Blog 22. März 2013

320 Kilometer in 5 Tagen für die Menschenrechte

Aufgeben ist nicht seine Sache: Dragan Liefer sammelte mit seinem Lauf quer durch Serbien mehr als 1.200 Euro für Amnesty International.

Menschenrechte brauchen Ausdauer! Mit "Amnesty in Bewegung" kann man Amnesty auf sportliche Weise unterstützen: Man nimmt an einem Sportereignis teil oder stellt selbst eines auf die Beine, und sammelt dabei Spenden für die Menschenrechtsarbeit von Amnesty - so wie Dragan Kiefer. Der 41-Jährige aus Kornwestheim lief Anfang März vom Flughafen Belgrad bis zur Haustür seiner Eltern in zu seinem 320 Kilometer entfernten Heimatort. Für jeden gelaufenen Kilometer spendeten Freunde und Bekannte zugunsten von Amnesty International. Über 1.200 Euro kamen so zusammen. In diesem Blog-Beitrag schildert er, was er während seines Laufs erlebt hat.

Dragan Kiefer, 41, kommt aus dem früheren Jugoslawien und lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Er ist Künstler und ein begeisterter Läufer und hat schon viele Marathon- und Ultraläufe absolviert.

 

Aufgeben ist nicht meine Sache. Ich wollte schon seit Jahren von Belgrad nach Lebane, quer durch Serbien, zu meinen Eltern laufen und ich habe beschlossen, dass ich damit zugleich etwas Gutes tun möchte, nämlich Geld sammeln für die Menschenrechtsarbeit. Und es ist ordentlich etwas zusammengekommen auf dem Konto von "Amnesty in Bewegung".

Mein Traum war immer, vom Flughafen in Belgrad zur Haustüre meiner Eltern zu laufen. Gleichzeitig wünsche ich den Menschen in meinem Herkunftsland und überall auf der Welt ein besseres und freieres Leben, dass ihre Menschenrechte geachtet werden und jeder so leben kann, wie er es möchte, unabhängig von politischer Einstellung, sexueller Neigung, ethnischer Herkunft... Jeder hat nur ein Leben und soll es führen können, wie er es sich wünscht.

Dragan Kiefer mit seiner Schwester und seinem Schwager in Belgrad.

Es ist der zweite Tag meiner Aktion, als ich auf einer langen asphaltierten Straße laufe. Es regnet leicht, ab und an fährt ein Auto an mir vorbei. Die Schultern tun mir vom ersten Tag weh. Der Rucksack ist zu schwer. Die Oberschenkel sind kalt und schmerzen. Das kurz vor Beginn meines Laufs aufgetretene Überbein bereitet mir Probleme. Heute will ich bis Kragujevac kommen, es wird ein langer Tag, und der Kies und Asphaltstücke von der aufgeplatzten Fahrbahndecke bohren sich durch die Joggingschuh-Sohle. Manchmal denke ich mir: "Jetzt in ein Auto setzen und sich die 50 Kilometer bis Kragujevac einfach fahren lassen..."

Aber ich habe nun einmal den Entschluss gefasst, die Strecke zu Fuß zurückzulegen - und ich möchte die Spender nicht enttäuschen. Ein Zurück gibt es nicht! Auf meinem gelben Leibchen steht geschrieben "Amnesty International - 320 Kilometer in 5 Tagen für die Menschenrechte laufen" und auf meinem T-Shirt steht auf serbisch "Der Krieg ist zu Ende – wenn DU es möchtest". Soll ich einfach umdrehen oder in ein Auto steigen und das vergessen?

Plötzlich bin ich auch nicht mehr allein. Ein Anhalter hat sich mir spontan angeschlossen. Während er neben mir herjoggt, fragt er mich, wo ich denn hin wolle. Auch er will nach Kragujevac und klärt mich auf, dass es bis dorthin noch 50 Kilometer sind. Ein wenig fühle ich mich an den Film "Forrest Gump" erinnert. Vielleicht läuft bald auch mit mir eine ganze Horde von Menschen...

Doch er hält nicht lange mit, dann bin ich wieder allein. Aber bis zur Abenddämmerung schaffe ich es  nach Kragujevac, komme in einem Hotel unter und bekomme beim Abendessen noch jede Menge Tipps mit auf den Weg, wie ich weiter laufen soll. Und an der Rezeption reservieren sie mir gleich noch Hotels für die nächsten Etappen.

Für Amnesty in Bewegung: Dragan Kiefer.

Ab sofort weiß ich, wo ich abends schlafe, und das ist ein gutes Gefühl. Am nächsten Morgen gibt es selbst gebackenes Brot, Croissants, guten Kaffee. Ich bediene mich ordentlich am Buffet und starte entspannt in den dritten Tag. Ich werde es ganz bis Lebane, wo ich geboren bin, schaffen.

Vor dem Krieg in Ex-Jugoslawien habe ich das Dorf nahe der Grenze zum Kosovo Richtung Paris verlassen und lebe seit Jahren in Deutschland. Die Leute am Straßenrand hier schauen mich manchmal an wie einen Außerirdischen. Hier joggt man nicht, schon gar nicht auf den Landstraßen, sondern ist mit dem alltäglichen Überleben beschäftigt. Wer kann, fährt Auto und ist stolz darauf.

Ich laufe durch ein Land, das stehen geblieben zu sein scheint. Der Krieg ist zwar vorbei, aber in den Gesichtern der Menschen ist noch nicht das Strahlen zurückgekehrt. Vielleicht liegt es auch am Wetter, dass so wenige Menschen draußen sind, dass so wenige lachen, wenn sie mich sehen oder mir zuwinken. Ich hoffe, dass einige trotzdem meine Botschaft wahr genommen haben.

Am Morgen des fünften Tages frühstücke ich nicht. Ich habe es eilig, zu meinen Eltern zu kommen, und laufe schon um sieben Uhr los. Nur noch rund 55 Kilometer liegen vor mir. Meine Mutter hat heute Geburtstag, und ich will zum Mittagessen da sein.

Endlich am Ziel: Dragan Kiefer betritt nach dem 320-Kilometer-Lauf das Haus seiner Eltern in Lebane.

Nach sieben Stunden komme ich an. Sie hat Essen gekocht, viel Fleisch, Brot, eingelegtes Gemüse, Hühnersuppe, traditionelles serbisches Essen. Es gibt Geburtstagstorte. Meine Schwester ist mit dem Auto aus Belgrad gekommen mit ihrem Mann und den zwei Söhnen. Wir feiern alle gemeinsam, bevor es am nächsten Tag zurück nach Belgrad geht - dieses Mal auf vier Rädern.

 

Weitere Informationen über "Amnesty in Bewegung" gibt es hier:

www.amnesty-in-bewegung.de

Informationen über meine künstlerische Tätigkeit und meinen Werdegang findet ihr auf meiner Homepage: www.draston.eu

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