Aserbaidschan: Inhaftierte Journalistin muss medizinisch versorgt werden!
Die aserbaidschanischen Journalist*innen Sevinj Vagifgyzy, Nargiz Absalamova und Ulvi Hasanli (v.l.)
© Ulvi Hasanli / Facebook / Fargana Novruzova
Die Journalistin Nargiz Absalamova von Abzas Media wurde wegen politisch motivierter Vorwürfe zu acht Jahren Haft verurteilt. Trotz schwerer gesundheitlicher Beschwerden verweigert ihr die Gefängnisverwaltung seit Monaten jede medizinische Hilfe.
Setzt euch für Nargiz Absalamova ein!
Hier kannst du deinen Brief ausdrucken, um ihn per Post oder Fax an die Behörden zu senden, oder ihn direkt über dein eigenes E-Mail-Programm verschicken.
Du hast Probleme beim Ausdrucken des Briefes? Dann klicke bitte hier.
Achtung: Bitte prüfe bei der Deutschen Post ob die Briefzustellung in das Zielland ungehindert möglich ist.
Appell an
Ilham Aliyev
President of Azerbaijan
19 Istiqlaliyyat Street
Baku AZ1066
ASERBAIDSCHAN
Sende eine Kopie an
Botschaft der Republik Aserbaidschan
S.E. Herrn Nasimi Aghayev
Klingelhöferstraße 20
10785 Berlin
Fax: 030-219 161 52
E-Mail: berlin@mission.mfa.gov.az
Amnesty fordert:
- Ich fordere Sie auf, Nargiz Absalamova und alle Journalist*innen von Abzaz Media sofort und bedingungslos freizulassen. Gewähren Sie ihnen bis dahin bitte Zugang zu der benötigten medizinischen Versorgung.
- Ich bitte Sie außerdem, für wirksame und unabhängige Untersuchungen zu den Vorwürfen der verweigerten medizinischen Versorgung und von Misshandlungen zu sorgen. Beenden Sie den Missbrauch des Strafrechtssystems zur Verfolgung unabhängiger Journalist*innen und kritischer Stimmen in Aserbaidschan.
Sachlage
Der Gesundheitszustand von Nargiz Absalamova verschlechtert sich zusehends. Die Journalistin des investigativen Nachrichtenportals Abzas Media verbüßt wegen politisch motivierter Vorwürfe eine achtjährige Haftstrafe in einem Gefängniskomplex in der Region Lankaran im Südosten Aserbaidschans. Seit vier Monaten wird ihr eine notwendige ärztliche Untersuchung verweigert.
Nargiz Absalamova leidet seit längerem an einer Nasennebenhöhlenentzündung, die sich in Haft deutlich verschlimmert hat. Zusätzlich berichtet sie über Atemnot und starke Kopfschmerzen. Nach Angaben ihrer Familie ist eine umfassende medizinische Abklärung erforderlich, unter anderem mittels MRT. Einen entsprechenden Antrag stellte sie bereits vor vier Monaten bei der Gefängnisverwaltung – ohne Ergebnis. Ihr Anwalt Bahruz Bayramov legte mehrfach Beschwerden bei der Gefängnisleitung und beim Ombudsbüro ein. Zwar wurde der Eingang dort bestätigt, konkrete Maßnahmen blieben jedoch aus. Laut Gefängnispersonal fehlt weiterhin eine Genehmigung "von oben".
Auch andere willkürlich inhaftierte Journalist*innen unabhängiger Medien wie Meydan TV und Toplum TV erhalten trotz gesundheitlicher Probleme keine angemessene medizinische Versorgung. Diese Verweigerung kann als grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung gewertet werden. Berichte über ihre Haftbedingungen – von überfüllten Zellen, über sexualisierte Belästigung und körperliche Drohungen bis zu psychischer Misshandlung – deuten zudem auf schwere Verstöße Aserbaidschans gegen internationale Menschenrechtsverpflichtungen hin.
Im Mai 2026 starb Ilgar Aliyev, ein mit Abzas Media verbundener Experte für Informationssicherheit und IT-Steuerung, in Haft. Das Justizministerium gab als Todesursache einen akuten Herz-Kreislauf-Stillstand an, eine gerichtsmedizinische Untersuchung steht jedoch aus. Da keine unabhängige Untersuchung seines Todes angekündigt wurde, bestehen erhebliche Zweifel an der Angemessenheit der medizinischen Versorgung, die Ilgar Aliyev in Haft erhalten hatte.
Hintergrundinformation
Nargiz Absalamova arbeitete vor ihrer Festnahme als Journalistin bei dem investigativen Nachrichtenportal Abzas Media, das über mutmaßliche korrupte Geschäfte von Unternehmen in Verbindung mit Regierungsbeamt*innen und zum Thema Umweltverschmutzung berichtet hatte. So ging es in einem Beitrag um gefährliche Gesundheitsrisiken im Zusammenhang mit der Goldmine Gedabek in der Nähe des Bezirks Soyudluin Gabaday in West-Aserbaidschan. Vor den Festnahmen mehrerer Journalist*innen soll Abzas Media weitere Untersuchungen zu Menschenrechtsverletzungen und zur Umweltverschmutzung im Zusammenhang mit der Goldmine geplant haben. Nargiz Absalamova wurde am 30. November 2023 im Rahmen einer Festnahmewelle gegen Abzas Media festgenommen. Sie wird zusammen mit Kolleg*innen in einem abgelegenen Strafvollzugskomplex in der Region Lankaran im Südosten Aserbaidschans festgehalten – weit entfernt von ihren Familienangehörigen in Baku.
Im Vorfeld der Weltklimakonferenz (COP29) 2024 in Baku wurden mehr als ein Dutzend Journalist*innen unter konstruierten Anklagen willkürlich inhaftiert. Dazu gehören sechs Journalist*innen von AbzasMedia: der Direktor Ulvi Hasanli, sein Stellvertreter Mahammad Kekelov, die Chefredakteurin Sevinj Vagifgyzy, die Journalistinnen Elnara Gasimova und Nargiz Absalamova sowie der investigative Journalist Hafiz Babali. Unter ihnen ist auch der Ökonom und Korrespondent für Radio Free Europe/Radio Liberty Farid Mehralizada. Sie alle wurden zwischen November 2023 und Januar 2024 willkürlich festgenommen und des Schmuggels von Fördergeldern im Rahmen einer Verschwörung beschuldigt. Im August 2024 erhob die Staatsanwaltschaft weitere falsche Anschuldigungen gegen sie: illegales Unternehmertum, Geldwäsche und Steuerhinterziehung. Im September 2024 verlängerte ein Gericht in Baku die Untersuchungshaft der Journalist*innen. Am 20. Juni 2025 verurteilte das Gericht für Schwerverbrechen in Baku sieben Medienschaffende von Abzas Media zu Freiheitsstrafen zwischen siebeneinhalb und neun Jahren. Am 3. April 2026 wies der Oberste Gerichtshof die Rechtsmittel der Journalist*innen von Abzas Media zurück und bestätigte die Urteile und Freiheitsstrafen vom Juni 2025.
Als Ilgar Aliyev im Dezember 2023, festgenommen wurde, wollten er und seine Familie nicht, dass seine Festnahme und seine Verbindungen zu Abzas Media an die Öffentlichkeit gelangten. Im Mai 2026 starb Ilgar Aliyev in der Justizvollzugsanstalt Nr. 13 in Aserbaidschan. In seiner letzten Tonaufnahme erklärte er, Polizeibeamte hätten ihm Betäubungsmittel und psychoaktive Substanzen in die Tasche gesteckt, ihn zu einem Geständnis gezwungen und gedroht, seine Familie ins Visier zu nehmen, falls er sich weigern sollte. Aus den Gerichtsunterlagen sind Vorwürfe wegen körperlicher Gewalt, Druckausübung, Verweigerung des Zugangs zu einem Rechtsbeistand seiner Wahl sowie Fälschung von Verfahrensunterlagen zu entnehmen.
Am 23. Februar 2026 äußerten mehrere UN-Sonderberichterstatter*innen sowie die UN-Arbeitsgruppe gegen willkürliche Inhaftierungen ihre Sorge über die Haftbedingungen und die Verlegung von Nargiz Absalamova und anderen Journalistinnen in ein abgelegenes Gefängnis im Dorf Gurumba in der Region Lankaran. Die Journalistinnen wurden erst eine Stunde vor Abfahrt über ihre Verlegung informiert. Gurumba liegt 250 Kilometer südlich von Baku, was für ihre Familien und Rechtsbeistände eine erhebliche finanzielle und logistische Belastung darstellt.
Seit November 2023 haben die aserbaidschanischen Behörden fast 30 Journalist*innen und Medienschaffende willkürlich festgenommen. Mindestens zwölf der seit dem 6. Dezember 2024 inhaftierten Personen sind Journalist*innen, die mit Meydan TV in Verbindung stehen. Derzeit laufen auch Strafverfahren gegen mehrere Journalist*innen eines der letzten verbliebenen unabhängigen Nachrichtenkanäle, Toplum TV. Es handelt sich um den Mitbegründer Alasgar Mammadli sowie die Journalisten Farid Ismayilov, Mushfig Jabarov und Ali Zeynalov.
Inhaftierte Journalist*innen berichten regelmäßig, dass sie Misshandlungen ausgesetzt sind, darunter die Verweigerung notwendiger medizinischer Versorgung sowie die Unterbringung in stark überbelegten Zellen (15–18 Häftlinge in Zellen, die für acht bis zehn Personen ausgelegt sind) und unhygienische Bedingungen wie Toiletten innerhalb der Schlafräume, was zu einer Verschlechterung ihres Gesundheitszustands führt.
Folter und andere Misshandlungen in Haft sind in Aserbaidschan weit verbreitet. Die Täter*innen gehen in der Regel straflos aus. Amnesty International hat regelmäßig darüber berichtet, dass inhaftierten Regierungskritiker*innen die notwendige medizinische Versorgung verweigert wird. Der Europäische Ausschuss zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe hat die "anhaltende mangelnde Kooperationsbereitschaft" der aserbaidschanischen Behörden hinsichtlich seiner Forderungen nach einer Verbesserung der Haftbedingungen und der Bekämpfung von Folter und anderer Misshandlungen öffentlich angeprangert.