Ägypten: Tödliche Angriffe auf koptische Christen
Koptische Christinnen demonstrieren im Mai 2011 in Kairo
© Tahsin Bakr/Demotix
23. Juli 2013 - Während eines gewalttätigen Angriffs auf koptische Christen in Luxor griffen ägyptische Sicherheitskräfte nicht ein, um die brutalen Übergriffe zu verhindern, dokumentierte Amnesty International in einem Bericht, der am 23. Juli 2013 veröffentlicht wurde. Während des Angriffs wurden sechs Männer von einer wütenden Menge belagert und von den Sicherheitskräften vor Ort den Angreifern überlassen. Vier der Männer wurden dabei getötet. Amnesty fordert eine unabhängige, umfassende und unparteiische Untersuchung des Übergriffs sowie der unangemessenen Reaktion der Sicherheitskräfte.
Eine wütende Menschenmenge, die mit Metallstangen, Messern, Ästen und Hämmern bewaffnet war, griff am 5. Juli 2013 in Nagah Hassan, 18 km westlich von Luxor, Häuser und Geschäfte von Angehörigen der koptischen Minderheit an. Die Gewalt begann gegen 3 Uhr morgens, kurz nachdem der Leichnam eines muslimischen Mannes in der Nähe von Häusern von dort ansässigen koptischen Familien gefunden worden war. Seine Familie beschuldigte einen lokalen koptischen Christen für seinen Tod verantwortlich zu sein.
Mehr als 100 Häuser der koptischen Christen wurden bis zur Mittagszeit angegriffen, viele von ihnen wurden geplündert und angezündet. Während des Angriffs kamen insgesamt vier koptische Männer ums Leben und vier weitere wurden schwer verletzt.
Trotz wiederholter Hilferufe unternahmen die Sicherheitskräfte vor Ort nur halbherzige Versuche die Gewalt zu beenden. Anwohner berichten, sie haben den ganzen Tag vergeblich die Notrufnummern der Polizei und des Militärs angerufen. Lokale religiöse Oberhäupter nahmen Kontakt mit weiteren Funktionären der Sicherheitskräfte auf. Die nötige Verstärkung der Sicherheitskräfte traf nicht ein. "Der Angriff dauerte 18 Stunden. Es gab nicht eine Tür, an der ich nicht geklopft habe: Polizei, Militär, lokale Funktionäre, die Bereitschaftspolizei, das Gouvernement. Nichts wurde unternommen", sagte Pater Barsilious, ein lokaler Priester aus Dab’iya.
In einem Fall haben die Sicherheitskräfte die Frauen und Kinder aus einem Haus evakuiert, das von einer wütenden Menschenmenge umzingelt war. Sechs Männer, die ebenfalls im Haus waren wurden jedoch von ihnen zurückgelassen, anscheinend den Forderungen der Angreifer entsprechend. Vier der zurückgelassenen Männer wurden später erstochen und /oder zu Tode geprügelt, ein Weiterer musste im Krankenhaus behandelt werden. Drei andere christliche Männer wurden nach weiteren gewalttätigen Zwischenfällen ebenfalls ins Krankenhaus eingeliefert.
"Es ist empörend, dass man diesen Angriff auf diese Weise ungehindert eskalieren lies. In der Vergangenheit hat Amnesty International eine ganze Reihe von Fällen dokumentiert, bei denen die ägyptischen Sicherheitskräfte während Demonstrationen unnötige Gewalt angewendet, und sogar mit scharfer Munition schossen haben. In diesem Fall hielten sie sich jedoch zurück, obwohl das Leben von Menschen in Gefahr war," sagte Hassiba Hadj Sahraoui, stellvertretende Direktorin der Abteilung für den Mittleren Osten und Nordafrika bei Amnesty International. "Die Ereignisse in Luxor und die absolut unangemessene Reaktion der Sicherheitskräfte auf den Angriff muss gründlich, unparteiisch und unabhängig untersucht werden."
Eine Frau berichtete, dass sie die Polizisten angefleht hat ihre zurückgelassenen Söhne zu retten, doch diese hätten ihre Bitten ignoriert. "Ich küsste dem Polizisten die Hände und Beine und flehte ihn an, meine beiden Söhne zu schützen und sie [aus dem Haus] zu holen... er ignorierte mich und sagte, er würde nur Frauen und Kindern helfen .... Ich habe beide meine Söhne an einem Tag beerdigt ", sagte sie. Andere Frauen berichten, dass sie ihren Männern abayas (Kleider) gegeben haben, um zu versuchen, sie als Frauen zu verkleiden, damit sie entkommen können.
Die Diskriminierung von koptischen Christen in Ägypten ist seit Jahrzeiten verbreitet. Unter Präsident Hosni Mubarak wurden mindestens 15 schwerwiegende Angriffe auf Angehörige der koptischen Minderheit dokumentiert. Die Gewalt setzte sich auch unter dem Obersten Militärrat und nach der Wahl von Präsident Mohamed Mursi fort. Mindestens sechs Angriffe auf koptische Kirchen oder Gebäude fanden während der letzten Monate der Amtszeit des abgesetzten Präsidenten im Jahr 2013 statt.
Untersuchungen der Staatsanwaltschaft in Luxor wurden eingeleitet. Mindestens 18 Männer wurden verhaftet und wegen Mordes, versuchten Mordes, Zerstörung von Eigentum und rücksichtslosem Vorgehen "thuggery" angeklagt. Gleichzeitig wurde berichtet, dass einige von ihnen bei der Festnahme von den Sicherheitskräften geschlagen wurden.
"Die anhaltende religiös motivierte Gewalt in Ägypten ist ein kontinuierlicher Makel in den Bilanzen der aufeinander folgenden Regierungen, die immer wieder versagt haben, Angriffe auf Minderheiten zu verhindern. Es müssen umgehend Schritte unternommen werden, um die Sicherheit der koptischen Christen und anderer Minderheiten zu gewährleisten", sagte Hassiba Hadj Sahraoui, stellvertretende Direktorin der Abteilung für den Mittleren Osten und Nordafrika bei Amnesty International.
"Die jüngsten Angriffe werden den politischen Willen der neuen ägyptischen Regierung und ihre Fähigkeit, die Muster der Untätigkeit und Ungerechtigkeit ein für alle Mal zu brechen, auf die Probe stellen."