Amnesty Journal Syrien 26. März 2015

Treibgut des Krieges

Treibgut des Krieges

Wo gehen die Bomben runter? Rauchpilz über Aleppo

Der »Islamische Staat« mordet und brandschatzt. Tausende Menschen
im Irak und in Syrien sind bereits Opfer der Dschihadisten geworden.
Auch der Syrer Hamid, der sich als Medienaktivist versteht, geriet in die
Fänge der Fanatiker – und entkam.

Von Carsten Stormer

Die Hoffnung, dass der ganze Scheiß irgendwann einmal ein Ende findet, hat Hamid fast aufgegeben. Er steht in einer Seitenstraße von Aleppos Kurdenviertel Sheikh Maqsood, legt den Kopf in den Nacken, blinzelt in die Sonne und lauscht dem Grollen, das allmählich lauter wird. Wie ein Gewitter, das in der Ferne aufzieht. Kurz darauf entdeckt er das Kampfflugzeug am Himmel.

Seit den frühen Morgenstunden bombardiert die syrische Luftwaffe Aleppo. ­Hamid sucht Deckung, kniet sich hinter ein rostiges Auto und zeigt auf einen silbernen Punkt am Himmel, der sich nähert, ­anschließend wieder entfernt, eine scharfe Linkskurve fliegt, wendet und im Sturzflug die Stadt ansteuert wie ein Raubvogel seine Beute. Dann klinkt die Maschine ihre Raketen aus und der Pilot zieht das Flugzeug wieder nach oben. Die Prozedur wiederholt sich zwei Mal, begleitet vom Knattern der Flugabwehrgeschütze der Rebellen.

Während Hamid den Angriff von Assads Truppen auf der Straße verfolgt, tritt seine Frau Amira auf den Balkon ihrer gemeinsamen Wohnung im fünften Stock und blickt besorgt nach unten. »Hamid, wo gehen die Bomben runter? Greifen sie unser Viertel an?«, fragt sie und streicht über ihren Bauch.

Amira ist im achten Monat schwanger und ein Lächeln zieht über Hamids Gesicht, als er seine Frau erblickt. »Nicht weit von hier, Habibi, mach dir keine Sorgen. Aber geh zurück ins Haus. Ich bin zum Abendessen zurück.« Dann steigt er in den Toyota, legt seine ­Videokamera auf die Rückbank und fährt los.

Hamid ist 27 Jahre alt, ein kleiner, dünner Mann mit Vollbart und müden Augen. An seinem Beispiel lassen sich viele Charakteristika des Krieges in Syrien zeigen, der nun schon vier Jahre dauert. Es ist sicherer, seinen Nachnamen nicht zu nennen und auch keine Fotos von ihm zu drucken.

Hamid ist frei, aber der US-Journalist Steven Sotloff, mit dem er vor einem Jahr entführt worden war, ist tot. Anfang September 2014 wurde bekannt, dass der 31 Jahre alte Reporter, der unter anderem für das Magazin »Time« schrieb, ermordet wurde. Angehörige der Terrorgruppe »Islamischer Staat« verbreiteten ein Video, auf dem Sotloffs Enthauptung zu sehen ist.

Vor dem Krieg hat Hamid Betriebswirtschaft studiert. Wie viele seiner Landsleute hoffte er, die 40 Jahre währende Diktatur abzuschütteln. Er demonstrierte, kämpfte später aufseiten der Rebellen in einer kurdischen Einheit gegen die syrische ­Regierungsarmee.

Aus Enttäuschung über die zerstrittene Opposition und aus Liebe zu seiner Frau legte er nach einigen Monaten die Kalaschnikow beiseite. Heute nennt er sich Medienaktivist. Auf Facebook und Twitter postet Hamid Bilder und Berichte des Krieges; dazwischen Selfies, Koransuren und Karikaturen, die Assad oder die Anhänger des »Islamischen Staats« verspotten. Er hoffe noch immer, sagt er, dass die Welt durch seine Arbeit in den ­sozialen Netzwerken Syrien nicht vergisst.

Manchmal führt er ausländische Journalisten durch seine Stadt und an die Front, verdient sich als Mädchen für alles ein paar Dollar. Ein Verzweifelter, der versucht, aus seiner Situation das Beste zu machen. Treibgut des Krieges.

»Wir wurden verraten«

Am Morgen des 4. August 2013 steigt Steven Sotloff an der syrisch-türkischen Grenze zu Hamid ins Auto. Er will aus Aleppo berichten, Hamid soll ihn als Fahrer und Übersetzer unterstützen. Ein gefährlicher Job. Fast täglich entführen Islamisten ausländische Journalisten. Aber Hamid braucht das Geld. Die Lebensmittelpreise haben sich verfünffacht, bezahlte Arbeit gibt es kaum noch in Aleppo.

Hamid hat sorgfältig geplant, tagelang die Zugangsstraßen nach Aleppo beobachtet, geschaut, ob Banditen oder Islamisten Checkpoints errichtet haben. Er dachte, er hätte alles im Griff. Als er den US-Journalisten am vereinbarten Treffpunkt abholt, warten im Wagen zum Schutz auch drei Bewaffnete. Aber gegen die Islamisten haben sie keine Chance.

An einer Straßensperre im syrischen Marea, etwa 40 Kilometer nördlich von Aleppo, endet die Fahrt. Mehrere Bewaffnete stoppen den klapprigen Toyota, ziehen die Männer aus dem Wagen, stülpen ihnen Stoffmasken über den Kopf und treiben sie mit Gewehrkolben in ein wartendes Fahrzeug. »Wir wurden verraten, die Islamisten wussten, wann und wo wir uns treffen, welchen Weg wir nehmen«, sagt Hamid.

Seine Entführer sperren ihn in die Zelle eines Kellergewölbes. Er weiß nicht, wo er ist. Mehrmals täglich verhören ihn maskierte Männer, keine Syrer, sondern Tunesier und Marokkaner. Sie wollen wissen, warum Hamid mit einem Ungläubigen zusammenarbeitet. Der »Ungläubige«, das ist Steven Sotloff.

Hamid hat Glück. Nach 15 Tagen lassen ihn die Entführer ­gehen. Einfach so. Was aus Steven Sotloff wird, erfährt er nicht. Der junge Muslim hört Gerüchte, dass sein Auftraggeber am ­Leben sei, irgendwo festgehalten in einem Gefängnis des »Islamischen Staats«, vielleicht in Aleppo, vielleicht in Rakka. Ein Jahr später, Anfang September 2014, kommt die Nachricht von Sotloffs Tod.

Fassbomben und Gotteskrieger

Im August 2014 weiß Hamid noch nichts vom Schicksal Sotloffs. Er steuert den Toyota durch die Ruinenlandschaft. Aus der eins­tigen Wirtschaftsmetropole ist eine Geisterstadt geworden, in der es seit Wochen weder Strom noch fließend Wasser gibt. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die syrische Luftwaffe Fassbomben über der Stadt abwirft: mit Sprengstoff und Eisenschrot gefüllte Ölfässer, die aus Hubschraubern abgeworfen werden. Sie treffen meist Schulen, Krankenhäuser, Wohnhäuser oder Märkte.

Schon im Februar 2014 forderte der UNO-Sicherheitsrat in einer Resolution ein Ende der Luftanschläge auf zivile Gebiete und verurteilte ausdrücklich die Verwendung von Fassbomben. »Human Rights Watch« hat mit Satellitenaufnahmen belegt, dass allein zwischen Dezember 2013 und Februar 2014 mindestens 340 Plätze in Aleppo von Fassbomben getroffen wurden. Die in Großbritannien ansässige Organisation »Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte« zählte in sechs Monaten 1.963 Tote durch Fassbomben – darunter 283 Frauen und 567 Kinder.

Hamid steuert seinen Wagen durch die zerstörte Stadt, vorbei an der Ruine, die einmal ein Krankenhaus war. Der Chefarzt musste fliehen, weil er es wagte, die schwarze Flagge des »Islamischen Staats« mit dem muslimischen Glaubensbekenntnis vom Eingang des Hospitals abzuhängen. Seitdem bekam er Morddrohungen.

Die Fanatiker des »Islamischen Staats« nutzen das Chaos im Land, um all jene zu vernichten, die sich ihnen widersetzen. Zwar konnte eine Allianz der syrischen Rebellen die Gotteskrieger aus Aleppo vertreiben, aber mittlerweile sind die Terroristen wieder auf dem Vormarsch, erobern Kleinstädte und Dörfer im Umland Aleppos. »Ich bin Muslim«, sagt Hamid im Auto. In den Augen des IS aber sei er ein kufar, ein Ungläubiger, da er deren Weltanschauung nicht teile. »Das sind Mörder und Geistesgestörte, die ihre Welt einteilen in halal und haram.« Gut und Böse, erlaubt und verboten, ohne Zwischentöne. Wer gegen ihre Regeln verstößt, der stirbt.

Hunderte Syrer sind der IS-Ideologie schon zum Opfer gefallen. »In Aleppo haben sie einen 15-Jährigen vor den Augen seiner Mutter erschossen, weil er den Propheten beleidigt haben soll«, knurrt Hamid. »Blasphemie.« In Rakka, der Hauptstadt des IS, kreuzigen und enthaupten sie regelmäßig Menschen, die ihnen im Weg stehen: Akademiker, Journalisten, moderate Rebellen, Schiiten, Kurden, Andersgläubige.

Die Islamisten präsentieren die Bilder der Gekreuzigten und Geköpften in den sozialen Netzwerken. Seine Heimat verlassen, in die Türkei fliehen, das will Hamid dennoch nicht. »Wie könnte ich mein Land im Stich lassen? Ich käme mir vor wie ein Verräter«, sagt er, zündet sich eine Zigarette an und zieht den Rauch tief in seine Lunge.

Die Autofahrt führt an zerschossenen Autos vorbei und an zertrümmerten Häusern, aus denen zerfetzter Stahl ragt. Auf dem Armaturenbrett liegt eine ungeladene Pistole. »Zur Abschreckung«, sagt Hamid und schnippt die Kippe aus dem offenen Fenster. Immer wieder muss er den Wagen anhalten, aussteigen und Deckung in Ruinen suchen, weil Hubschrauber Fassbomben abwerfen oder ein Kampfjet Raketen abfeuert. Die wenigen Menschen, die sich noch auf die Straße wagen, verstecken sich in Hauseingängen und beobachten die Helikopter über ihnen. »Bald fällt die erste Bombe«, sagt Hamid und wartet angespannt.

Eine Frage der Zeit

Ein alter Lebensmittelhändler winkt Hamid und ein paar andere Menschen in seinen Laden. Dort sei es sicherer, meint er, verschwindet in einem Hinterzimmer und kommt Minuten später mit frisch gekochtem schwarzem Tee und einer Argileh zurück, der syrischen Wasserpfeife. »Syrische Gastfreundschaft«, sagt Hamid und lächelt. »Der können auch Assads Bomben nichts ­anhaben.« Während die Männer auf die Einschläge warten, nippen sie am gesüßten Tee, nuckeln an der Pfeife und reißen Witze über Präsident Baschar al-Assad. Als zwei Fassbomben einige Straßenzüge weiter explodieren, verabschieden sich die Männer. Auch Hamid will weiter. Nur wenige Hundert Meter von seinem Wagen entfernt steigt ein Rauchpilz in den wolkenlosen Himmel.

Der Tod ist ein Teil von Hamids Leben geworden. Hamid geriet ins Visier von Scharfschützen, die auf ihn feuerten; in seiner Nähe explodierten Bomben und Granaten. Er sah Freunde sterben. Aber Hamid sieht auch, wie die Menschen in Aleppo in der Not zusammenrücken.

Nach 40 Minuten Fahrt parkt er seinen Wagen vor dem Mietshaus eines Bekannten. Der betreibt im Keller eine Art Untergrundküche, in der er und drei Helfer für Hunderte mittellose Menschen an den Frontabschnitten Essen kochen und kostenlos verteilen. Sie reden über die schwierige Versorgungslage. Dass der Freund fünf Tage lang kein Essen verteilen konnte, weil sein Viertel täglich bombardiert wurde.

Hamid fährt weiter, trifft den Pathologen Abu Jaffer, der seit zwei Jahren in einem ausgebombten Schulgebäude namenlose Tote fotografiert, in dem verzweifelten Versuch, den Toten ihre Würde zurückzugeben. Kein Tag vergeht, ohne dass namenlose Tote in die Schule gebracht werden. Der Arzt protokolliert das Geschlecht, wann und wo sie gestorben sind. Die Bilder der Menschen pinnt er an die Wand eines Klassenzimmers – Hunderte Fotos von verstümmelten Leichen. An diesem Morgen kommt ein weiteres namenloses Porträt dazu. Dann rollt er den halb verwesten Körper eines Mannes in einen grauen Leichensack und zieht den Reißverschluss zu.

Im August vergangenen Jahres sieht Hamid im Internet, wie der US-amerikanische Journalist James Foley vor laufender Kamera enthauptet wird. Am Ende der Inszenierung zieht ein Terrorist eine weitere Geisel vor die Kamera und droht, diese ebenfalls zu ermorden. Es ist Steven Sotloff. Jener Mann, der zusammen mit Hamid entführt wurde. Zwei Wochen später wird auch er umgebracht. »Das sind Verbrecher, das ist nicht unsere Auffassung des Islam«, sagt ­Hamid. Was bleibt, sind seine Schuldgefühle. Auf Facebook bittet er Steven Sotloffs Mutter um Verzeihung, dass er nicht besser auf ihren Sohn aufpassen konnte.

Zwischen all dem Schrecken und der Angst gibt es in Aleppo die kleinen Momente des Glücks. Ebenfalls im August wird Hamids Sohn geboren. Er nennt ihn Bakr, nach dem Schwiegervater des Propheten Mohammed. Zur gleichen Zeit zieht die syrische Armee ihren Belagerungsring um Aleppo immer enger, nimmt das Industrieviertel Sheikh Najar ein, schneidet Versorgungswege der Rebellen ab. »Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Stadt eingekesselt ist. Uns droht das gleiche Schicksal wie den Menschen in Homs«, schreibt ein verzweifelter Hamid.

Währenddessen nimmt der IS im Umland Aleppos ein Dorf nach dem anderen ein und rückt immer näher auf die Stadt zu. Damit ­zerschellt auch Hamids Starrsinn, in seiner Heimatstadt auszuharren. »Ich trage jetzt für meinen Sohn Verantwortung. Es geht nicht mehr allein um mich«, schreibt er Ende ver­gangenen Jahres. »Ich haue ab.« Egal wohin.

Der Autor ist Auslandskorrespondent und lebt in ­Manila.

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