Amnesty Journal Tschad 31. März 2015

"Sie geben ja doch keine Ruhe"

Irène Mandeau setzte sich seit 1968 als Amnesty-Mitglied für die Menschenrechte ein. Eine Erinnerung.

Von Volkmar Deile

Das Schreiben aus dem Tschad zum Tod von Irène Mandeau ­findet bewegende Worte der Dankbarkeit für die »einzigartige Irène«. Die Geschichte der Menschenrechte im Tschad sei auf »unauslöschliche Weise« durch ihre Liebe, ihre Menschlichkeit und ihren Sinn für Verantwortung und Hingabe mitgeprägt.

Unterzeichnet haben mehrere Aktivistinnen und Aktivisten, verfolgte und mit internationalen Menschenrechtspreisen geehrte Personen. Sie stehen für die Zivilgesellschaft im Tschad, dem Land, von dem Irène Mandeau 2005 bekannte, sie sei zwar noch nie dort gewesen, aber es sei »ihre zweite Heimat«. Irène war für die Aktivisten im Tschad nicht nur eine solidarische Menschenrechtlerin aus dem fernen Europa, sondern eine nahe Freundin.

Arbeit gab es mehr als genug in dieser Nord-Süd-Partnerschaft, schließlich durften die Verbrechen des tschadischen ­Diktators Hissène Habré nicht straflos bleiben. Nach langem Streit steht er jetzt im Senegal vor Gericht. Das größte Vorhaben aber war es, die Gestaltung des von der Weltbank geförderten »Tschad-Kamerun-Pipeline-Projekts« zu ändern, damit eine ­Entwicklung wie in Nigeria verhindert wird.

Dort kam es nach Protesten gegen Umweltzerstörungen und gegen soziales Elend für die im Fördergebiet lebende Bevölkerung zu Hinrichtungen durch die Militärdiktatur.
Die »Arbeitsgruppe Tschad« war ein Netzwerk aus Amnesty International und sechs anderen (deutschen) Organisationen mit dem Ziel, die Menschenrechts- und Friedensarbeit im Tschad zu unterstützen.

Als 2003 die Ölpipeline offiziell eröffnet wurde, riefen die davon Betroffenen zu einem »Tag der Trauer« im Tschad auf. Zwar gelang es ihnen, Einfluss auf Zielformulierungen der Akteure zu nehmen sowie die Zivilgesellschaft zu stärken. Die Missachtung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte war jedoch systematisch und strukturell. Die ­Bilanz sei niederschmetternd, urteilte die Arbeitsgruppe zehn Jahre später.

In diesem Netzwerk zum Tschad stritt Irène Mandeau verantwortlich für die Menschenrechte. Die Zusammenarbeit war beispielhaft: So wurde ein Oppositionspolitiker aufgrund einer Intervention des Präsidenten der Weltbank, James Wolfensohn, freigelassen. Irène Mandeau hatte sich bei Wolfensohn für den Politiker eingesetzt.

Legendär ist die Überlieferung, dass sie den Weltbank-Präsidenten telefonisch erreichen wollte und es seinen Mitarbeitern nicht gelang, sie abzuwimmeln: »Ich stelle Sie am besten durch. Sie geben ja doch keine Ruhe«. Ja, so war sie, mit der »ganzen Wucht ihrer Persönlichkeit«, wie es an ihrem Grab hieß.

Irène und ihr Mann Dolphe Mandeau wurden 1968 Mitglied von Amnesty, sie gehörten zu den Gründern der Düsseldorfer Gruppe 1004. Damals hatte die deutsche Sektion 46 Gruppen, 14 Förderer und 17 Postkartenschreiber. Es war das Jahr des Völkermordes in Biafra, des Endes des Prager Frühlings, des Vietnamkrieges, der Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy sowie des Attentats auf Rudi Dutschke. In Teheran tagte die Weltkonferenz der UNO für die Menschenrechte und der Club of Rome betrat die politische Bühne.

Aus der Gruppe 1004 entwickelten sich bald weitere Initia­tiven. 1975 wurden die Tschad- und weitere Ländergruppen gegründet, 1982 die West-Afrika-Regionalgruppe. Organisatorische Hilfe war in den ersten Jahren kaum vom Internationalen Se­kretariat zu erwarten.

Die Recherche von »Fällen« für die Menschenrechtsarbeit erforderte alle Kraft. Dennoch wuchs die deutsche Sektion, ab 1968 sogar stark. Es waren viele Menschen, die sich zutrauten, ihrem menschlichen Mitgefühl politischen und organisatorischen Ausdruck zu geben. Ihnen verdanken wir viel. Irène war eine von ihnen.

1955 kam sie in die Bundesrepublik, um den Konzertmeister Dolphe Mandeau zu heiraten. Deutsch konnte sie noch nicht. Als sie 1968 Amnesty beitrat, besaß sie die belgische und die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Irène Cécile Mandeau wurde 1929 in Brüssel geboren. Ihre Mutter nahm in den dreißiger Jahren während des Spanischen Bürgerkriegs Kinder aus republikanischen Familien auf. Das verband Irène mit dem Amnesty-Gründer Peter Benenson, der sich als Schüler ebenfalls für die spanische Republik einsetzte. Und sie hat noch etwas mit ihm gemeinsam: Beide waren jüdischer Herkunft.

Nach der deutschen Besetzung Belgiens 1940 musste die ­Familie Mandeau deshalb um ihr Leben fürchten. Irène – so ein Selbstzeugnis – realisierte erst jetzt ihre jüdische Herkunft. Als im Sommer 1942 die Deportationen der Juden aus Belgien anfingen, begann in Amsterdam die fast gleichaltrige Anne Frank ihr berühmtes Tagebuch.

Nahezu die Hälfte der Juden in Belgien überlebten die Shoah nicht. Im Spätsommer 1943 erfuhr Irènes Familie aus dem belgischen Widerstand, dass ihre Namen auf den Deportationslisten der Nazis standen. Die fünf Familienangehörigen mussten sich bis zur Befreiung Brüssels im September 1944 verstecken.

Irène war als Jüngste in dieser Zeit für die Außenkontakte zuständig und fungierte als Botin der Familie. Sie kaufte ein und trug die Arbeiten ihres Vaters, die er im Versteck fortführte, zu dessen Firma, die ihn weiterhin beschäftigte. Als sie 1955 nach Deutschland kam, in das »Feindland«, dauerte es lange, bis sie Menschen fand, die mit ihr ehrlich und selbstkritisch über die Verbrechen der Nazis sprachen. Die Nazizeit wurde zu dieser Zeit noch aktiv »beschwiegen«.

Irène wusste aus eigener Erfahrung, was Verfolgung bedeutet. Wenn sie von der Inhaftierung politischer Gefangener erfuhr, rief sie den Gefängnisdirektor oder andere Verantwortliche direkt an und verlangte deren Freilassung. Sie war unermüdlich und verlässlich. Als sie 1973 einer persönlichen Bekannten in der DDR zur »Republikflucht« half, misslang dies und sie war drei Monate in Budapest inhaftiert.

Irène hatte keine Angst vor den »Thronen«, wie ihre Interventionen demonstrieren. Sie hat an den Opfern orientierte ­Solidarität, Gradlinigkeit und tiefe Humanität verkörpert. Die »Meisterin der Empathie« hat, mit anderen, vorgemacht, dass Professionalität und aktive politische Einmischung keine Gegensätze sind. Dafür haben wir sie bewundert und geliebt.

Der Autor war von 1990 bis 1999 Generalsekretär der deutschen Sektion von Amnesty International.

Irènes Stimme ist im Internet zu hören. In einer WDR-Sendung vom 10.4.2005 erzählte sie aus ihrem Leben: www.wdr5.de/sendungen/erlebtegeschichten/mandeauIrenececile100.html

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