Amnesty Journal Nigeria 28. Mai 2013

Tödlicher Glaube

In Nigeria geht die islamistische Terrorgruppe Boko Haram gewaltsam gegen Andersgläubige vor. Doch Religion ist ­dabei oft nur ein Vorwand für ganz andere Absichten. Im Mittelpunkt steht der Kampf um die politische Macht in ­einem von extremen sozialen und wirtschaftlichen Widersprüchen zerrissenen Land.

Von Cigdem Akyol

Sie schreit mit der lautesten Stimme, die ihr je entfuhr: »Weg hier!« Mercy Agbo nimmt ihre vier Kinder, will nur noch aus der Kirche rennen. Doch dann sieht sie, dass diejenigen, die schon draußen waren, wieder zurückdrängen und sich unter den Bänken verstecken. Was tun? Die 50-Jährige fürchtet, die Decke könnte wegen der Explosion einstürzen, deswegen drängelt sie sich mit ihren Kindern dennoch ins Licht. Als sie es geschafft haben, als sie gerettet scheinen für den Moment, herrscht keine Freude. Mercy Agbo nimmt ihren jüngsten Sohn in die Arme, er wurde von Splittern in den Kopf getroffen. Sie weiß nicht, wo ihr Mann ist, der drei Reihen hinter ihr saß. Schockstarr sehen sie Körperteile auf dem Vorplatz liegen, Menschen rennen panisch an ihnen vorbei. Hitze. Rauch.

Hier in Madala, einem Vorort der nigerianischen Hauptstadt Abuja, kommt der Anschlag an diesem Sonntag ohne jedes Warnzeichen – es gab keine vorherigen Warnungen von Terroristen, nichts, was die Menschen auf eine Katastrophe vorbereitet hätte. Denn bis zu diesem Tag gab es hier kaum gewaltsame Angriffe gegen Christen, deswegen ist die Stimmung an diesem 25. Dezember 2011 während der Weihnachtsmesse auch heiter. Bis Ungeheuerliches geschieht: Die Gläubigen verlassen gerade die St. Theresa-Kirche, als ein Auto in die Menge rast, ein Sprengkörper explodiert und 44 Menschen in den Tod reißt. Das jüngste Opfer ist ein sieben Monate alter Junge, das älteste eine 60-jährige Frau. Durch die Wucht der Detonation gehen die Scheiben im Nebenhaus zu Bruch, bis heute wurden die Fenster nicht ersetzt.

Fast zeitgleich werden zwei weitere Kirchen in Nordnigeria angegriffen, noch am selben Tag bekennt sich die radikal-islamische Boko Haram-Bewegung zu der Anschlagsserie. Es ist eine nationale Tragödie, Tausende aufgebrachte Jugendliche errichten brennende Straßensperren, um Fluchtwege zu versperren. Nur die Armee kann weitere Ausschreitungen verhindern. Boko Haram hat das Land in den vergangenen Jahren mit Tod und Terror überzogen. Bei Schießereien und Bombenanschlägen wurden im vergangenen Jahr mindestens 792 Menschen getötet. Für den Anschlag auf die Kirche St. Theresa konnte bisher niemand verantwortlich gemacht werden.

Boko Haram, was »Westliche Erziehung ist Frevel« auf Hausa bedeutet, entstand um das Jahr 2000 herum im Norden des Landes. Damals war es noch eine lose Protestbewegung, die sich dann zunehmend radikalisierte. Man schätzt, dass etwa 3.000 Mitglieder bei der fundamentalistischen Gruppe aktiv sind, meist ungebildete, junge Männer. Durch die Unruhen will Boko Haram das Land destabilisieren, um dem Ziel, einen islamischen Staat zu errichten, näherzukommen. Die Gruppe ist zu einer der gefährlichsten Terrororganisationen der Welt geworden und soll enge Verbindungen zu den Islamisten in Mali unterhalten.

Eine ernstzunehmende Gefahr für den Zusammenhalt Nigerias ist Boko Haram seit 2009, als die nigerianische Führung versuchte, die fundamentalistische Gruppe zu zerschlagen. ­Damals wurde ihr Gründer Mohammed Yusuf von Polizisten ­erschossen. Aus Rache werden seitdem regelmäßig Polizeista­tionen und Kirchen angegriffen. Dass die Terrorgruppe »eines Tages verschwinden wird«, wie Nigerias Präsident Goodluck ­Jonathan nach den Anschlägen an Weihnachten 2011 erklärte, ist unwahrscheinlich. Im Januar dieses Jahres wurden bei einem Feuergefecht zwischen der Armee und Boko Haram 13 Islamisten und ein Soldat getötet.

Vor der St. Theresa-Kirche zeigt Isaac Achi auf den sandigen Boden. Der Stoff seiner weißen Soutane flattert um seine Beine. »Hier! Schauen Sie! Hier war alles voller Blut!« Die Sonne brennt senkrecht auf ihn herab, es sind 39 Grad und Schatten spendende Bäume gibt es nicht, Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. »Sie töteten unsere Leute«, sagt der 49-jährige Pfarrer und schaut auf den Boden, auf dem ein dunkler Fleck zu sehen ist – Überreste der Blutlachen, wie Achi sagt. Der Pfarrer stand auf der Kanzel, als die ungeheure Wucht der Explosion ihn umwarf und ein Teil der Decke einbrach. Er schaffte es gerade noch, durch den Hinterausgang zu fliehen. »Das sind Verbrecher«, murmelt Isaac Achi. Aber er sagt auch, dass es kein gezielter Angriff auf das Christentum gewesen sei. »Wer mordet, der kann nicht glauben«, sagt er. »Der Islam duldet keine Gewalt.«

Nigeria ist mit mehr als 170 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste Staat Afrikas. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge ist Nigeria das religiöseste Land der Welt: 92 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als »tiefreligiös«, sieben Prozent als »sehr religiös«. Es ist zudem der größte christlich-islamische Staat der Welt. Etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung sind Muslime, die den Norden als ihr Stammland betrachten. Rund 40 Prozent der Bevölkerung sind christlich, sie leben vorwiegend im Süden des Landes. Zehn Prozent sind Anhänger traditioneller Religionen. Exakte Zahlen gibt es nicht – um Konflikten vorzubeugen, wird bei Erhebungen nicht nach der Religionszugehörigkeit gefragt.

Die Gewalt zwischen Christen und Muslimen hat ein Bündel von Ursachen. Stärker als religiöse Differenzen wiegen politische, soziale, ethnische und wirtschaftliche Probleme. Einen Religionskrieg, wie oberflächlich erst anzunehmen ist, gibt es nicht. »Anders als in vielen Medien berichtet, zielen die Anschläge der Terrorgruppe Boko Haram in erster Linie auf Muslime, denen sie ›Verwestlichung‹ unterstellen, und auf den Staat«, sagt Toni Görtz, Nigeriareferent des katholischen Hilfswerks Missio. »Christen sind auch Opfer der Terrorakte, aber nicht das Hauptziel.« Die Religion ist, wie so oft, ein Vorwand für ganz ­andere Absichten. Die Terroristen nennen ihren Feldzug einen »Dschihad«, dabei ist es ein Feldzug für den Erhalt der politischen Macht und ein Wettstreit um den Zugang zu den immer geringer werdenden Ressourcen. Christen und Muslime sollen gegeneinander ausgespielt werden. Durch die Unruhen will Boko Haram das Land destabilisieren, um einen islamischen Staat zu errichten – ohne die jetzigen, korrupten Eliten.

Die meist islamischen Einwohner im Norden Nigerias betrachten christliche Bauern und Kaufleute, die zum Teil seit Jahrzehnten in der Region leben, noch immer als Fremde und Eindringlinge. Diesen »Siedlern« ist es nicht erlaubt, sich um politische Ämter zu bewerben oder sich an lokalen Wahlen zu beteiligen. Dieses Gesetz gilt in ganz Nigeria, also auch für muslimische Immigranten im Süden – auch ihnen werden nicht sämtliche Bürgerrechte eingeräumt. Wer seine Heimatregion verlässt, kann sich für kein politisches Amt im Rest von Nigeria bewerben.

Nigeria gehört zu den Ländern mit den größten Erdölvorkommen weltweit. Rund 80 Prozent der Staatseinnahmen stammen aus dem Export von Öl und Gas – Rohstoffe, die im christlichen Süden gewonnen werden und dort einer kleinen Elite zugute kommen. Die zwölf Bundesstaaten im Norden gehören hingegen zu den unterentwickelten Regionen Nigerias.

Das Land gilt als eines der korruptesten der Erde, auf dem Korruptionsindex von Transparency International befindet sich Nigeria auf Platz 139. Mehr als die Hälfte der Menschen lebt in Armut, doppelt so viele wie noch vor 25 Jahren. Jedes vierte Kind unter fünf Jahren gilt als unterernährt. Der Staat kann kaum für sauberes Trinkwasser sorgen, ein funktionierendes Stromnetz gibt es kaum und von dem Reichtum durch die Ölförderung kommt bei der Zivilbevölkerung nichts an. In dieser Symbiose von Elend, fehlender Rechtsstaatlichkeit und Armut kann nicht viel gedeihen, außer Verzweiflung und radikalen Ideen. Wer hier Hass gegen die Obrigkeit und auch gegen seine Nachbarn säen will, der muss nur wenig unternehmen.

In Sokoto, 500 Kilometer von Madala entfernt, sitzt Muhammad Sa’ad Abubakar III in seinem sehr großen Arbeitszimmer, fünf seiner Sekretäre hocken auf dem dicken Teppichboden und haben Unterlagen vor sich ausgebreitet. Der Sultan ist in Nigeria das geistige Oberhaupt aller Muslime, er gilt als fortschrittlich, denn er hat nur eine Ehefrau. Der massige Mann in dem braunen Ledersessel hält in der einen Hand ein Handy und in der anderen eine Gebetskette, während er über korrupte Politiker schimpft und sagt: »Jeder Mensch ist gleich, egal welcher Religion er angehört, Frieden ist wichtig.«

Für seinen interreligiösen Einsatz wurde er als Kandidat für den Friedensnobelpreis 2012 gehandelt. Von einem Krieg zwischen Christen und Muslimen will der Sultan nichts wissen, der auch Präsident des Obersten Rates für Islamische Angelegenheiten ist. Auch er verweist darauf, dass liberale Muslime von Boko Haram angegriffen werden. So wurde am 19. Januar 2013 der Konvoi des liberalen muslimischen Emirs von Kano attackiert. Der religiöse Führer überlebte, zwei seiner Wachleute wurden auf dem Weg in eine Moschee von Unbekannten erschossen. Die Tat schockte die Muslime im Land, weil der Emir als spiritueller Führer angesehen wird. Sie zeigt aber auch, dass niemand mehr vor den Extremisten sicher ist.

Doch ob wirklich Boko Haram hinter den Anschlägen auf Kirchen, Journalisten, Politiker, Religionsführer, Polizeistationen und Zivilisten steckt, weiß man nicht. Diejenigen, die sprengen und morden, werden nur selten ausfindig gemacht. Und wenn dann doch mutmaßliche Täter inhaftiert werden, müssen diese kein Gerichtsverfahren fürchten. Gefangene sterben nicht selten unter ungeklärten Umständen auf der Polizeistation, werden gewaltsam befreit oder stillschweigend freigelassen. Trotz zahlreicher Festnahmen wurde bislang kein mutmaßlicher Terrorist vor Gericht gestellt. Regierung und Sicherheitskräfte wirken trotz ihrer zur Schau gestellten Entschlossenheit hilflos. Vielleicht ist dies aber auch eine Taktik der Eliten. Denn die Sekte Boko Haram ist zu einem Alibi für Politiker geworden, um sich vor den Konsequenzen ihrer Politik zu verstecken. »Unsere Politiker sind korrupt. Damit sie es weiterhin bleiben können, nutzen sie jede Gelegenheit, um von sich abzulenken. Korruption ist unser größtes Problem«, kritisiert der Sultan.

Mercy Agbo erfährt erst Stunden nach dem Anschlag, dass auch ihr Mann überlebt hat. Die Familie ist glimpflich davongekommen, der Sohn wird später am Kopf operiert, aber er überlebt. Trümmer lassen sich beiseite räumen, Narben verblassen, aber was hilft gegen die Angst? »Die habe ich nicht«, sagt sie, hebt ihr Kinn und zeigt mit dem Finger nach oben: »Gott hat uns beschützt.« Sie geht immer noch jeden Sonntag in die Kirche, nur Weihnachten 2012 war sie nicht in der St. Theresa-Kirche. Mercy Agbo feierte in ihrem Geburtsdorf ihr zweites Leben.

Die Autorin ist Journalistin und lebt in Berlin.

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