Amnesty Journal Afghanistan 01. April 2015

"Der hat uns geflasht!"

"Der hat uns geflasht!"

Teil der Amnesty-Filmpreis-Jury: Regisseur Marcus Vetter

Jury-Mitglied Marcus Vetter musste nicht lange überlegen, welcher Berlinale-Film den Amnesty-Preis bekommt. Für Dokumentarfilme wie »Tell Spring Not to Come This Year« wünscht er sich millionenschwere Förderungen.

Die Amnesty-Jury hat sich dieses Jahr entschieden, ihren Filmpreis einem Kriegsfilm zu geben …

»Tell Spring Not to Come This Year« zeigt, wie sinnlos dieser Krieg ist – und was von dem jahrelangen militärischen Engagement des Westens in Afghanistan übrig geblieben ist. Die jungen Männer in der afghanischen Armee werden alleingelassen und versuchen, irgendwie ihr Land zu verteidigen, es in eine irgendwie geartete Demokratie zu führen. Und das haben wir ihnen auch abgenommen. Dies ist für uns ein mutiger Dokumentarfilm, für den die Filmemacher sehr viel riskiert haben, um einen Einblick in eine Welt zu bekommen, den man sonst nicht hat. Und das auf einem unglaublich hohen Niveau. Uns hat er einfach geflasht!

Tun die Afghanen nicht, was im Krieg immer getan wird? Schießen und beschossen werden?

Ja, vordergründig schon. Aber das ist ein Dokumentarfilm, der im wahrsten Sinne des Wortes ein Antikriegsfilm ist, weil er zeigt, wie verrückt die Situation ist. Dieses Land ist schlicht zerstört. Und diese jungen Menschen versuchen nun, es wieder aufzubauen, sodass es für ihre Familien und in der Zukunft lebenswert ist. Ich glaube, dass dies genauso ein Amnesty-Thema ist wie die Meinungsfreiheit in Jafar Panahis »Taxi«, der mir auch gut gefallen hat. Aber für mich als Dokumentarfilmer fiel da die Entscheidung eben leicht. Diese Leute haben sehr viel ­gewagt und es ist auch nicht einfach, sich in solch eine Armee »embedden« zu lassen.

Hat sich die Jury von politischen oder ästhetischen Kriterien leiten lassen?

Weder noch, sondern einfach davon, ob es ein guter Film ist. Wir haben hingeschaut: Welche Filme berühren uns? Das Berlinale-Programm bot ja oft auch nüchternes, intellektuelles Kino.

Hat »Tell Spring …« eine Chance, ins Kino zu kommen?

Das hoffe ich. Von den vielen Filmen, die ich gesehen habe, hat er es am meisten verdient. Für mich ist das ein Kinofilm, den auch »Normalmenschen« ohne große Hintergründe zu sehen ­bekommen müssen. Dokumentarfilmer arbeiten ja oft jahrelang für ihre Sache. Leider finden diese Filme oft ihr Publikum nicht.

Ist denn der Kinofilm noch das zeitgemäße Format für schwierige Themen?

Ja, absolut! Dieses 90- oder 100-Minuten-Format ist genau richtig. Man muss nur dafür arbeiten. Ich würde mir wünschen, dass es Hedgefonds gäbe für Dokumentarfilme, dass man denen Millionenetats zur Verfügung stellen würde – sodass sie in die Kinos kommen und dann auch wahrgenommen werden. Denn sie haben es verdient. Der Kinodokumentarfilm ist heute auf ­einem Niveau angekommen, das nichts mehr mit TV-Dokus zu tun hat. Man müsste nur wegkommen vom Arthouse-Kino und hinein in den Mainstream. Sonst schauen diese Filme immer nur die Leute, die sowieso schon überzeugt sind, dass sich was ändern muss.

Haben Sie eigentlich einen Lieblingsschauspieler oder -schauspielerin?

Ja. Sibel Kekilli. Ich fand sie in »Gegen die Wand« großartig und mein Lieblingsfilm ist »Die Fremde«.

Fragen: Jürgen Kiontke

Marcus Vetter
ist ein vielfach ausgezeichneter Dokumentarfilm­regisseur aus Tübingen. Bekannte Werke sind »Cinema Jenin« (2012) und »The Court« (2013). Sein aktueller Film »The Forecaster« startet im April 2015 in den deutschen Kinos.

Mehr dazu