Marokko: Drei Jahre Haft für Bloggerin Saida El Alami
© Amnesty International
Die marokkanische Bloggerin und Menschenrechtlerin Saida El Alami verbüßt eine ungerechtfertigte Gefängnisstrafe, weil sie ihre Rechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit wahrgenommen hat. Sie wurde festgenommen, nachdem sie eine Protestveranstaltung gegen Todesfälle in Gewahrsam per Livestream übertragen hatte. Im September 2025 verurteilte ein Strafgericht sie zu drei Jahren Haft und einer Geldstrafe. Grundlage waren Social-Media-Beiträge und öffentliche Äußerungen, in denen sie die Behörden kritisierte und mutmaßliche Korruption und Menschenrechtsverletzungen anprangerte.
Setzt euch für Saida El Alami ein!
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Appell an
Regierungschef
Aziz Akhannouch
Palais Royal Touarga
Rabat 10070
MAROKKO
Sende eine Kopie an
Botschaft des Königreichs Marokko
I.E. Frau Zohour Alaoui
Niederwallstraße 39
10117 Berlin
Fax: 030 – 20 612 420
E-Mail: kontakt@botschaft-marokko.de
Amnesty fordert:
- Bitte lassen Sie Saida El Alami umgehend und bedingungslos frei und heben Sie das gegen sie verhängte Urteil auf, da es lediglich auf der Wahrnehmung ihrer Menschenrechte basiert.
- Stellen Sie zudem sicher, dass sie bis zu ihrer Freilassung Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung erhält, die der Medizinethik entspricht. Sie muss außerdem regelmäßig Besuch von ihrer Familie und ihren Rechtsbeiständen erhalten dürfen, und ihre Haftbedingungen müssen den internationalen Standards entsprechen.
Sachlage
Die Menschenrechtsverteidigerin und Bloggerin Saida El Alami ist in Marokko in Haft. Sie wurde am 1. Juli 2025 in Casablanca von Polizist*innen in Zivil festgenommen, nachdem sie eine Protestveranstaltung gegen Todesfälle in Gewahrsam per Livestream übertragen hatte. Am 16. September 2025 verurteilte sie das Strafgericht erster Instanz in Ain Sebaa (Tribunal de première instance d'Aïn Sebaâ) in Casablanca zu drei Jahren Haft und einer Geldstrafe von 20.000 Dirham (etwa 1.870 Euro). Grundlage waren Social-Media-Beiträge und öffentliche Äußerungen, in denen sie die Behörden kritisierte und mutmaßliche Korruption und Menschenrechtsverletzungen aufdeckte. Am 17. Dezember bestätigte das Berufungsgericht von Casablanca sowohl die Verurteilung als auch das Strafmaß.
Laut Gerichtsunterlagen, die von Amnesty International eingesehen wurden, beruhen die Vorwürfe gegen Saida El Alami auf zahlreichen Facebook-Beiträgen und -Videos. Darin prangerte sie mutmaßliche Fälle von Korruption an, kritisierte willkürliche Inhaftierungen, forderte die Freilassung von Personen, die aus politisch motivierten Gründen inhaftiert waren, äußerte sich zu Haftbedingungen und Menschenrechtsverletzungen, und stellte die Unabhängigkeit der Justiz infrage. Die Behörden nutzten diese Beiträge als Beweise, um sie wegen "Diffamierung eines Staatsorgans", "Beleidigung von Beamt*innen im Dienst" und "unerlaubte Übertragung und Verbreitung falscher Behauptungen" (Paragraf 263, 265 und 2-447 des Strafgesetzbuchs) zu verurteilen. Diese Verurteilung und das verhängte Strafmaß verstoßen gegen internationale Menschenrechtsnormen, in denen das Recht auf Kritik an Amtsträger*innen, staatlichen Institutionen und Justizorganen verankert ist.
Nach Angaben von Familienangehörigen ist Saida El Alami in der Haft Schikanen und Misshandlungen ausgesetzt. Als sie im Dezember 2025 im Oukacha-Gefängnis in Casablanca inhaftiert war, beleidigten ihre Mithäftlinge sie und zerrissen ihre Kleidung. Gefängniswärter*innen besprühten sie mit einem Wasserschlauch. Nach ihrer Verlegung in das Dar-Beida-Gefängnis im Januar 2026 gingen die Schikanen weiter. Andere Häftlinge bedrohten sie und sie wurde über längere Zeiträume hinweg in Isolationshaft gehalten. Dabei wurde ihr bis zu drei Wochen lang der Zugang zum Gefängnishof verweigert. Familienangehörige berichten über haarsträubende Haftbedingungen: so herrschten in den Zellen extrem hohe Temperaturen und die hygienischen Verhältnisse seien schlecht.
Seit ihrer Inhaftierung hat sich der Gesundheitszustand von Saida El Alami erheblich verschlechtert. Nach Angaben ihrer Familie hat sie Diabetes und Bluthochdruck entwickelt, mehr als 20 Kilo abgenommen und Schwierigkeiten beim Gehen. Im April 2026, kurz nachdem Saida El Alami einen Hungerstreik durchgeführt hatte, konnte ihre Familie zwei Wochen lang keinen Kontakt zu ihr aufnehmen und sah sie erst wieder, nachdem die Angehörigen öffentlich Bedenken hinsichtlich ihres Verbleibs äußerten. Bei diesem Besuch fanden sie die Bloggerin im Rollstuhl vor. Sie wirkte extrem geschwächt und hatte blasse Haut. Ihre Lippen bluteten, weil sie so stark dehydriert war. Ihre Familie macht sich große Sorgen um die körperliche und geistige Gesundheit von Saida El Alami, da sie offenbar keinen angemessenen Zugang zur Gesundheitsversorgung hat.
Hintergrundinformation
Die Menschenrechtlerin und Bloggerin Saida El Alami ist in Marokko bekannt dafür, dass sie Korruption und Menschenrechtsverletzungen anprangert. Sie ist Mitglied des Kollektivs Femmes Marocaines Contre la Détention Politique, einer Bewegung von Menschenrechtlerinnen, die sich gegen politisch motivierte Inhaftierungen einsetzt.
Die Behörden haben Saida El Alami wegen ihres friedlichen Engagements und ihrer Äußerungen im Internet wiederholt ins Visier genommen. Die Polizei nahm sie am 23. März 2022 fest, nachdem sie tags zuvor in den Sozialen Medien einen Beitrag geteilt hatte, in dem sie Sicherheitskräfte dafür kritisierte, bei ihren Nachbar*innen Nachforschungen über sie angestellt zu haben. Darüber hinaus hatte sie einen Beitrag veröffentlicht, in dem sie mutmaßliche korrupte Handlungen im Justizwesen anprangerte. Sie wurde damals vor einem Gericht in Casablanca wegen "Diffamierung eines Staatsorgans", "Beleidigung von Beamt*innen im Dienst", "Missachtung von Gerichtsentscheidungen" und "unerlaubter Übertragung und Verbreitung falscher Behauptungen" (Paragraf 265, 263, 266 und 2-477 des Strafgesetzbuchs) angeklagt. Im April 2022 erhielt sie eine zweijährige Freiheitsstrafe. Im Berufungsverfahren vom September 2022 wurde ihre Strafe auf drei Jahre erhöht. Im Juli 2024 wurde sie nach einer Begnadigung durch den König freigelassen.
Während des jüngsten Verfahrens gegen sie beschwerten sich Saida El Alami und ihre Rechtsbeistände über Verstöße gegen ihre Verfahrensrechte. So hatte sie nach ihrer Festnahme 48 Stunden lang keinen Zugang zu einem Rechtsbeistand. Am 14. Juli 2025 trat Saida El Alami in den Hungerstreik, um gegen ihre Festnahme und Strafverfolgung zu protestieren, die sie als willkürlich und als Bestrafung für ihre Menschenrechtsarbeit betrachtet.
Im März 2026 kam die UN-Arbeitsgruppe gegen willkürliche Inhaftierungen zu dem Schluss, dass die Inhaftierung von Saida El Alami willkürlich ist und den internationalen menschenrechtlichen Verpflichtungen Marokkos zuwiderläuft. Die Arbeitsgruppe forderte die marokkanischen Behörden auf, die Bloggerin sofort freizulassen, ihr einen einklagbaren Anspruch auf Entschädigung und andere Formen der Wiedergutmachung zu gewähren und die gegen sie begangenen Verstöße zu untersuchen.
HINTERGRUNDINFORMATIONEN – Fortsetzung (Auf Englisch)
Saida El Alami’s unjust imprisonment reflects the continued use of criminal laws in Morocco to prosecute human rights defenders, journalists, bloggers, and activists simply for expressing their opinions. For example, prominent human rights lawyer and former Minister of Human Rights Mohamed Ziane has been imprisoned since November 2022 following convictions on charges that Amnesty International described as stemming from his work defending activists, journalists and victims of human rights violations. In April 2026, following a retrial ordered by the Court of Cassation, the Rabat Court of Appeal reinstated a five-year prison sentence against him in a separate case related to the alleged misappropriation of funds from the Moroccan Liberal Party, ensuring his continued imprisonment.
Saida El Alami’s imprisonment violates Morocco’s obligations under international human rights law. Morocco is a state party to the ICCPR, whose Article 19 protects the right to hold opinions without interference and the right to freedom of expression. The African Charter on Human and Peoples’ Rights, to which Morocco is also a party, similarly guarantees the right to express and disseminate opinions under Article 9. International human rights bodies have consistently affirmed that criticism of public officials, state institutions and government policies is protected speech and that no one should be arrested, prosecuted or imprisoned solely for peacefully expressing their views.