Amnesty Journal Deutschland 14. April 2021

Kampf gegen Kindesmissbrauch: Vorsichtige Fortschritte

Vogelperspektive auf einen sonnenbeschienenen Campingplatz zur warmen Jahreszeit, der von Baumreihen und Feldern umgeben ist.

Schauplatz hundertfachen schweren Missbrauchs: Campingplatz in Lügde.

Das Ausmaß der sexuellen Gewalt gegen Kinder und ­Jugendliche in Deutschland ist enorm. Doch in den ­vergangenen Jahren entstand eine neue Sensibilität für das Thema.

Von Nina Apin

Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist in Deutschland weit verbreitet. Im Jahr 2019 wurden den Ermittlungsbehörden mehr als 13.000 Fälle gemeldet, das sind mehr als 35 pro Tag. Dazu kommen mehr als 12.000 angezeigte Fälle von Abbildungen sexueller Gewalt an Kindern, sogenannte Kinderpornografie. Das Dunkelfeld, also die nicht angezeigten Verstöße gegen das Recht auf die sexuelle Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen, schätzen Fachleute um ein Vielfaches höher. "Sexuelle Gewalt wird überall – und auch in Behörden – gewaltig unterschätzt", sagt Rainer Becker, Ehrenvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe und ehemaliger Polizeidirektor.

Lange gab es kaum Bewusstsein für das Thema. Der Begriff "Sexueller Missbrauch von Kindern" wurde erst 1973 im Strafgesetzbuch der Bundesrepublik eingeführt. In den 1980er-Jahren entstanden die ersten Beratungsstellen für betroffene Mädchen, später auch für Jungen. Eine öffentliche Debatte darüber wurde erst im Jahr 2010 angestoßen. Damals wurden zahlreiche Fälle von sexueller Gewalt öffentlich. Zuerst in verschiedenen kirchlichen Einrichtungen, dann in dem reformpädagogischen Internat Odenwaldschule, wo mehr als 500 Jungen und Mädchen ­Opfer systematischer sexueller Ausbeutung wurden. Es folgten weitere Skandale in Kinderheimen, Pfadfindergruppen, Freizeiteinrichtungen und Kindergärten.

Tatort Familie

Der Haupttatort für sexuelle Gewalt bleibt jedoch die Familie: Rund 60 Prozent aller sexuellen Übergriffe finden im familiären Nahbereich statt, zwei Drittel der Betroffenen sind Mädchen, die Täter sind meist (Stief-) Väter, Großväter und Brüder.

Laut einer neueren Studie hat etwa jede bzw. jeder siebte bis achte Erwachsene in der Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt­erfahrungen gemacht. An den Folgen leiden die Betroffenen oft lebenslang, sie entwickeln Depressionen, Suchterkrankungen oder chronische Krankheiten und Bindungsunfähigkeit. Viele Betroffene sind später erwerbsunfähig. Expertinnen und Experten schätzen allein die wirtschaftlichen Folgekosten auf rund elf Milliarden Euro pro Jahr. Trotzdem wird weiterhin zu wenig getan, um Kinder und Jugendliche vor sexueller Gewalt zu schützen.

"Wir wissen, wie wir Kinder schützen könnten, aber wir tun es nicht", lautet das Fazit des Juristen Johannes-Wilhelm Rörig, der seit 2011 das Amt des Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs innehat. Vor allem im Bereich der Prävention sieht Deutschlands oberster Kinderschützer große Defizite. Nicht einmal 20 Prozent aller Schulen in Deutschland verfügen über ein Schutzkonzept, also einen Notfallplan für professionelles Vorgehen im Verdachtsfall. Auch in Kindergärten, Sport- und Freizeiteinrichtungen sind Konzepte für den vorbeugenden Kinderschutz noch keine Selbstverständlichkeit.

"Alle Einrichtungen, die mit Kindern arbeiten, müssen sich zu präventiven Maßnahmen verpflichten", fordert Georg Schäfer, Mitglied der Themenkoordinationsgruppe Kinderrechte von Amnesty International Deutschland. "Von der naiven Hoffnung, 'es wird schon nichts passieren', muss man sich verabschieden und akzeptieren, dass haupt- und ehrenamtliche Arbeit mit Kindern dadurch komplexer wird." Die Ächtung von Missbrauchsabbildungen im Internet muss Priorität haben, sagt Schäfer. Notwendig seien außerdem entschlossene Aufklärung, therapeutische Maßnahmen für Betroffene, die Ahndung von Gewalttaten und der Schutz von Kindern vor Prostitution.

Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Immer wieder kommt es zu fatalen Fehleinschätzungen staatlicher Kinderschutzstellen. So auch im Fall von Lügde, wo auf einem Campingplatz seit 1998 mehr als 40 Kinder von mehreren Männern missbraucht und dabei gefilmt wurden. Die polizeilichen Ermittlungen waren von so vielen Unregelmäßigkeiten begleitet, dass sich ein Untersuchungsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags mit dem Fall befasste. 2020 wurden in Münster knapp ein Dutzend Männer wegen schweren Missbrauchs beschuldigt – an den eigenen Kindern und Stiefkindern. Die zuständigen Jugend- und Sozialämter hatten zuvor gegebene Hinweise auf mögliche Kindeswohlgefährdung nicht ernst genommen.

Es gibt immer noch zu viele Verantwortliche in den Institutionen, die nicht die Notwendigkeit und den Wert von Aufarbeitung sexualisierter Gewalt erkannt haben.

Sabine
Andresen
Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

Die Aufklärung früherer Missbrauchsfälle kommt vielerorts nur schleppend voran. "Es gibt immer noch zu viele Verantwortliche in den Institutionen, die nicht die Notwendigkeit und den Wert von Aufarbeitung sexualisierter Gewalt erkannt haben", sagt Sabine Andresen, die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die 2016 vom Bundestag eingesetzt wurde. Besonders im kirchlichen Bereich würden Übergriffe zu selten aufgedeckt und geahndet. Laut einer von der katholischen Kirche in Auftrag gegebenen Studie von 2018 musste sich nur ein Drittel der aktenkundig gewordenen Täter einem innerkirchlichen Verfahren stellen. Wenden sich Opfer nicht direkt an die Strafverfolgungsbehörden, haben diese kaum Zugriff, da die Kirchen in Deutschland eine rechtliche Sonderstellung genießen.

Spürbar bessere Forschung

Doch es gibt auch Fortschritte: Nach einer Reform des Entschädigungsrechts haben Opfer sexueller Gewalt besseren Zugang zu Geldzahlungen und Hilfsmaßnahmen. Die Forschungslage über Täter, Tatumstände und Folgen sexueller Gewalt an Kindern hat sich spürbar verbessert, das Netz von spezialisierten Beratungsstellen und therapeutischen Angeboten ist dichter geworden. Betroffene vernetzen sich in Selbsthilfe-Initiativen und haben mit dem Betroffenenrat eine einflussreiche Selbstvertretung auf politischer Ebene. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs lässt Betroffene bei Anhörungen zu Wort kommen. "Es ist ein großer Erfolg, dass immer mehr betroffene Menschen die Kraft und den Mut aufbringen, über das in ihrer Kindheit und Jugend erlebte Unrecht zu sprechen – auch öffentlich und aus allen Tatkontexten", sagt Sabine Andresen.

Auf juristischer Ebene hat eine Reihe von Strafrechtsverschärfungen dazu beigetragen, dass sexuelle Übergriffe auf ­Kinder und Jugendliche höher bestraft werden. Ein neuer Gesetzentwurf sieht vor, dass Taten gegen die sexuelle Selbst­bestimmung von Kindern nicht mehr als Vergehen, sondern als Verbrechen gelten – die mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft werden können, dies gilt auch für Missbrauchsabbildungen. Außerdem will die Regierung Kinderrechte ausdrücklich in die Verfassung aufnehmen, um ihrer besonderen Schutzbedürftigkeit und ihren Bedürfnissen besser Rechnung zu tragen.

Nina Apin ist freie Journalistin und Autorin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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