Amnesty Journal Deutschland 28. März 2013

Endlich in Sicherheit

Weltweit sind etwa 43 Millionen Menschen auf der Flucht vor Gewalt, Hunger und Vertreibung. Auch Abubaker Ali Osman musste fliehen. Erst aus seiner Heimat Somalia, dann aus Libyen. 2012 kam er im Rahmen des Resettlement-Programms der UNO nach Deutschland und lebt nun mit seiner Familie in Berlin.

Von Sara Fremberg

»Schön, dass sie gekommen sind!« Der freundliche 1,70 Meter große Mann mit den warmen braunen Augen begrüßt uns am Eingang des Berliner Übergangswohnheims für Flüchtlinge und Asylsuchende. Es ist Herbst, und der graue Himmel lässt die Plattenbauten des Wohnheimareals ganz besonders trist erscheinen. Abubaker Ali Osman und seine Familie gehörten im September 2012 zu den ersten 195 Flüchtlingen, die durch Vermittlung des sogenannten Resettlement-Programms der UNO Aufnahme in Deutschland fanden. Im Rahmen dieses Programms werden Flüchtlinge von Staaten aufgenommen, in denen sie dauerhaft bleiben und sich ein selbstbestimmtes Leben aufbauen können. Amnesty hatte sich jahrelang für eine Beteiligung Deutschlands an dem Programm eingesetzt.

Hier im Wohnheim teilt sich die achtköpfige Familie zwei kleine Drei-Zimmer-Wohnungen. In einer schlafen die Eltern und die drei jüngeren Kinder, in der anderen die drei älteren. Wir nehmen in einem der Kinderzimmer Platz, dessen kleine Bewohner uns neugierig vom Türrahmen aus beobachten. Die Betten vor den kahlen Wänden sind ordentlich gemacht, auf dem Boden liegt Spielzeug. Seit dem Krieg in Libyen, so erzählt Abubaker Osman später, verstecken sich die Kinder beim Geräusch von Flugzeugen weinend unter ihren Betten.

Während im Hintergrund immer wieder Kinderlachen und Geklapper aus der Küche dringt, beginnt Abubaker Osman mit ruhiger Stimme seine Geschichte zu erzählen. 1985 sah sich der damals 27-Jährige gezwungen, seine Heimat Somalia zu verlassen. Viele ethnische Clans und Gruppen waren damals verstärkt den Repressionen des Diktators Siad Barre ausgesetzt. Abubaker Osman floh über die Arabische Halbinsel nach Libyen und ließ sich in Hun nieder, einer Stadt im Zentrum des Landes. Dort übernahm der studierte Elektroingenieur eine Dozentenstelle an der Universität.

Fragt man Abubaker Osman nach seiner damaligen Arbeit, so leuchten seine Augen und er kommt ins Erzählen. Er schwärmt von der Zusammenarbeit mit den Kollegen, dem guten Klima an der Fakultät und den Erfolgen seiner Studenten. In Deutschland fühlt er sich ohne Arbeit nutzlos und nach eigenen Worten »gehandicapt«: »Ich soll erst Deutsch lernen und mir danach eine Arbeit suchen. Aber ich will lieber arbeiten und nebenbei die Sprache lernen. In vier, fünf oder zehn Jahren gehe ich ja in Rente. Das ist nicht gut.«

Seine Kinder schmunzeln, wenn sie ihren Vater so reden hören. Sie sind alle sechs in Libyen geboren und sprechen fließend Arabisch und Somali, die Älteren außerdem noch Englisch. Die Heimat ihres Vaters haben sie nie kennengelernt. Wie ihre Eltern lernen die Kinder seit einigen Wochen Deutsch. »Die Großen haben sich in den ersten Stunden so gut geschlagen, dass sie gleich in den Fortgeschrittenenkurs versetzt wurden«, erzählt Abubaker Osman stolz und fügt verschmitzt hinzu: »viel besser als ihre Eltern«.

Dann wird er nachdenklich. »Wir hoffen, dass sie nächstes Jahr hier weiterstudieren können, aber das ist noch nicht sicher …« Als der Krieg in Libyen ausbrach, stand seine älteste Tochter Asma ein Jahr vor dem Abschluss in Medizin, ihre Brüder Mohamed und Ahmed hatten die Hälfte ihres Ingenieurstudiums gerade hinter sich gebracht.

Mit dem brutalen Vorgehen der Einheiten Muammar al-Gaddafis gegen regierungskritische Demonstrationen begann im Februar 2011 in Libyen ein blutiger Bürgerkrieg. Dabei kam es vermehrt zu Übergriffen auf Migranten und Libyer mit dunkler Hautfarbe. Sie standen unter dem Generalverdacht, Gaddafi als Söldner zu unterstützen. Auch Amnesty dokumentierte damals in mehreren Berichten, wie oppositionelle Milizen Tausende vermeintlicher Gaddafi-Anhänger gefangen nahmen und ohne Anklageerhebung und Gerichtsverfahren festhielten. Viele von ihnen wurden in der Haft geschlagen und misshandelt.

Wenn Osman über diese Zeit spricht, legt sich ein Schatten über sein Gesicht und seine Stimme versagt. Am 13. August 2011 ließ die Familie ihre Freunde, ihr Haus, ihr gesamtes Leben zurück und floh nach Tunesien. Dort kamen sie ins Flüchtlingscamp Choucha. Das Camp war zusammen mit einigen anderen Lagern im Februar 2011 errichtet worden, um den Zehntausenden Kriegsflüchtlingen aus Libyen eine vorübergehende Bleibe zu geben. Zeitweise waren in Choucha bis zu 4.000 Menschen untergebracht. Immer wieder mangelte es den Flüchtlingen an Wasser, Essen und medizinischer Versorgung. Über ein Jahr verbrachten Abubaker Osman und seine Familie in dem Camp.

Seine Stimme wird leiser, wenn er von dieser Zeit spricht. Er sei dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge für seine Arbeit sehr dankbar. Doch die Lebensbedingungen der Flüchtlinge seien sehr schwierig gewesen. Den Kindern habe insbesondere das harte Wüstenklima zu schaffen gemacht. Die Zelte hätten nicht ausreichend vor Kälte und Hitze geschützt und wären zudem immer wieder durch starke Regenfälle und Sandstürme in Mitleidenschaft gezogen worden. Immer wieder habe es im Camp Konflikte gegeben, sodass die Familienmitglieder nachts abwechselnd Wache hielten. Die Verzweiflung der Kinder war für ihren Vater nur schwer zu ertragen. »Sie weinten: ›Lass uns zurück nach Libyen gehen, Vater. Dort ist es bestimmt trotz allem noch besser als hier.‹ Doch es gab kein Zurück. Die Kämpfe, die Rebellen, die NATO-Angriffe – wir hätten sie nicht überlebt.«

Nach langem Warten begannen im Mai 2012 die ersten Auswahlgespräche für das Resettlement-Programm. »Als ich dann die Bestätigung für Deutschland erhielt, da waren wir alle sehr glücklich. Meine Frau war immer bedrückt gewesen und machte sich Sorgen. Aber an diesem Tag lächelte sie.«

Abubaker Osman und seine Familie flogen am 3. September 2012 von Tunis nach Hannover. Von dort aus fuhren sie für zehn Tage ins Grenzdurchgangslager Friedland in Niedersachsen. Ankommende Flüchtlinge erhalten hier die Gelegenheit, sich zu »akklimatisieren« und werden mit Integrationskursen auf den Lebensalltag in Deutschland vorbereitet. Seit dem 13. September lebt Familie Osman nun in Berlin.

Die Stadt sei schon recht laut, sagt Abubaker Osman, so voll, ganz anders als Hun. Vor allem seine Frau müsse sich daran erst noch gewöhnen. Das Wichtigste sei jetzt allerdings erst einmal, Deutsch zu lernen und dann vielleicht eine Wohnung zu finden, um schnellstmöglich auf eigenen Beinen zu stehen. »Ich denke an meine Kinder, die endlich in Sicherheit sind, und den Krieg, der endlich hinter uns liegt. Ich bin so unendlich erleichtert. Das Schlimmste haben wir überstanden. Und auch wenn es sicherlich nicht einfach wird, bin ich optimistisch, dass wir den Neubeginn in Deutschland schaffen werden.«

Die Autorin ist Journalistin und lebt in Berlin.

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