Amnesty Journal Deutschland 04. Juni 2018

Allein unter Männern

Eine blonde Frau in Schiedsrichterkleidung läuft mit erhobenem linken Arm über den Rasen

Unparteiisch. Bibiana Steinhaus beim Bundesligaspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem FC Augsburg, Januar 2018.

Bibiana Steinhaus ist als Schiedsrichterin in der Fußball-Bundesliga angekommen, leicht hat sie es dort allerdings nicht.

Von Christian Kamp

Geleitet wird die Partie von Frau Bibiana Steinhaus." An diese Ansage müssen sich manche erst gewöhnen. Immer noch, schließlich ist es schon der 33. und vorletzte Bundesliga-Spieltag, als der 1. FC Köln den FC Bayern empfängt – und für Steinhaus bereits der achte Einsatz in dieser Saison. Einem Kollegen auf der Pressetribüne ist das aber eine kleine Bemerkung wert. "Die Bibiana pfeift – kuck ma’ an."

Auch wenn das nur ein winziger Ausschnitt aus dem mit 50.000 Menschen vollbesetzten Kölner Stadion ist, sagt der Spruch etwas darüber aus, wie normal es ist, dass eine Frau als Schiedsrichterin in der Fußball-Bundesliga pfeift. Dass Bibiana Steinhaus, die Polizistin aus Langenhagen bei Hannover, die Männer nach ihrer Pfeife tanzen lässt, wie manchmal zu lesen war.

Aber mit einem Satz wie diesem fangen die Schwierigkeiten ja schon an. Er mag humorvoll gemeint sein, vielleicht sogar emanzipatorisch, aber er führt letztlich zu konzeptuellen Verstrickungen. Weil er dann doch wieder ein Klischee bedient, das vor allem in der Gedankenwelt von Männern existieren dürfte. Wenn man so will, ist auch dieser Text in gewisser Weise kontraproduktiv für das, was Steinhaus am liebsten wäre. "Eigentlich", sagt die 39-Jährige, "will man nicht darüber reden. Weil es nichts Besonderes ist. Aber irgendwie sind wir gezwungen, es doch zu tun, weil es eben doch verschieden ist."

Redebedarf gibt es an diesem Samstag auch im Kölner Stadion. In der Halbzeitpause liefert sich Mats Hummels auf dem Weg in die Kabine einen impulsiven Disput mit Steinhaus. Der Nationalspieler verabschiedet sich mit einer abfälligen Geste, so, dass sie ihm allemal eine Karte dafür zeigen könnte, aber sie ist nicht diejenige, die sich bei erster Gelegenheit angegriffen fühlt. Den Fußball, das spürt man schnell, wenn man sich mit ihr unterhält, weiß sie nicht nur mit den strengen Augen des Gesetzes zu betrachten, sondern auch mit der Leidenschaft eines Fans. Und Kommunikation, direkt und gern auch schlagfertig, ist ihre bevorzugte Art, die Dinge zu regeln.

In ihren bisherigen Bundesliga-Einsätzen ist Steinhaus ohne rote oder gelb-rote Karte ausgekommen, in der zweiten Halbzeit in Köln jedoch wird es auch ihr zu bunt. Der FC-Trainer Stefan Ruthenbeck regt sich zum wiederholten Mal an der Seitenlinie auf, der vierte Offizielle sieht den "Scheibenwischer" – und Steinhaus schickt Ruthenbeck auf die Tribüne. Ganz normale Aufgaben eines Schiedsrichters, aber es wäre nicht verwunderlich, wenn Steinhaus sich manchmal ein paar Gedanken mehr machen würde. Schließlich kommt sie nicht umhin, dass tradierte Rollenbilder auf ihre Entscheidungen projiziert werden.

Vor gut drei Jahren etwa legte ihr – da war sie vierte Offizielle am Spielfeldrand – der damalige Bayern-Trainer Pep Guardiola ziemlich machomäßig den Arm auf die Schulter. Grenzüberschreitung oder menschlicher Umgang in der Millionenbranche? Und zu Beginn der gerade zu Ende gegangenen Saison, im Pokal, erlaubte sich der Münchner Profi Franck Ribéry einen Streich. Als er sich den Ball bei einem Freistoß zurechtlegte, zog er Steinhaus, die danebenstand, den Schnürsenkel auf – ein ­typischer Ribéry-Scherz oder aber einer, den er sich bei einem Mann nie erlaubt hätte?

Guardiolas Hand schob sie beiseite, Ribérys Streich nahm sie mit Humor. Völlig klar indes war die Sache im November 2015, als der damalige Düsseldorfer Kerem Demirbay ihr, nachdem sie ihm Gelb-Rot gezeigt hatte, hinterherrief, dass Frauen im Männerfußball nichts zu suchen hätten. Da war auch für Steinhaus eine Grenze überschritten, Demirbay bekam vom DFB fünf Spiele Sperre aufgebrummt, sein Klub verdonnerte ihn dazu, ein Mädchenspiel zu pfeifen. Dass er dabei höchst unsportlich erschien, im modischen Mantel, kam nicht so gut an, auch nicht bei Steinhaus.

Schiedsrichter, sagt sie, sollten mit ihrer Arbeit nicht im Mittelpunkt des Interesses stehen. "Ich habe aber auch gelernt, dass dieser blonde Pferdeschwanz auffällig ist und einfach etwas anderes in der Gruppe mit meinen Kollegen. Ich kann nicht unterm Radar fliegen, selbst wenn ich es wollen würde." Ob sie es denn wollen würde? "Gerade zu Beginn", sagt Bibiana Steinhaus, "habe ich es probiert, bis ich irgendwann verstanden habe, es wird mir nicht gelingen." Das, sagt sie, sei der Moment gewesen, "in dem ich mehr zu mir selbst gefunden habe".

Mit 16 Jahren begann sie mit der Schiedsrichterei, weil es für eine aktive Karriere nicht reichte; auch ihr Vater war Schiedsrichter, erzählt sie. Schon mit 20 leitet sie Spiele der Frauen-Bundesliga, 2011 das Finale der Frauen-WM in Frankfurt, 2012 das olympische Endspiel. Parallel war sie immer auch bei den Männern im Einsatz, zuerst in unteren Klassen, 2007 stieg sie in die zweite Liga auf. Zu Beginn dieser Saison wurde sie in die erste Liga befördert.

Ihre Premiere erlebte sie am 10. September 2017, Hertha BSC gegen Werder Bremen, das Spiel endete 1:1, über ihre Leistung wurde danach mit Anerkennung gesprochen. Doch da war auch schon klar, dass es keine leichte Saison für die Schiedsrichter werden würde, der Videobeweis macht ihnen das Leben nicht leichter, bis heute, und auch Bibiana Steinhaus hat zu kämpfen. In den Bewertungen des Fußballmagazins Kicker findet sie sich beinahe am Tabellenende der 24 Bundesliga-Schiedsrichter wieder, auch in Köln hat sie Schwierigkeiten, eine Linie zu finden, das Fachmagazin attestiert ihr "mehrere Unsicherheiten bei der Bewertung von Zweikämpfen".

Das alles war aber nichts gegen jenes Spiel Anfang April in Mönchengladbach, als Fans der Borussia sie massiv und herabwürdigend beschimpften. Pöbeleien, auch frauenfeindliche, sind nichts Neues für sie, ihr Freund, der frühere englische Spitzenschiedsrichter Howard Webb, erzählt sie, habe die ersten derben Schimpfwörter auf Deutsch gelernt, als er ihr beim Pfeifen zusah. Gladbachs Manager Max Eberl bat danach öffentlich um Entschuldigung, Steinhaus kommentiert die Vorfälle nicht.

Wenn man mit ihr darüber spricht, ob sie ein Vorbild sein oder sogar zu gesellschaftlicher Veränderung beitragen wolle, dann klingt ihre Antwort ambivalent. Diversität ist schon etwas, was ihr wichtig scheint, es sei ein Verlust, dass Frauen in Firmen und Verbänden – gerade im Fußball – unterrepräsentiert seien.

Aber Bibiana Steinhaus wirkt auch nicht, als wolle sie ihr Beispiel mit Wucht als ein Leitbild in diese Debatte stellen. Es gehe um die Leistung, sagt sie, und nicht um das Geschlecht. Vielleicht ahnt sie, dass es besser ist, sich in dieser Hinsicht nicht zu weit vorzuwagen. Denn dass manche Dinge gerade in dieser Branche leichter gesagt als auf dem Platz praktiziert sind, hat sie auf jeden Fall erfahren müssen.

In Köln steht es kurz vor dem Abpfiff 3:1 für die Bayern, der eingewechselte Claudio Pizarro kommt im Strafraum zu Fall. ­Elfmeter für Köln? Ein Fall für den Videoassistenten. Steinhaus sieht sich die Szene auf dem Monitor an und entscheidet – kein Strafstoß. "Bibiana, Bibiana", murmelt der Kollege auf der Pressetribüne. Er sagt es nur zu sich – und doch, so wirkt es, irgendwie auch von Mann zu Frau.

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