Geschwister nicht länger "verschwunden"

Am 27. Juni sind Amina 'Abdouli und ihr Bruder Mos’ab 'Abdouli vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) erschienen. Der nächste Gerichttermin soll am 19. September stattfinden. Waleed 'Abdouli, der ältere Bruder der beiden, war am 14. März freigelassen worden. Ihre jüngere Schwester Moza 'Abdouli wurde am 30. Mai freigesprochen.

Appell an

VIZEPRÄSIDENT UND MINISTERPRÄSIDENT
HH Sheikh Mohammed Bin Rashid al-Maktoum
Prime Minister’s Office, P.O. Box: 212000, Dubai
VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE
(Anrede: Your Highness / Eure Hoheit)
Fax: (00 971) 4 330 4044
Twitter: @HHShkMoh
E-Mail: info@primeminister.ae

INNENMINISTER
Sheikh Saif bin Zayed Al Nahyan
Zayed Sport City, Arab Gulf Street
Near to Shaikh Zayed Mosque
P.O. Box: 398, Abu Dhabi
VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE
(Anrede: Your Highness / Eure Hoheit)
Fax: (00 971) 2 402 2762
(00 971) 2 441 5780
E-Mail: moi@moi.gov.ae

Sende eine Kopie an

KRONPRINZ VON ABU DHABI
HH Sheikh Mohamed bin Zayed Al Nahyan
Crown Prince Court
King Abdullah Bin Abdulaziz
Al Saud Street
P.O. Box: 124
Abu Dhabi
VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE
Fax: (00 971) 2 668 6622
Twitter: @MBZNews

BOTSCHAFT DER VEREINIGTEN ARABISCHEN EMIRATE
S.E. Herr Ali Abdulla Mohamed Saeed Alahmed
Hiroshimastraße 18-20
10785 Berlin
Fax: 030-5165 1900
E-Mail: AmbOffice.Berlin@mofa.gov.ae

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Arabisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 29. August 2016 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

E-MAILS, FAXE, TWITTER-NACHRICHTEN ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Bitte lassen Sie die Anklagen gegen Amina und Mos’ab 'Abdouli fallen, die sich ausschließlich auf die Wahrnehmung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung beziehen.

  • Lassen Sie Amina und Mos’ab 'Abdouli bitte frei, sofern sie nicht einer international als Straftat anerkannten Handlung angeklagt und in einem fairen Verfahren vor ein ordentliches Strafgericht gestellt werden. Dabei muss ihren ihr Recht auf Einlegen eines Rechtsmittels gewährt werden und die Todesstrafe ausgeschlossen sein.

  • Stellen Sie bitte sicher, dass Amina und Mos’ab 'Abdouli in der Haft vor Folter und anderweitiger Misshandlung geschützt sind und regelmäßigen Zugang zu ihren Familien, Rechtsbeiständen und jeglicher erforderlichen medizinischen Versorgung haben.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Calling on the UAE authorities to drop any charges against Amina and Mos’ad 'Abdouli that stem from their peaceful exercise of the right to freedom of expression.

  • Release Amina and Mos’ad 'Abdouli unless they are charged with a recognisable criminal offense under international standards and tried before an ordinary criminal court in accordance with international fair trial standards, including the right to appeal, and without recourse to the death penalty.

  • Calling on them to ensure that the two siblings are protected from torture and other ill-treatment and given prompt access to a lawyer, their family and any medical attention they may require.

Sachlage

Am 27. Juni erschienen Amina 'Abdouli und ihr Bruder Mos’ab 'Abdouli zum ersten Mal seit ihrer Festnahme vor der Staatssicherheitskammer des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Arabischen Emirate. Gegen Amina 'Abdouli wurde in folgenden Punkten Anklage erhoben: Einrichten und Betreiben von zwei Twitter-Accounts und Veröffentlichung von Informationen mit dem Ziel, zu Hass gegen den Staat anzustiften und die öffentliche Ordnung zu stören sowie Verhöhnen und Beschädigen des Rufs staatlicher Einrichtungen. Zudem wird ihr vorgeworfen, falsche Informationen über Saudi-Arabien veröffentlicht und abwertende Bemerkungen über einen ägyptischen Beamten geäußert zu haben, um die staatlichen Beziehungen zu Saudi-Arabien und Ägypten zu stören. Ihr Bruder Mos’ab 'Abdouli wurde wegen der Mitgliedschaft in der nichtstaatlichen bewaffneten Gruppe Ahar al-Sham in Syrien vor Juni 2013 und wegen der Teilnahme an einem militärischen Training angeklagt. Er streitet die Vorwürfe ab. Das Gericht setzte den nächsten Termin auf den 19. September fest. Die beiden Geschwister wurden in der ersten Juliwoche in das al-Wathba-Gefängnis in Abu Dhabi gebracht. Ihr älterer Bruder, Waleed 'Abdouli wurde am 14. März ohne Anklage freigelassen.

Angehörige der Staatssicherheit nahmen Amina und Mos’ab 'Abdouliam am 19. November 2015 in ihrem Haus im nordöstlich gelegenen Emirat Fudschairah zusammen mit ihrer Schwester Moza 'Abdouli fest. Anschließend brachte man sie an einen unbekannten Ort. Am 29. November 2015 wurde auch Waleed 'Abdouli von Angehörigen der Staatssicherheit festgenommen, nachdem er Kritik an der Festnahme seiner Geschwister geübt hatte. Die vier Geschwister wurden an einem geheimen Ort festgehalten. Anfang April 2016 erschien Moza 'Abdouli dann erstmals vor der Staatssicherheitskammer des Obersten Gerichtshofs. Am 30. Mai wurde die gegen sie erhobene Anklage wegen Beleidigung der VAE, deren Führungsriege und Institutionen durch Twitter-Nachrichten im März 2013 fallengelassen und sie kam frei.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Waleed 'Abdouli, Amina 'Abdouli, Moza 'Abdouli und Mos’ab 'Abdouli sind die Kinder von Mohammed Ahmed 'Abdouli, welcher der ehemalige Vorsitzende der verbotenen emiratischen Umma-Partei und ein ehemaliger Oberst der Streitkräfte der Vereinigten Arabischen Emirate war. Er wurde 2005 festgenommen und etwa zwei Jahre lang ohne Verfahren inhaftiert. Später reiste er nach Syrien, wo er als Militärberater des Befehlshabers der nichtstaatlichen bewaffneten Gruppierung Ahrar al-Sham arbeitete. Am 3. März 2013 wurde er in Rakka getötet.

Am 19. November 2015 wurden Moza, Amina und Mos’ab 'Abdouli in ihrem Haus im Dorf al-Tayba im nordöstlich gelegenen Emirat Fudschaira festgenommen. In Zivil gekleidete Angehörige der Staatssicherheit durchsuchten das Haus und nahmen sie fest, ohne entsprechende Beschlüsse oder Haftbefehle vorzulegen. Am 29. November durften Moza 'Abdouli und Amina 'Abdouli ihre Angehörigen anrufen. Man erlaubte ihnen jedoch nicht, ihren Aufenthaltsort zu nennen. Am selben Tag wurde ein weiterer Bruder der inhaftierten Geschwister, Waleed 'Abdouli, von Angehörigen der Staatssicherheit festgenommen. Zwei Tage zuvor hatte er in einer Rede während des Freitagsgebets Kritik an der Inhaftierung seiner Geschwister geübt. Sie wurden alle an einem unbekannten Ort festgehalten.

Moza 'Abdouli musste am 4. April 2016 vor der Staatssicherheitskammer des Obersten Gerichtshofs erscheinen, als offiziell Anklage gegen sie wegen Beleidigung der VAE, deren Führungsriege und Institutionen durch Twitter-Nachrichten erhoben wurde. Die Anklage bezog sich auf Tweets, die sie nach dem Tod ihres Vaters am 3. März 2013 veröffentlicht hatte. Darin brachte die damals 15-Jährige ihre Trauer über den Verlust ihres Vaters zum Ausdruck. Zwei weitere Gerichtstermine fanden am 2. und 16. Mai statt. Während ihres Verfahrens gab Moza 'Abdouli an, dass sie mit keiner der von ihr veröffentlichten Nachrichten beabsichtigt hatte, eine Person, die Regierung oder eine Institution in Verruf zu bringen. Da sie zur Zeit der ihr vorgeworfenen Straftaten noch nicht 18 Jahre alt war, hätte man sie vor ein Jugendgericht stellen müssen. Am 30. Mai wurden die Anklagen fallengelassen und sie kam frei.

Seit 2011 gehen die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate auf beispiellose Art und Weise gegen freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit vor. Der Raum für Kritik ist deutlich kleiner geworden. Viele Staatsbürger_innen der VAE und anderer Länder, die Kritik an der Regierung der VAE, der dortigen Politik oder Menschenrechtslage geübt haben, sind Opfer von Einschüchterungen und Drangsalierungen, Folter, unfairen Gerichtsverfahren und Inhaftierungen geworden. Die Behörden haben mehr als 100 Aktivist_innen und Regierungskritiker_innen festgenommen, inhaftiert und auf Grundlage weit gefasster und pauschaler Anklagepunkte, die die nationale Sicherheit oder Internetkriminalität betreffen, unter Anklage gestellt.

Trotz einiger in der Verfassung und den Gesetzen der Vereinigten Arabischen Emirate verankerter Schutzregelungen sind Verletzungen der Rechte von Gefangenen an der Tagesordnung, vor allem in Fällen, in denen die Staatssicherheitsbehörde (State Security Agency - SSA) involviert ist. Angehörige der Staatssicherheitsbehörde führen Festnahmen in der Regel ohne Haftbefehle durch. Viele Festgenommene werden dann wochen- oder monatelang ohne Anklage oder Zugang zu rechtlicher Vertretung an geheimen Haftorten festgehalten. Personen, die unter derartigen Umständen inhaftiert sind, werden häufig zum Opfer von Folter und anderweitigen Misshandlungen. In von Amnesty International untersuchten Fällen weigerten sich die Behörden oftmals monatelang, die Inhaftierungen zu bestätigen oder den Familien der Betroffenen Informationen zukommen zu lassen. Personen, die ohne Kontakt zur Außenwelt oder an geheimen Orten festgehalten werden, befinden sich in erhöhter Gefahr, gefoltert und anderweitig misshandelt zu werden. Entziehen staatliche Behörden einer Person die Freiheit, ohne deren Verbleib bekanntzugeben, und verwehren ihr damit den Schutz durch das Gesetz, so handelt es sich um Verschwindenlassen, welches gemäß Völkerrecht verboten ist.

Vom Obersten Gerichtshof der Vereinigten Arabischen Emirate verhängte Schuldsprüche und Strafen können nicht vor einer höheren Instanz angefochten werden. Internationale Menschenrechtsnormen legen jedoch fest, dass jede Person, die einer Straftat für schuldig befunden wird, das Recht hat, vor einem höheren Gericht Rechtsmittel gegen die Verurteilung und das Strafmaß einzulegen. Artikel 101 der Verfassung der VAE sowie Paragraf 67 des Gesetzes über den Obersten Gerichtshof besagen, dass die Urteile des Gerichtshofs endgültig, bindend und nicht anfechtbar sind.