Amnesty Journal Deutschland 18. Februar 2016

"Wir haben es mit starken Menschen zu tun"

Zeichnung eines Zelts

Der Arzt Ernst-Ludwig Iskenius über die Möglichkeiten traumatisierte Flüchtlinge in Deutschland zu behandeln.

Welche Erfahrungen haben Sie dazu geführt, traumatisierte Flüchtlinge zu behandeln?

Zum ersten Mal wurde ich mit diesem Thema konfrontiert, als ich in Bosnien Flüchtlingslager als Freiwilliger unterstützt habe. Damals hatte ich mit Traumatisierung und der psycho­sozialen Situation von Flüchtlingen keine Erfahrung. In unserer Ausbildung kam dieses Thema nicht vor. Als ich 1995 nach Deutschland zurückkehrte, betreute ich zusammen mit anderen ehrenamtlich bosnische Flüchtlinge. Daraufhin haben wir 1998 ein kleines psychosoziales Zentrum für traumatisierte Flüchtlinge in Villingen-Schwenningen gegründet. Das Zentrum habe ich 15 Jahre ärztlich geleitet.

Wie erkennt man, dass jemand ein Folteropfer ist?

Es steht den Menschen meist nicht auf die Stirn geschrieben, ob sie traumatisiert sind. Im Gegenteil: Sie versuchen, sich so normal wie möglich zu verhalten. Über das Trauma, vor allem wenn es mit Folter zu tun hat, wird nicht gesprochen, da es häufig mit viel Scham besetzt ist. Zum eigenen Schutz werden Erinnerungen an dieses schreckliche Leid vermieden. Zunächst muss man feststellen: Worunter leiden die Menschen? Welche Symptome haben sie? Vor allen Dingen muss man eine Beziehung aufbauen, sodass die Menschen das Gefühl haben: Hier ist jemand, der mich versteht. Wenn dies gelingt, können wir anfangen, systematisch die Lebensgeschichte aufzuarbeiten. Dabei knüpfen wir nicht an die schlechten, sondern an die guten Erlebnisse an, um die psychischen Ressourcen zu mobilisieren. Anschließend tasten wir uns langsam an die traumatischen Situationen heran.

Wie haben Sie diese spezielle Therapie entwickelt?

Wir haben uns zunächst gefragt, was die Menschen eigentlich brauchen. Das war zum einen Sicherheit, zum anderen ­Verlässlichkeit und einen Ansprechpartner, also jemanden, mit dem sie kommunizieren konnten. Deswegen haben wir von ­Anfang an mit Dolmetschern gearbeitet. Das ist natürlich eine andere Situation als in einer psychotherapeutischen Zweier­beziehung, aber wir haben gute Erfahrungen damit gemacht.

Wie hoch sind die Chancen auf eine Heilung?

Das kommt sehr stark auf drei Momente an: Das eine ist, wie viele Ressourcen die Menschen selbst haben – ob sie eine gute oder schlechte Kindheit hatten, spielt zum Beispiel eine sehr entscheidende Rolle. Wichtig ist, wie frühzeitig Bedingungen ­geschaffen werden, damit sie ihre eigenen inneren Selbst­heilungskräfte mobilisieren können. Und natürlich kommt es auch auf die Schwere des Traumas an. Ein Folteropfer wird ­sicher immer irgendwelche seelischen Narben davontragen. Entscheidend ist, dass die Menschen so bald wie möglich wieder ein möglichst normales Leben führen können. Die Opfer völlig zu heilen und sie so wiederherzustellen, wie sie vor der Folter waren, ist meiner Erfahrung nach nicht möglich.

Wie schwierig ist es für einen traumatisierten Flüchtling, eine Therapie zu bekommen?

In der Versorgung dieser besonders verletzlichen Gruppe gibt es in Deutschland noch erhebliche Defizite. Es gibt nur wenige Institutionen und Therapeuten, die Erfahrung mit Folterüberlebenden haben. Außerdem gilt ja nach wie vor das Asyl­bewerberleistungsgesetz. Zumindest den Sozialämtern ist heute aber immerhin klar, dass Flüchtlinge ein Recht auf Behandlung haben, wenn bei ihnen eine Traumatisierung nachgewiesen wurde. Es gibt spezielle Ambulanzen, die sich damit beschäftigen – an den Universitätskliniken, aber auch an kleineren Krankenhäusern. Einige Psychiatrien haben spezielle Sprechstunden eingerichtet. Wenige Hausärzte beginnen ebenfalls, sich um diese Menschen zu kümmern. Allerdings ist das bisher nur auf das zufällige persönliche Engagement einzelner Personen zurückzuführen. Strukturelle Änderungen brauchen viel Zeit. Dabei ist in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel versäumt worden. Aber die wichtigsten Dinge sind zunächst gar nicht so sehr die entsprechenden Therapieangebote. Wichtig sind vor allem möglichst normale Wohnverhältnisse, Integration und Sprache, sodass sie sich eben auch selbst helfen können und aus den Abhängigkeiten herauskommen. Gerade Folteropfern, die extreme Ohnmacht und Abhängigkeiten erlebt haben, muss man die Möglichkeit geben, wieder an ihre früheren alten Ressourcen oder Fähigkeiten anzuknüpfen. Das würde vielen Leuten bereits helfen.

Spielt der Ort der Unterbringung dabei eine Rolle?

Es ist ein riesiges Problem, dass Flüchtlinge häufig an völlig abgelegenen Orten untergebracht werden, dass man sie regelrecht verstecken will. Darunter leiden Flüchtlinge und traumatisierte Menschen sehr stark. Sie sind durch ihre Traumata schon in sich isoliert und haben Schwierigkeiten, Beziehungen wieder aufzubauen. Und dann werden sie noch irgendwo weit weg in den Wald hingesetzt. In großen Sammelunterkünften mit ihren besonderen Belastungen (Lärm, unterschiedliche Gerüche, Enge, Konflikte) sind Folteropfer psychisch völlig überfordert und werden durch die Umgebung ständig an ihre leidvollen Erfahrungen erinnert. Dadurch werden sie zusätzlich krank.

Warum hat das Thema Traumatisierung so lange Zeit keine Rolle gespielt?

Flüchtlinge sollten stets abgewehrt und abgeschreckt werden. Wenn überhaupt, dann haben sich private Initiativen wie unsere um sie gekümmert. Am Anfang wurden wir von den Behörden, aber auch von der medizinischen Seite belächelt oder ausgegrenzt. Das hat sich aber im Laufe der Zeit geändert. Die Behörden sehen selbst, dass viele Konflikte, die durch die Traumatisierung bedingt sind, viel besser gelöst werden können, wenn man die Menschen frühzeitig behandelt. Letztlich ist es für sie billiger.

Wie ist die Situation der Behandlungszentren?

Dass die Behandlungszentren über so lange Jahre kontinuierlich arbeiten, ist ein großes Wunder und hat damit zu tun, dass viele Leute auch gerne in diesen Zentren arbeiten. Aber alle Zentren sind nach wie vor in einer finanziell prekären Situation. Die Leistungen, die sie erbringen, müssen endlich kostendeckend bezahlt werden. Dafür ist eigentlich die Gesetzliche Krankenversicherung zuständig. Die Palliativmedizin, also die Behandlung von Patienten, die unter großen Schmerzen leiden und nur noch eine geringe Lebenserwartung haben, könnte dabei als Beispiel dienen. Dort werden mittlerweile komplexe Leistungen von der Gesetzlichen Krankenversicherung finanziert. Es werden nicht nur die rein somatischen, medikamentösen Hilfsmittel und so weiter bezahlt, sondern auch die psychosoziale Betreuung. Ich denke, etwas Ähnliches müsste mit den psychosozialen Zentren und mit allen Strukturen, die sich mit traumatisieren Migranten und Flüchtlingen beschäftigen, auch möglich sein. Allerdings werden auch die Zentren keine flächendeckende Versorgung aller traumatisierten Flüchtlinge sicherstellen können. Es muss ein abgestuftes Konzept zur Integration in das vorhandene Versorgungssystem erarbeitet werden. Das kann man aber nicht dem Innenministerium überlassen, sondern das Gesundheitsministerium sollte sich endlich darum kümmern. Die in der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossenen psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) können ihre jahrelangen Erfahrungen als spezialisierte Kompetenzzentren wirksam in ein solches Versorgungsnetz ­einbringen. Es bedarf nämlich einer »Alphabetisierung« im Umgang mit dieser höchst verletzlichen Personengruppe unter den Heilberuflern.

Was gibt Ihnen die Energie, sich über so lange Zeit mit diesem doch sehr schwierigen Thema zu beschäftigen?

Diese Frage wird mir sehr häufig gestellt und ich kann nur antworten: die Menschen selber. Wir haben es mit Menschen zu tun, die sehr stark sind, die starke Persönlichkeiten sind, die natürlich schlimmste Sachen erlebt, aber auch überlebt haben und sich bemühen, in die Normalität zurückzufinden. Ich muss sagen: Ich habe in dieser Arbeit sehr viel gelernt, nicht nur über mich selber, sondern auch über unsere Gesellschaft und habe von meinen Patienten viele Anregungen bekommen, wie man die Welt auch anders sehen könnte. Und das macht stark.

Interview: Anton Landgraf

Ernst-Ludwig Iskenius ist Arzt und hat unter anderem mehrere Jahre in einer pädiatrischen Praxis mitgearbeitet, bevor er den Verein Refugio e.V. in Villingen-Schwenningen für traumatisierte Flüchtlinge aufgebaut und 15 Jahre ärztlich geleitet hat. Zur Zeit arbeitet er in der spezialisierten Palliativmedizin für Kinder und Jugendliche (SAPV) in Rostock.

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