angehörige der Staatssicherheitsbehörde führen Festnahmen in der Regel ohne Haftbefehle durch. Viele Festgenommene werden dann wochen- oder monatelang ohne Anklage oder Zugang zu rechtlicher Vertretung an geheimen Haftorten festgehalten. Personen, die unter derartigen Umständen inhaftiert sind, werden häufig zum Opfer von Folter und anderweitigen Misshandlungen. In von Amnesty International untersuchten Fällen weigerten sich die Behörden oftmals monatelang, die Inhaftierungen zu bestätigen oder den Familien der Betroffenen Informationen zukommen zu lassen. Personen, die ohne Kontakt zur Außenwelt oder an geheimen Orten festgehalten werden, befinden sich in erhöhter Gefahr, gefoltert und anderweitig misshandelt zu werden. Entziehen Behörden einer Person die Freiheit, ohne deren Verbleib bekanntzugeben, und verwehren ihr damit den Schutz durch das Gesetz, so handelt es sich um Verschwindenlassen, welches gemäß Völkerrecht verboten ist.

Vom Obersten Gerichtshof der VAE verhängte Schuldsprüche und Strafen können nicht vor einer höheren Instanz angefochten werden. Internationale Menschenrechtsnormen legen jedoch fest, dass jede Person, die einer Straftat für schuldig befunden wird, das Recht hat, vor einem höheren Gericht Rechtsmittel gegen die Verurteilung und das Strafmaß einzulegen. Artikel 101 der Verfassung der VAE sowie Paragraf 67 des Gesetzes über den Obersten Gerichtshof besagen, dass die Urteile des Gerichtshofs endgültig, bindend und nicht anfechtbar sind.