Drei Anwälte festgenommen

Teng Biao 2007 in Berlin

Teng Biao 2007 in Berlin

Die Menschenrechtsanwälte Jiang Tianyong, Tang Jitian und Teng Biao sind in Peking festgenommen worden. Die Behörden haben bisher weder ihren Aufenthaltsort noch die rechtlichen Gründe für die Inhaftierung bekannt gegeben. Den drei Männern drohen Folter und andere Misshandlungen.

Appell an

LEITER DES BÜROS FÜR ÖFFENTLICHE SICHERHEIT IN PEKING
FU Zhenghua Juzhang
Beijingshi Gong'anju , 9 Dongdajie, Qianmen
Dongchengqu, Beijingshi 100740
VOLKSREPUBLIK CHINA
(korrekte Anrede: Dear Director)
Fax: (00 86) 10 652 429 27

JUSTIZMINISTER
WU Aiying Buzhang
Sifabu, 10 Chaoyangmen Nandajie

Chaoyangqu, Beijingshi 100020
VOLKSREPUBLIK CHINA
(korrekte Anrede: Dear Minister)
Fax: (00 86) 10 652 923 45
E-Mail: pfmaster@legalinfo.gov.cn

Sende eine Kopie an

MINISTER FÜR ÖFFENTLCHE SICHERHEIT
MENG Jianzhu Buzhang
Gong’anbu, 14 Dongchang’anjie
Dongchengqu, Beijingshi 100741
VOLKSREPUBLIK CHINA
(korrekte Anrede: Your Excellency)

BOTSCHAFT DER VOLKSREPUBLIK CHINA
S. E. Herrn Hongbo Wu
Märkisches Ufer 54
10179 Berlin
Fax: 030-27 58 82 21
E-Mail: de@mofcom.gov.cn

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Chinesisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 11. April 2011 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

SCHREIBEN SIE BITTE E-MAILS, FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Stellen Sie bitte unverzüglich den gegenwärtigen rechtlichen Status sowie den Aufenthaltsort von Jiang Tianyong, Tang Jitian und Teng Biao klar.

  • Lassen Sie die Männer frei, sofern sie nicht umgehend einer international als Straftat anerkannten Handlung angeklagt werden.

  • Stellen Sie sicher, dass Jiang Tianyong, Tang Jitian und Teng Biao während ihrer Haftzeit Zugang zu ihren Familien, einem Rechtsbeistand ihrer Wahl sowie jeder notwendigen medizinischen Versorgung erhalten.

Sachlage

Am 16. Februar 2011 trafen sich die drei Anwälte in einem Restaurant, um den Fall eines gewaltlosen politischen Gefangenen zu besprechen, der unter rechtswidrigem Hausarrest steht. Am selben Abend nahmen Polizeibeamt_innen Tang Jitian in seiner Wohnung im Pekinger Stadtbezirk Haidian fest und durchsuchten auch die Wohnung. Die Polizei weigert sich bislang, seiner Familie Auskunft über seinen Aufenthaltsort zu erteilen.

Jiang Tianyong wurde am 16. Februar von der Bezirkspolizei Haidian auf die Polizeiwache zitiert. Wenige Stunden später erhielten Jiang Tianyongs Freund_innen eine SMS von ihm, in der er angab, von der Polizei geschlagen worden zu sein. Während der Vernehmung drückten Polizist_innen Jiang Tianyong seinen Angaben zufolge an die Wand und schlugen dabei seinen Kopf an die Wand, bis ihm schwindelig wurde. Gegen 21 Uhr wurde er freigelassen, doch am 19. Februar wurde er in der Wohnung seines Bruders erneut von Polizeibeamt_innen festgenommen. Als Jiang Tianyongs Bruder und seine über 70 Jahre alte Mutter versuchten, die Beamt_innen an der Festnahme zu hindern, wurden sie von den Polizist_innen geschlagen. Um Mitternacht kehrten einige Beamt_innen zurück und beschlagnahmten einen Computer. Die örtliche Polizei teilte Jiang Tianyongs Familie mit, dass sie nichts über seinen Verbleib wüsste und ihn als vermisst melden würde. Auch die Wohnung von Jiang Tianyong wurde polizeilich durchsucht.

Teng Biao wurde am 19. Februar ebenfalls in Peking festgenommen. Die Umstände seiner Festnahme sind allerdings unklar. Seine Freund_innen sind der Ansicht, dass ihn die Polizei auf der Straße angehalten haben muss. Die Polizei überwacht Teng Biao bereits seit 2008.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Es gibt über 200.000 Anwält_innen in China, doch nur wenige von ihnen sind bereit, das Risiko auf sich zu nehmen, Opfer von Menschenrechtsverletzungen zu vertreten. Diese Anwält_innen spielen eine wichtige Rolle in der Bewegung zur Verteidigung der Rechte des Menschen (weiquan), deren Ziel es ist, die Rechte von Einzelpersonen durch die Anwendung der chinesischen Gesetze zu schützen.

Diese Weiquan-Anwält_innen werden, ähnlich wie andere Menschenrechtsverteidiger_innen in China, drangsaliert, angegriffen, überwacht und strafrechtlich dafür verfolgt, dass sie die Rechte Anderer zu schützen versuchen.
Die chinesischen Behörden verhängen außerdem willkürliche Verwaltungssanktionen (z.B. Geldstrafen) gegen Kanzleien, die weiquan-Anwält_innen beschäftigen. Auch können sie politischen Druck auf solche Kanzleien ausüben, da sie die Kontrolle über berufliche Lizenzen für Kanzleien oder individuelle Anwält_innen besitzen.

Im Juli 2009 entzogen die Pekinger Justizbehörden Jiang Tianyong seine Zulassung als Anwalt. Er hat jedoch Opfern von Menschenrechtsverletzungen weiterhin Rechtshilfe gewährt. Im April 2010 wurde Tang Jitian von den Justizbehörden seine Zulassung dauerhaft entzogen. Auf der Internetseite der Justizbehörde von Peking wurde mitgeteilt, dass er und Liu Wei – dem ebenfalls dauerhaft die Anwaltszulassung entzogen wurde – einen Gerichtssaal ohne rechtfertigenden Grund verlassen hätten. Sie hätten außerdem "die Anordnungen von Gerichtsangestellten missachtet…die Verhandlung gestört und den regulären Ablauf des Gerichtsverfahrens beeinträchtigt". Dieser Vorwurf bezog sich auf ein Verfahren im April 2009, bei dem sie Falun-Gong-Anhänger_innen verteidigten. Die beiden Anwälte beteuern, dass der Richter auf Geheiß eines Regierungsbeamten im Gerichtssaal ihre Verteidigung behindert habe und sie keine andere Möglichkeit gesehen hätten, als das Gericht zu verlassen. 2009 wurde Tang Jitian kurzzeitig von der Polizei festgehalten. Dabei forderten ihn die Beamt_innen auf, "sich in Zukunft kooperativ zu zeigen" und "nicht zu idealistisch" zu sein.

Teng Biao arbeitet als Dozent an der Pekinger Universität für Politik und Recht. Er wurde bisher wenigstens einmal kurzzeitig inhaftiert, und zwar im Jahr 2008. Im selben Jahr war Teng Biao der einzige Anwalt in Peking, dessen Zulassung bei der jährlichen Prüfung nicht verlängert wurde. Er vertritt Personen, die mit der Todesstrafe rechnen müssen, und arbeitet an Fällen mutmaßlicher Folterungen. Er übernimmt nach wie vor Fälle von Menschenrechtsverletzungen und verteidigte seine Kollegen Tang Jitian und Liu Wei in einer Anhörung vor dem Verwaltungsgericht, in der es um die Aberkennung ihrer Zulassungen ging.

Die drei Anwälte hatten sich am 16. Februar 2011 getroffen, um den Fall von Chen Guangcheng zu besprechen. Chen Guangcheng hat sich autodidaktisch zum Rechtsberater fortgebildet und ist ein gewaltloser politischer Gefangener, der im September 2010 aus der Haft entlassen worden war. Seitdem stehen er und seine Familie unter rechtswidrigem Hausarrest. Obwohl er dringend medizinische Hilfe benötigt, hat er keinen Zugang zu einer unabhängigen medizinischen Untersuchung und Versorgung. Auch einkaufen gehen darf er nicht. Nachdem am 10. Februar ein selbst gedrehtes Video veröffentlicht wurde, das die Bedingungen des rechtswidrigen Hausarrests von Chen Guangcheng, seiner Frau und seiner jungen Tochter deutlich macht, wurden er und seine Frau geschlagen.