Amnesty Journal 16. September 2020

Mit emotionaler Wucht

Männer und Frauen stehen auf einer Theaterbühne und werden von hinten von einem Scheinwerfer angestrahlt.

Monologe des Gewissens: Alle Produktionen des Theaterregisseurs Michael Ruf leben vom Kopfkino.

Mit den Asyl- und NSU-Monologen ist der Theater­regisseur Michael Ruf bekannt geworden. Wegen der Corona-Beschränkungen waren seine Mittelmeer-Monologe zweitweise nur über das Telefon zu hören.

Von Georg Kasch

Was geht in jemandem vor, der in einem kleinen Boot auf dem Meer treibt, inmitten von Wasser und Dunkelheit? Wer sich in Deutschland durch die Nachrichten zappt, kann schnell vergessen, dass sich hinter Begriffen wie Frontex und Abschottung Schicksale von Menschen verbergen: Migrantinnen und Migranten, die um ihr Leben kämpfen.

Doch plötzlich, am Telefon, ist man ziemlich nah dran. Da erzählt Selma, eine Freiwillige, die für die Hilfsorganisation Watch the Med Alarmphone arbeitet, wie es ist, auf dem Mittelmeer in Seenot geratene Menschen via Handy zu einem größeren Schiff oder ans rettende Ufer zu lotsen. Sie berichtet davon, wie Yassin anruft, dessen Boot die Orientierung verloren hat. Sollen sie weiter nach Norden fahren, in Richtung italienischer Küste? Aber was, wenn der Akku versagt und sie auf dem Weg dahin verloren gehen? Oder in Richtung Süden, zum Schiff der italienischen Küstenwache? Aber wird es Yassin und die anderen nach Italien bringen? Oder direkt an die libysche Küstenwache ausliefern?

Seenot am Telefon

Die Telefonstimme gehört der Schauspielerin Meri Koivisto, ihr Text ist Teil der "Mittelmeer-Monologe" von Regisseur Michael Ruf. Seit 2019 finden die "Mittelmeer-Monologe" auf der Bühne statt – in Theatern, Stadthallen oder Räumen von Initiativen. Wegen der Corona-Beschränkungen mussten Ruf und sein Team allerdings umdenken: Deshalb erfanden sie für die Zeit des Lockdowns die Telefonversion, in der die Zuhörer*innen etwa 20 Minuten lang mit ­einer Geschichte, einer Perspektive vertraut gemacht wurden.

Das funktionierte hervorragend. Schon deshalb, weil alle von Rufs bisherigen Produktionen – die "Asyl-Monologe", die "Asyl-Dialoge" sowie die "NSU-Monologe" – auch auf der Bühne vom Kopfkino lebten: Während die Schauspieler an der Rampe stehen, oft mit dem Textbuch vor sich, entfaltet sich die Wirkung der Beschreibungen in den Vorstellungswelten des Publikums. Wie auch jetzt wieder, da die Mittelmeer-Monologe erneut live gezeigt werden können, im Berliner Heimathafen und dem Silent Green, aber auch in Städten wie Hamburg und Fürth, Wismar und Wuppertal.

Der Reiz der Mono- und Dialoge besteht darin, dass sie konsequent die Perspektive der Betroffenen widerspiegeln und ausschließlich aus ihren Worten bestehen. Ruf führt lange Interviews und verdichtet sie dann zur endgültigen Form, behält aber Wortwahl und Sprechduktus bei. Es sind Erfahrungen und Gefühle aus erster Hand, die entsprechend berühren. Man kann sich kaum wehren gegen die Genauigkeit und emotionale Wucht der Erzählungen. Nur mit der Live-Musik übertreibt es Ruf zuweilen.

"Wort und Herzschlag"

Der Erfolg gibt ihm Recht: Die vier in den vergangenen zehn Jahren entstandenen Theaterstücke kommen auf insgesamt mehr als 800 Vorstellungen. Das geht nur, weil er sich auf ein Netzwerk von rund 600 Schauspielern und Musikern stützt. So muss nicht eine Besetzung quer durchs Land reisen. Praktisch ist zudem, dass Rufs sparsame Inszenierungen, die nur mit ein paar Mikrofonen vor neutralem Hintergrund auskommen, auch problemlos Abstand ermöglichen, also Corona-tauglich sind. Deshalb gibt es jetzt schon wieder so viele Live-Termine.

Außerdem expandieren die Produktionen. Im November 2019 brachte Ruf die "Mittelmeer-Monologe" mit US-Schauspielerinnen und -Schauspielern in Washington D.C. und New York auf die Bühne; demnächst wird das Netzwerk auch Richtung ­Österreich, Schweiz und Ungarn erweitert. Zugleich arbeitet Ruf schon an der nächsten Inszenierung, die "Klima-Monologe", die 2021 vom Hauptstadtkulturfonds gefördert werden – nicht nur finanziell ein Ritterschlag.

Mehrfache Auszeichnung

Lange produzierte Ruf seine Arbeiten für die Bühne für Menschenrechte, die er 2011 nach Vorbild der britischen Actors for Human Rights gründete. Nun arbeitet er unter dem Label "Wort und Herzschlag". Das Projekt sei so stark gewachsen, dass er die gemeinnützige Unternehmergesellschaft gründete, um leichter Förderanträge stellen zu können, sagt er. Gut möglich, dass auch interne Konflikte eine Rolle spielten – die Bühne für Menschenrechte existiert weiter, allerdings ohne Rufs Inszenierungen.

Diese Inszenierungen, die ein breites Presseecho erfahren und mehrfach ausgezeichnet wurden, sind aber – zusammen mit dem Künstlernetzwerk – das Tafelsilber der Unternehmung. Ihre Besonderheit: Anders als beim Dokumentartheater, das normalerweise im Stadttheater und in der Freien Szene entsteht, wollen Ruf und seine Kooperationspartner ihr Publikum nicht nur bewegen und aufklären, sondern auch zum Handeln verführen. "Beim Verbreiten von wenig gehörten Perspektiven darf es nicht bleiben", sagt Ruf: "Die Leute sollen aktiv werden!" Deshalb gibt es nach den Vorstellungen immer ein Publikumsgespräch, meist mit Leuten vor Ort, die sich zum Thema des Abends engagieren. Von einigen Organisationen sind regelmäßig Vertreter dabei. Im Fall der Mittelmeer-Monologe etwa Sea-Watch, Watch the Med Alarmphone und Women in Exile.

Bewirkt das etwas? Um das herauszufinden, telefoniert Ruf etliche Wochen nach einem Gastspiel mit den Gastgebern, um zu fragen, was sich vor Ort geändert hat. Sind Menschen aktiv geworden? Hat die Aufführung Kreise gezogen?

Realitätsveränderndes Theater

Nachgespräche gab es auch bei der Corona-­bedingten Telefonversion der "Mittelmeer-Monologe". Gut 40 Minuten nach Selmas Monolog ruft Mohamad Naanaa von der NGO Eed be Eed an. Er erzählt, dass er gerade in Griechenland ist, um vor Ort den geflüchteten Menschen in den Camps zu helfen. Er selbst stammt aus Syrien und konnte mit einem Visum der deutschen Botschaft in der Türkei legal nach Deutschland fliegen. Seitdem setzt er sich für flüchtende Menschen ein, die es weitaus härter getroffen hat. Wie? "Ich will die Menschen über die katastrophalen Umstände hier informieren", sagt er, "Artikel schreiben, Organisationen vor Ort helfen". Wer nicht hinreisen könne, solle spenden.

Noch während des Gesprächs will man sofort zum Onlinebanking klicken. Denn nach der düster grundierten Erzählung von der Handy-Seenotrettung strahlt einem Mohamads mitreißende Energie und fröhliche Menschlichkeit aus dem Telefon entgegen. Auf die Frage, wie man helfen könne, verspricht er, eine Liste mit Organisationen zusammenzustellen. Eine Woche später ist die Mail da. So realitätsverändernd ist Theater selten.

Weitere Infos: wort-und-herzschlag.de/#mittelmeer-monologe
Tickets: heimathafen-neukoelln.de/events/die-mittelmeer-monologe

Weitere Artikel