Drohende Hinrichtung in Missouri

DIese Urgent Action ist beendet.

Am 22. August ordnete der Gouverneur von Missouri die Aussetzung der für den gleichen Tag geplanten Hinrichtung von Marcellus Williams an. Der Gouverneur wird einen Untersuchungsausschuss einsetzen, um den Fall zu prüfen und eine Empfehlung hinsichtlich einer möglichen Begnadigung auszusprechen.

Demonstration gegen die Todesstrafe in Boston, USA

Demonstration gegen die Todesstrafe in Boston, USA

Der Afro-Amerikaner Marcellus Williams soll am 22. August im US-Bundesstaat Missouri wegen eines 1998 begangenen Mordes hingerichtet werden. Er beteuert seine Unschuld. Die Geschworenen in seinem Fall waren fast ausnahmslos weiß. Zwei der vier Bundesrichter, die seinen Fall überprüften, sind zu dem Schluss gekommen, dass Marcellus Williams in der Strafzumessungsphase des Verfahrens nicht angemessen verteidigt wurde.

Appell an

Gouverneur von Missouri
Governor Eric Greitens
PO Box 720
Jefferson City
MO 65102
USA

E-Mail: über https://governor.mo.gov/get-involved/contact-the-governors-office (auf dem Formular kann man "Outside the U.S." auswählen, bei Zip Code genügt die Eingabe von "00000")
Twitter: @EricGreitens

Sende eine Kopie an

Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika
Herrn Kent Doyle Logsdon
Geschäftsträger a.i., Gesandter-Botschaftsrat
Clayallee 170
14191 Berlin
Fax: 030-83 05 10 50
E-Mail: über http://germany.usembassy.de/email/feedback.htm

Amnesty fordert:

  • Stoppen Sie bitte die Hinrichtung von Marcellus Williams.
  • Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass in diesem Fall lediglich Indizienbeweise vorliegen und es keinerlei forensische Beweise oder Augenzeugenberichte gibt, die ihn mit der Tat in Verbindung bringen. Zudem beruht die Verurteilung stark auf den Angaben eines Informanten aus dem Gefängnis, eine notorisch unzuverlässige Art der Beweisführung.
  • Es besorgt mich sehr, dass bei der Auswahl der Geschworenen sechs Afro-Amerikaner_innen abgelehnt wurden und dass den Geschworenen die strafmildernden Faktoren – nämlich die geistige Behinderung des Angeklagten sowie die Tatsache, dass er in der Vergangenheit misshandelt worden war und in Armut lebte – nicht zur Kenntnis gebracht wurden.

Sachlage

Der Afro-Amerikaner Marcellus Williams soll am 22. August im US-Bundesstaat Missouri wegen eines 1998 begangenen Mordes hingerichtet werden. Er beteuert seine Unschuld. Die Geschworenen in seinem Fall waren fast ausnahmslos weiß. Zwei der vier Bundesrichter, die seinen Fall überprüften, sind zu dem Schluss gekommen, dass Marcellus Williams in der Strafzumessungsphase des Verfahrens nicht angemessen verteidigt wurde.

Am 11. August 1998 wurde die 42-jährige Felicia Gayle in ihrer Wohnung in University City in St. Louis County im US-Bundesstaat Missouri erstochen aufgefunden. Sie war als Reporterin für eine Lokalzeitung tätig und mit einem Arzt verheiratet, der eine Belohnung von 10.000 US-Dollar für Informationen zu ihrer Ermordung aussetzte, nachdem keine unmittelbaren Festnahmen erfolgten. Mehr als ein Jahr nach der Tat legte die Polizei den Mord Marcellus Williams zur Last, und zwar basierend auf Angaben eines Gefängnisinsassen, der mit Marcellus Williams zu einem früheren Zeitpunkt einmal eine Zelle geteilt hatte. Der Informant sagte der Polizei, dass Marcellus Williams ihm gegenüber erklärt habe, den Mord begangen zu haben. Derartige Informantenangaben führen in den USA regelmäßig zu Fehlurteilen. Vor der Aussage dieses Informanten im Juni 1999 tappte die Polizei in dem Fall im Dunkeln. Als die Polizei die Ex-Freundin von Marcellus Williams befragte, beschuldigte auch sie ihn des Mordes an Felicia Gayle.

Während des Auswahlverfahrens für die Geschworenen der Gerichtsverhandlung im Juni 2001 wurden sechs von sieben afro-amerikanischen Geschworenenkandidat_innen von der Staatsanwaltschaft abgelehnt. Die Jury bestand letztlich aus elf Weißen und einem Schwarzen. Felicia Gayle war weiß, Marcellus Williams ist schwarz. Der Informant aus dem Gefängnis und die Ex-Freundin von Marcellus Williams sagten für die Staatsanwaltschaft gegen Marcellus Williams aus. Es lagen lediglich Indizienbeweise gegen ihn vor und es gibt weder forensische Beweise noch Augenzeugenberichte, die ihn mit der Tat in Verbindung bringen. Dennoch befanden die Geschworenen Marcellus Williams für schuldig. Sie erhielten keine Informationen über die geistige Behinderung des Angeklagten und die Tatsache, dass er in der Vergangenheit misshandelt worden war und in Armut lebte, und empfahlen die Verhängung des Todesurteils gegen ihn.

Im Berufungsverfahren stellten die Rechtsbeistände von Marcellus Williams die Glaubwürdigkeit der beiden Zeug_innen für die Staatsanwaltschaft infrage. Sie warfen außerdem die Frage auf, ob die Staatsanwaltschaft gegenüber der Verteidigung möglicherweise Informationen über die Zeug_innen zurückgehalten habe, und machten geltend, dass die Verteidigung womöglich keine ausreichenden Untersuchungen durchgeführt hatte. Vor dem Gerichtsverfahren wurden bedingte DNA-Tests vorgenommen, in denen die DNA von Marcellus Williams nicht identifiziert werden konnte. Im Berufungsverfahren beantragten seine Rechtsbeistände weitere DNA-Tests, um die "Identität des wirklichen Mörders" zutage zu fördern. Im Jahr 2016 wurden DNA-Spuren getestet, die auf dem Griff des Messers gefunden wurden, das als Mordwaffe gedient hatte. Laut Angaben des Testinstituts könne anhand des DNA-Profils nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden, dass Marcellus Williams der Täter sei. Ein Experte der Verteidigung kam jedoch zu dem Schluss, dass "Williams' DNA nicht in dem Profil enthalten ist" und "Marcellus Williams aller Wahrscheinlichkeit nach nichts mit der auf dem Messer gefundenen DNA zu tun hat". Die Rechtsbeistände von Marcellus Williams haben zudem versucht, Zugang zu Nachweisen und Unterlagen in einem bisher ungelösten Mordfall zu erhalten, bei dem einen Monat vor dem Mord an Felicia Gayle eine Frau in einem Nachbarviertel von St. Louis getötet worden war. Die Ähnlichkeiten im Tathergang ließen einen Ermittlungsbeamten auf das Werk eines Serienmörders schließen.

Seit der Verabschiedung der neuen Todesstrafengesetze im Jahr 1976 und der Wiederaufnahme von Hinrichtungen 1977 sind in den USA insgesamt 1.456 Todesurteile vollstreckt worden, 88 davon in Missouri. 2017 sind in den USA bisher 14 Todesurteile vollstreckt worden, eines davon in Missouri. Amnesty International wendet sich in allen Fällen, weltweit und ausnahmslos gegen die Todesstrafe. In den USA kommt es in der Anwendung der Todesstrafe regelmäßig zu Willkür, Diskriminierung und Fehlern. Seit 1973 sind dort mehr als 150 Todesurteile rückgängig gemacht worden, weil sich herausstellte, dass die Betroffenen unschuldig waren. So wurde 2003 Joseph Amrine aus dem Todestrakt in Missouri entlassen, nachdem er 17 Jahre lang wegen einer Straftat in der Todeszelle gesessen hatte, die er nicht begangen hat. Joseph Amrine ist schwarz und wurde von einer ausnahmslos aus Weißen bestehenden Jury auf der Grundlage der Aussage eines Informanten zum Tode verurteilt. Weitere Informationen finden Sie hier: www.amnesty.org/en/documents/amr51/085/2002/en/ und
www.amnesty.org/en/documents/amr51/060/2003/en/.

Hintergrundinformation

Hintergrund

(auf Englisch)

Troubling jury selection tactics have occurred in other St Louis County trials. At the 2001 trial of Andre Cole, who was black, the prosecutor dismissed three African Americans during jury selection, resulting in an all-white jury. Andre Cole was executed in 2015. Herbert Smulls, black, was sentenced to death by an all-white jury in 1992 and executed in 2014. The prosecutor had dismissed the only remaining black prospective juror on the grounds that she worked as a mail sorter and that such workers were "disgruntled, unhappy people" who occupy "the bottom of the employment ladder". Kimber Edwards, black, was sentenced to death by an all-white jury in 2002 after the prosecutor removed all three black prospective jurors (his death sentence was commuted in 2015). In relation to the second of these potential jurors, the prosecutor said he dismissed him because he worked for the postal service and the prosecutor "always struck postal workers", because they were employees of "one of the biggest bureaucratic organizations" who had to follow rules, and jury service gave them the opportunity to "not follow the rules".

Under the 1986 US Supreme Court decision Batson v Kentucky, prospective jurors can only be removed for "race neutral" reasons. If the defence makes a prima facie case of discrimination by the prosecution, the burden shifts to the state to provide race neutral explanations. In Marcellus Williams’s trial, the defence initiated Batson challenges in relation to three of the six African American would-be jurors dismissed by the prosecutor. On the first, the prosecutor explained that the individual’s earrings, his "bookish" glasses, goatee beard, and "loud" clothing indicated that he was "trying to be different" and was "liberal", that his demeanour and appearance were similar to the defendant’s, and that he was a postal worker, and that clerks and mail handlers tended to be liberal, in the prosecutor’s view. On the second juror, the prosecutor said that he was dismissed because he was not "definite enough" on whether he could impose the death penalty. The third, according to the prosecutor, was dismissed because he had been fired from his job for physically attacking a fellow employee, and because he appeared upset after other individuals in the jury pool laughed at him. The reasons were all accepted as "race neutral" by the trial judge.

In 2010, a federal judge ordered that Marcellus Williams receive a new sentencing, having found that his trial lawyer had failed to present any mitigating evidence of how "Williams was subjected to brutally violent physical abuse by family members, he was a victim of sexual abuse, his family condoned and encouraged criminal behaviour, he came from an impoverished household, and he was exposed to guns, drugs and alcohol at a young age". In 2004, a psychologist retained by the appeal lawyers diagnosed Marcellus Williams, among other things, with Post Traumatic Stress Disorder, the symptoms of which were "all ignored and left unabated and untreated" for years. In 2012, the US Court of Appeals for the Eighth Circuit reversed the ruling by two votes to one. The dissenting judge "strongly disagree[d]" with the majority view that under the deferential standard in US law for federal review of state court decisions "we must defer to [the Missouri Supreme Court’s] decision that Williams was not prejudiced" by his lawyer’s failure. The judge accused the majority of "an unreasonable deference to an unreasonable strategy based on unreasonable investigation", which ignored the trial lawyer’s own admission during the appeal that his decision not to investigate his client’s background was not strategic as the majority suggested, but was because he "ran out of time" due to the fact that he had been involved in another capital murder trial at the time (the judge overseeing the Marcellus Williams trial had denied the defence request for a delay), and that if he had had the mitigation evidence he would have presented it to the jury.