Amnesty Journal 21. September 2011

Sartre gegen ­Korruption

Das "Tarmac des Auteurs", ein kleines Hinterhof­theater in Kinshasa, bringt auf die Bühne, was sonst in der Demokratischen Republik Kongo eher selten ist – sozialkritische Kunst. Das jedoch ruft auch den kongolesischen Geheimdienst auf den Plan. Ein Theaterbesuch von Johann Tischewski

Der Applaus bricht minutenlang nicht ab. Als in dem kleinen Hinterhoftheater schließlich wieder das Licht angeht, stürmen die Zuschauer auf die Bühne, um sich mit Lob und Kritik direkt an die Schauspieler zu wenden. Vor allem aber wird über die Handlung des Stücks debattiert. Abbas Khiders "L’attentat" über eine Selbstmordattentäterin in Tel Aviv regt auch in der kongolesischen Hauptstadt Kin­shasa zur Diskussion an. Es werden Parallelen gezogen und verworfen. Standpunkte entwickelt und verteidigt. Schließlich driftet die Diskussion jedoch ab und konzentriert sich auf ein greifbareres Problem: Wie bekommt man den Generator wieder ans Laufen? Bier wird jetzt ausgeschenkt. Irgendwann fängt jemand an zu trommeln. Als der Strom wieder da ist, kommt eine E-Gitarre hinzu und langsam verwandelt sich das kleine Hinterhoftheater in eine Disco.

Das "Tarmac des Auteurs", was so viel heißt wie Landebahn der Autoren, liegt in einer Seitenstraße des Stadtteils Kintambo. Das Viertel gilt zwar nicht als die schlechteste Wohngegend von Kinshasa, doch das ist relativ zu verstehen: Kaum eine Straße ist gepflastert, in der Regenzeit droht das Viertel regelmäßig komplett im Matsch zu versinken. Ganze Flüsse ziehen sich dann durch die Straßen, die Höfe, die Häuser. Nicht einmal mit dem Geländewagen lassen sich alle Winkel des Stadtteils erreichen. Wer hier lebt, lebt von weniger als 50 Cent am Tag.

Etwa zwanzig junge Künstler fanden sich 2007 zusammen, um einen Ort zu schaffen, an dem sie etwas Ablenkung vom Überlebenskampf finden können. Langsam entwickelte sich das "Tarmac des Auteurs" zum Anziehungspunkt für Theaterleute, Maler und Musiker aus der ganzen Stadt. Berühmt wurde es vor allem für seinen spielerischen Mix aus Französisch und dem kongolesischen Lingála: Versteht man die zweideutigen Sätze als Französisch, fügen sie sich in den Kontext des Stückes, versteht man sie jedoch als Lingála, haben sie eine obskure Nebenbedeutung mit zusätzlichem Witz.

Neben folkloristischen Abenden inszeniert das Kulturzentrum immer wieder sozialkritisches Theater. Einer der Schauspieler hat lange in Europa gearbeitet und dort viele Anregungen aufgenommen, die jetzt im "Tarmac des Auteurs" umgesetzt werden. So wurde zuletzt etwa Sartres existenzialistisches Drama "Huis clos" (Geschlossene Gesellschaft) gezeigt. Für besondere Aufregung hatte 2009 die Inszenierung "Immigration jetable" gesorgt. Das von der rumänischen Autorin Alexandra Badea geschriebene Stück handelt von den Problemen, die junge Kongolesen dazu veranlassen, ins Ausland abzuwandern. Es werden darin auch die fehlende Meinungsfreiheit, die behördliche Veruntreuung von Geldern und die Korruption des Staatsapparats angesprochen.

"Anfangs", sagt Noël, einer der Köpfe der Theatertruppe, "haben wir gar nichts bemerkt." Die Beamten seien ja schließlich immer in Zivil gekommen. "Aber als sie anfingen, immer mehr Fragen zu stellen und dann irgendwann Geld verlangten, wussten wir, was los war", sagt er. Die kleine Gemeinschaft geriet damals, etwa Mitte 2008, in das Visier der Agence Nationale de Renseignements (ANR), des kongolesischen Geheimdienstes. Es war der Zeitpunkt, als auch die ersten Weißen – Mitarbeiter von NGOs und Botschaften – zu den Aufführungen nach Kintambo kamen. Vorher, sagt Noël, habe man immer leicht sagen können: "Wir sind Künstler, was wir machen, interessiert doch eh niemanden, und Geld haben wir auch nicht." Aber mit den Europäern und Amerikanern im Publikum habe sich die Situation allmählich geändert. "Die Behörden müssen sich wohl gedacht haben: Wo Weiße sind, ist auch Geld zu holen und Einfluss zu verlieren."

Die Behörden seien im Kongo ein sich selbst erhaltendes System der Korruption des Verbrechens und der Habgier, das rein gar nichts für die Bürger des Landes tue, sagt einer der Schauspieler. Er sitzt zwischen zwei Proben in der schwülen Mittagshitze im Schatten der Bühne und klimpert auf einer Gitarre. Seinen Namen will er nicht preisgeben. Die Kongolesen seien wieder vorsichtiger geworden, sagt er.

Nach dem Ende der zwei großen Kongokriege, dem Friedensvertrag von 2003 und den ersten freien Wahlen 2006 kam zunächst Hoffnung auf, dass sich das Land langsam demokratisieren werde. Doch die jüngsten Ereignisse rufen Zweifel hervor. Der Oppositionsführer und wegen Kriegsverbrechen angeklagte Jean-Pierre Bemba, der bei den von internationalen Truppen überwachten Wahlen dem heutigen Präsidenten Joseph Kabila unterlag, verließ 2007 den Kongo. Seitdem regiert Kabila ohne nennenswerte Opposition. Frieden sieht aber freilich anders aus: Während im Osten immer wieder Kämpfe zwischen verschiedenen Rebellenmilizen und Regierungstruppen aufflammen, hat sich in den vergangenen beiden Jahren auch im Westen des Landes, vor allem in der Hauptstadt Kinshasa, die Menschenrechtslage wieder spürbar verschlechtert.

Im März 2009 wurden zwei der bekanntesten kongolesischen Menschenrechtler verschleppt. Die Leiter der Menschrechtsorganisation Voix des Sans-Voix (VSV), Floribert Chebeya und Dolly Ibefo Mbunga, wurden während einer Pressekonferenz, auf der sie sich für die Einhaltung der Verfassung aussprachen, von bewaffneten Sicherheitskräften abgeführt. Sie wurden in einem offenen Fahrzeug in die ANR-Zentrale im Stadtzentrum gebracht, während der Beifahrer des Wagens seine Pistole auf den Gegenverkehr richtete. Dort wurden sie zu Boden geworfen und sollten mit Waffengewalt dazu gezwungen werden, ihr Engagement zu beenden, wie Chebeya nach seiner Entlassung Amnesty International berichtete.
Damit begann eine Kampagne gegen Mitarbeiter von Menschenrechtsorganisationen, die bis heute andauert. "Die meisten sind einfach nur festgenommen worden, weil sie sich für andere einsetzten", sagt Andrew Philip, Kongo-Experte von Amnesty International. Die zunehmenden Übergriffe machten es für Menschenrechtsaktivisten immer schwieriger, ihrer Arbeit nachzugehen.

Als Reaktion auf die Festnahmen führte "Tarmac des Auteurs" ein Stück auf, das davon handelt, wie wichtig die Pressefreiheit zur Stärkung des Rechtsstaats ist, erklärt Israël Tshipamba. Er wird auch Tschischi genannt und ist eine Art Intendant des Theaters. "Authentisches Theater muss die etablierte Gesellschaft stören, sie angreifen, sie zur Reflektion anregen, ihr die eigene Rückständigkeit vorführen", sagt er.

Im Juni 2010 wurde der Menschenrechtsaktivist Chebeya erneut von der Polizei in Kinshasa vorgeladen. Zwei Tage später fand man seine Leiche, an ihr Spuren von Folter. Vieles deutete darauf hin, dass er erwürgt wurde. Der Vorfall veranlasste UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, eine "transparente und unabhängige Untersuchung" zu verlangen. Geschehen ist seitdem wenig. Der Fall droht bereits wieder in Vergessenheit zu geraten.

Es sei kein Wunder, dass die Regierung dem Theater nicht helfe, sich weiterzuentwickeln, sagt Israël. Das Theater voranzutreiben, hieße, die Reflexion voranzutreiben. "Wenn der Kongolese anfängt nachzudenken, wird er sich für die Demokratie und den Rechtsstaat einsetzen und die Korruption bekämpfen", so seine Überlegung. Deshalb sei die Regierung der Demokratischen Republik Kongo eine der wenigen Regierungen der Welt, die versuche, die Kultur zu unterdrücken.
Zwei bis drei Dollar kostet der Eintritt im "Tarmac des Auteurs". Das ist viel Geld in Kinshasa, trotzdem ist jede Vorstellung rappelvoll. Auf Nachfrage erklärt Noël, dass bei weitem nicht alle Eintritt bezahlen würden. "Viele Gäste kennen wir. An manchen Abenden haben wir weniger zahlende Zuschauer als solche, die nicht gezahlt haben." Insgesamt würden jedes Jahr 50 Theatervorstellungen, 15 Tanzperformances, 15 Kinovorführungen und 9 Lesungen organisiert.

Die meisten Kultureinrichtungen in Kinshasa wurden mit massiver internationaler Unterstützung aufgebaut. Fast alle konzentrieren sich im Zentrum der Stadt, in Gombe, dort, wo auch der Präsidentenpalast liegt und die Botschaften residieren. Das "Tarmac des Auteurs" war lange Zeit nur ein Geheimtipp.

Doch mittlerweile hat sich das kleine Off-Theater bei den in Kinshasa lebenden Europäern und Amerikanern etabliert. Zu fast jeder Vorstellung kommen sie nach Kintambo gefahren, um sich von dem Mut und der Kreativität des Ensembles überraschen zu lassen. Seit kurzem werden fast alle laufenden Kosten des Theaters von der belgischen NGO Africalia übernommen. Andere NGOs, wie die Internationale Organisation der Frankophonie, finanzieren Sonderprojekte. Heute bietet das ausländische Publikum dem Theater sogar einen gewissen Schutz vor dem Geheimdienst. Internationale Berichterstattung hat das "Tarmac des Auteurs" auch über die Grenzen hinaus bekannt werden lassen.

"Uns sind schon lange keine aufdringlichen Fragen mehr gestellt worden", sagt Noël. Er verscheucht ein paar Hühner aus dem Hof, öffnet das Tor, die Besucher strömen herein und setzen sich. Er dimmt das Licht. Man hört Kinder auf der Straße spielen, Musik vom Café nebenan und irgendwo in der Ferne läutet eine Kirchglocke. Kurz bevor die Vorstellung beginnt, ist es dann noch einmal für einen Moment vollkommen still. Noël blickt auf die dunklen Reihen der Zuschauer. Aber er wolle sich auch nicht in Sicherheit wiegen, sagt er nach einer Weile. Der ANR komme ja in der Regel in Zivil.

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Hamburg.

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