Amnesty Journal Deutschland 04. Juni 2018

Mentale Blockaden

Links im Bild eine lange Mauer, daneben ihr Schatten auf dem Sandboden

Beschränkter Horizont. Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko nahe dem kalifornischen Calexico, März 2018.

Fast drei Jahrzehnte nach dem Fall der Berliner Mauer schränken  Grenzanlagen die Freiheit  von Menschen weltweit weiter ein. Damit beschäftigt sich der Deutsche Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig.

Von Clemens Bomsdorf

"Mr. Gorbachev, tear down this wall." – "I will build a great, great wall on our southern border, and I will make Mexico pay for that wall." Rund 30 Jahre liegen zwischen diesen beiden Aussprüchen von Ronald Reagan und Donald Trump. Die Berliner Mauer fiel zwei Jahre nach Reagans publikumswirksam vor dem Brandenburger Tor vorgebrachter Forderung. Was genau zwischen Mexiko und den USA passieren wird, ist unklar. In jedem Fall hat Trumps Rhetorik etlichen US-Amerikanern Hoffnung gegeben, vielen anderen bereitet sie ebenso wie vermutlich den meisten Mexikanern Sorge. Wenn Trump über seine Mauerbaupläne spricht, erweckt er immer wieder den Eindruck, die nordamerikanische Gesellschaft würde wirtschaftlich und sozial gerettet werden, wenn bloß mit der Errichtung der Mauer im Süden sowohl die Drogen als auch die illegalen Einwanderer von dort draußen ­gehalten würden.

"Es ist sehr interessant, dass ausgerechnet in einer Zeit, wo die Welt immer globaler, vernetzter wird, der Ruf nach einer neuen Abgrenzung laut wird", sagt Marianne Birthler. Die aus Ost-Berlin stammende ehemalige Grünen-Politikerin und frühere Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen kuratiert gemeinsam mit dem Architektenbüro Graft den Deutschen Pavillon bei der diesjährigen Architekturbiennale von Venedig. In der Ausstellung mit dem Titel "Unbuilding Walls" steht im Zentrum, was aus dem deutsch-deutschen Todesstreifen sowie den west-östlichen Diskrepanzen mittlerweile geworden ist. Globalpolitisch noch interessanter ist der zweite Teil: Hier geht es um sechs internationale zum Teil hoch umstrittene Grenzen – die auf Zypern, die nordirische, die zwischen Marokko und Spanien, zwischen Süd- und Nordkorea, die israelisch-palästinensische und jene, die Trump nun befestigen möchte. "Wann immer Mauern entstehen, ist es ein Zeichen, dass man nicht mehr weiter wusste, konnte oder wollte. Im Grunde ein Versagen von Kommunikation, Verhandlung, anderen Modellen. Ich will nicht behaupten, dass es immer ohne geht, aber es ist eigentlich ein Ausdruck politischen Scheiterns", sagt Birthler.

In diesem Jahr, in dem die deutsch-deutsche Mauer mittlerweile so lange gefallen ist, wie sie einst existierte, setzt auch der Westen inklusive Europa und Deutschland auf immer sicherere Grenzen, um die globalen Probleme außen vor zu halten. Der Grenzzaun zwischen Marokko und der spanischen Exklave Ceuta ist strengstens bewacht und wer sie überwindet, muss mit Misshandlungen rechnen. Amnesty International kritisiert kollektive Abschiebungen Spaniens und Gewalt gegen Flüchtlinge, die die Grenze überqueren wollen.

Die marokkanisch-spanische Grenze kommt in der Architekturausstellung vor, weil sie eine physisch existierende Landgrenze ist. Sie ist aber nicht die einzige europäische Außen­grenze zum afrikanischen Kontinent. "Was die Mauer in Libyen gerade ist, weiß keiner genau. Sie wird derzeit extrem verschoben aus dem Meer in den Kontinent hinein, die Außenmauer Europas steht schon nicht mehr auf eigenem Territorium", sagt Graft-Architekt Lars Krückeberg.

Sich abzuschotten, ist eine scheinbar ebenso einfache wie populistische Lösung, die verdient, genauer reflektiert und ­debattiert zu werden. Genau dazu soll die Ausstellung im Deutschen Pavillon beitragen. Statt dabei wie häufig üblich vor allem Spitzenpolitiker und Wissenschaftler zu befragen, hat das Kuratorenteam Journalisten ausgesandt, um an den sechs Grenzen von den Anwohnern zu hören, was sie über diese Art von "Schutzwall" denken. Deren Reflexionen sind in Filmen zu sehen. Die Kuratoren wollen nicht Stellung beziehen, sondern einfach nur zeigen, was ist. Sie werden, wie es Architekt Krückeberg ausdrückt, "den texanischen Ranger, der die Mauer zwischen den USA und Mexiko gut findet, ebenso zu Wort kommen lassen, wie eine mexikanische Mutter, die das nicht so sieht, weil sie dadurch von ihrem Kind getrennt ist". Krückeberg sagt, dass üblicherweise nur eine Seite die Mauer unbedingt wolle. Doch auch da gebe es Nuancen, wie die Videos zu Nordirland zeigten: "Ich fand es erstaunlich, dass viele sagten, ich mag die Mauer auch nicht, aber im Moment hilft sie uns sehr – wenn sie nicht da wäre, würden wir uns die Köpfe einschlagen."

Dass selbst mit dem Abbau einer Grenzanlage nicht das Ende der Geschichte erreicht ist, wollen die Architekten und ­Marianne Birthler im Hauptteil der Ausstellung zeigen. "Unser Titel lautet ›Unbuilding Walls‹, während man im Deutschen von ›Mauerfall‹ spricht. Wir zeigen aber, dass Baustein für Baustein abgebaut wird", sagt Graft-Architekt Wolfram Putz. Steinchen für Steinchen – noch lange, nachdem Grenzen aufgehoben wurden, entfalten sie psychologische und gesellschaftliche Wirkung. "Auch wenn die Mauer ganz schnell fällt, ist es mental die Mauer in den Köpfen, die zyklisch immer wiederkehrt, bevor sie wirklich erledigt ist", sagt Putz.

Bei der Architekturbiennale vor zwei Jahren stand im Deutschen Pavillon die Integration von Einwanderern im Zentrum, die Stadt Offenbach wurde damals als vorbildliches Beispiel ­präsentiert. Die Planung der Ausstellung lief, als die Zahl der nach Europa kommenden Flüchtlinge besonders hoch war und Angela Merkel sich mit ihrem berühmten "Wir schaffen das" viele Freunde und Feinde machte. Letztlich ist die damit verbundene Diskussion ein Thema, auf das der diesjährige deutsche Biennalebeitrag zurückkommt. "Die Frage wird komplizierter, je tiefer man einsteigt", sagt Birthler. "Auf der einen Seite ist es für mich selbstverständlich, dass ein Land als Souverän auch bestimmt, wer hinein darf. Wenn es aber um Menschen in großer Not geht, sind wir als zivile Gesellschaft auch herausgefordert." Eine hochkomplexe Frage, die die Ausstellung nicht wird auflösen können.

Architekturbiennale Venedig: 26. Mai bis 25. November 2018

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