Amnesty Journal Deutschland 25. Juli 2016

"Dagegenhalten"

"Dagegenhalten"

Hand in Hand gegen Rassismus

»Hand in Hand gegen Rassismus« – unter diesem Motto gingen am 18. und 19. Juni bundesweit mehr als 40.000 Menschen auf die Straße. Auch in Berlin kamen Tausende zusammen und machten sich für Vielfalt und Menschenrechte stark.
 
Von Vera Dudik

Das bunte Berlin ist grün, rot, weiß und gelb: In diesen Farben tanzen die Ballons über den Köpfen der vielen Menschen, die am 19. Juni auf den Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg gekommen sind, um ein Zeichen für Toleranz und Vielfalt zu setzen.

Es ist kurz nach 14.30 Uhr. Nach und nach schlendern immer mehr Menschen auf den Platz. Familien mit Kinderwagen und Hund, Punks, aufgeregt kichernde Teenager, Männer in ­Karohemd und Sandalen. Sie alle wollen heute eine fast sieben Kilometer lange Menschenkette durch die Stadt bilden – vom Roten Rathaus bis zur Flüchtlingsunterkunft in der Zeughof­straße, um so gegen Rassismus und Hass zu demonstrieren. Dazu aufgerufen hatten Amnesty International und 28 weitere Organisationen und Verbände.

»Es ist wichtig, dass man so ein Signal setzt«, sagt Barbara, mit weißem Pagenkopf und Blümchenbluse, »aber man sollte auch sonst etwas tun für andere Menschen«. So wie die 77-Jährige selbst, die seit Jahren in einem Hospiz engagiert ist. Von der Menschenkette hat ihre Pastorin in der Kirche erzählt.

Von der Bühne dringt Musik herüber. »Ist das nicht die Sängerin von Rosenstolz?«, fragt eine junge Frau, die auf einer der Bänke sitzt. Natalie ist gerade angekommen und hat sich erstmal an den verschiedenen Ständen mit Infomaterial eingedeckt. »Ich habe von der Aktion bei Facebook erfahren und fand die Idee echt cool! Es ist sehr wichtig zu zeigen, dass wir Menschen trotz aller Unterschiede gleich sind und gleich an Rechten«, sagt sie. Sie wünscht sich vor allem ein gutes Medienecho der Aktion, »denn von Pegida und sowas wird ja immer viel zu ausführlich berichtet. Da muss man doch auch mal die Gegenseite zeigen!«.

Am Ende des Tages wird sich die Gegenseite sehr deutlich gezeigt haben: Bundesweit beteiligten sich mehr als 40.000 Menschen an der Aktion, in Berlin waren es mehr als 9.000.

Das wird auch auf dem Oranienplatz immer spürbarer: Es ist kaum mehr ein Durchkommen zwischen den Leuten, die jetzt eng nebeneinanderstehen. Havva, die mit ihrer Mutter im Rollstuhl da ist, schaut dem Treiben um sich herum lächelnd zu. »Es ist aufregend für uns beide, hier zu sein«, sagt Havva. »Ich habe die Flyer überall bei uns in Neukölln gesehen und zu meiner Mama gesagt ›Komm, da müssen wir hin!‹.« Havva und ihre Mutter kommen ursprünglich aus der Türkei, leben aber schon jahrzehntelang in Deutschland. »Alle haben einen Platz in diesem Land und wir müssen laut dagegenhalten, wenn jemand ­etwas anderes sagt.«

Laut wird es auch auf dem Oranienplatz, als von der Bühne die Ansage kommt, die Kette jetzt in zwei Richtungen aufzufädeln. »Es geht los!«, ruft Alexander und beeilt sich, Anschluss an seine Freunde zu finden. Der 20-Jährige war noch nie zuvor bei einer Demo, ist aber begeistert und will in Zukunft öfter bei solchen Aktionen dabei sein. »Vielfalt zu sehen ist schon toll, aber am besten ist es, selbst daran mitzuwirken und richtig ­mitanzufassen«, sagt er und nimmt lachend die Hand seines Nebenmannes, als sie an der Bühne vorbei vom Platz laufen. »Ich bin jetzt öfter am Start gegen Rassismus!«

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