Aktuell Ägypten 04. Februar 2013

Ägypten: Sexuelle Übergriffe auf Frauen auf dem Tahrir-Platz

Graffiti gegen sexuelle Belästigung auf einer Häuserwand in Kairo

Graffiti gegen sexuelle Belästigung auf einer Häuserwand in Kairo

Von Diana Eltahawy Die Ägypten-Expertin von Amnesty International ist zurzeit auf einer Recherche-Mission in Kairo.

01. Februar 2013 - In Kairo werden immer wieder Frauen von gewalttätigen Mobs angegriffen, sexuell belästigt und vergewaltigt. Amnesty fordert die ägyptische Regierung auf, der sexuellen Belästigung und der Gewalt gegen Frauen sowie der systematischen Diskriminierung endlich ein Ende zu setzen.

Fast jedes Mädchen und jede Frau, die in Kairo öffentliche Verkehrsmittel benutzt hat oder auf der Straße gegangen ist, hat schon einmal eine Art verbaler oder physischer sexueller Belästigung erlebt – ungeachtet ihres Alters, sozialen Status oder der Wahl ihrer Kleidung.

Das ist nicht neu. Seit Jahren rufen ägyptische Frauenrechtsaktivistinnen und -aktivisten die Behörden dazu auf, die Ernsthaftigkeit dieses Problems anzuerkennen. Es muss grundlegende Veränderungen im institutionalisierten diskriminierenden Verhalten gegenüber Frauen geben. Die ägyptischen Regierung muss Gesetzesreformen einleiten, Täter verfolgen und Ursachen bekämpfen, da die Notlage von Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, bisher ignoriert wurde. Die Schuld wird den Opfern auferlegt, weil sie sich "unanständig" gekleidet oder es gewagt hätten, in einem "männlichen" öffentlichen Raum anwesend zu sein.

Die schockierenden Zeugenaussagen, die nach den Protesten zur Erinnerung an den zweiten Jahrestag der "Revolution des 25. Januar" bekannt wurden, haben ans Licht gebracht, wie gewalttätige Mobs Frauen angegriffen, sexuell belästigt und in einigen Fällen vergewaltigt haben, und dass diese Übergriffe nur selten öffentliche Aufmerksamkeit erregt haben.

"Operation Anti-Sexual Harassment/Assault" (OpAntiSH) ist eine Initiative verschiedener ägyptischer Menschenrechtsorganisationen und Einzelpersonen, die gegründet wurde, um sexuelle Belästigung von Frauen in der Umgebung des Tahrir-Platzes zu bekämpfen. Sie erhielten Berichte über 19 Fälle gewalttätiger Übergriffe auf Frauen am 25. Januar 2013. Führende Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppe "I saw Harassment" berichteten Amnesty International, dass sie in fünf weiteren Fällen einschreiten konnten, bevor die Gewalt eskalierte. Vier Frauen wurden in der Metro-Station "Sadat" angegriffen und eine Frau hinter der Omar-Maqram-Moschee.

Zeugenaussagen von Opfern und von denen, die ihnen helfen wollten, zeigen ein erschreckendes Bild: Dutzende, wenn nicht hunderte von Männern umringten die Opfer und unzählige Hände rissen ihnen die Kleider und Schleier vom Körper, öffneten Hosen und begrapschten ihre Brüste und Hintern. In manchen Fällen erfüllen diese Übergriffe die Definition von Vergewaltigung, einschließlich Penetration mit Fingern und scharfen Gegenständen. Vielfach brachen Kämpfe mit Messern, Metallstangen und Stöcken aus. Es waren Szenen des Chaos, in denen die Linien zwischen denen, die helfen wollten, und denen, die an dem gewalttätigen Übergriffen beteiligt waren, verschwammen.

Aktivistinnen, die Rettungsmaßnahmen koordinieren, sind häufig selbst körperlichen und sexuellen Angriffen ausgesetzt. Eine Aktivistin der "I saw Harassment"-Initiative berichtete gegenüber Amnesty International, dass sie über einen vermeintlichen Angriff informiert worden und sofort zum Tatort geeilt war. Wie sich herausstellen sollte, war das Opfer eine andere Aktivistin.

Sie beschreibt, was passiert ist: "Ich bin in den Kreis der Männer hineingelaufen, um ihr zu helfen; die Männer haben mich durchgelassen. Als ich in der Mitte angekommen war, erkannte ich, dass die angegriffene Frau meine Kollegin war und dass der Bericht des Angriffs ein Trick war, uns herzulocken, um uns einzuschüchtern und anzugreifen… Plötzlich waren Hände auf meinen Brüsten, in meinem BH und quetschten meine Brustwarzen… Ich habe versucht, mich zu verteidigen und hörte meine Kollegin schreien. Ihr Oberkörper war nackt und sie schnitten ihren BH in der Mitte durch… Währenddessen beleidigten sie uns, nannten uns Huren, die es gewollt hätten, als wir uns in die Mitte der Männer gedrängt haben…An einem Punkt konnte ich 15 Hände auf mir fühlen… Jemand packte mich an meiner Kleidung und zerrte mich auf den Boden… Ein anderer Mann steckte seine Hand in meine Hose."

Dies ereignete sich am 23. November 2012 um ca. 20:30 Uhr auf dem Tahrir-Platz während der Demonstrationen gegen die Verfassungserklärung von Präsident Mohamed Mursi. Glücklicherweise konnten andere Demonstrantinnen und Demonstranten die beiden Frauen in ein nahegelegenes Feldkrankenhaus in Sicherheit bringen. Die Demonstrantinnen und Demonstranten brachten einen der Angreifer, den sie gefasst hatten, zu einer Polizeistation und schließlich zum Büro der "Qasr al-Nil"-Staatsanwaltschaft. Die Aktivistin berichtete, dass Polizeibeamte und der Staatsanwalt, die den Fall bearbeiteten, sie unter Druck setzten, die Beschwerde fallen zu lassen, und dass sie sich nur widerwillig darauf einließen, einen Bericht aufzusetzen, als sie mithilfe ihrer Anwälte darauf bestand. Diese Reaktion ist typisch und reflektiert eine Kultur der Verweigerung, Untätigkeit und in manchen Fällen Mittäterschaft von Vollzugsbeamten, die nicht nur darin versagen, Frauen vor sexueller Belästigung und Angriffen zu schützen, sondern auch daran scheitern, Vorwürfe angemessen zu untersuchen und Täter vor Gericht zu bringen. So lange Täter ungeschoren davon kommen, werden die gewalttätigen Angriffe weitergehen, wie am 25. Januar 2013 zu sehen war.

Die Überlebende eines gewalttätigen Angriffs am 25. Januar auf dem Tahrir-Platz, eine Freiwillige von OpAntiSH, brach die Mauer des Schweigens und der Scham, die solche Angriffe umgibt, und veröffentlichte ihre Aussage auf Facebook. Ihre herzzerreißende Darstellung war der oben zitierten sehr ähnlich. Als sie und eine Freundin zu dem sexuellen Übergriff einer Frau eilten, um einzuschreiten, wurden sie angegriffen. Sie beschreibt, wie zahlreiche Hände an ihrer Kleidung rissen, sie am ganzen Körper, einschließlich ihrer Brüste und Hintern, berührten und in ihre Hose griffen. Sie und ihre Freundin schafften es irgendwann in ein Restaurant zu flüchten.

Besonders schockierend ist, dass diese sexuellen Übergriffe der Mobs im öffentlichen Raum geschehen, manchmal am helllichten Tag mit tausenden Umstehenden, die entweder nichts tun, sich hilflos fühlen oder versuchen zu helfen, und sich dabei selbst der Gewalt aussetzen.

Ich war am 25. Januar zwischen 18 Uhr und 22 Uhr in der Nähe des Tahrir-Platzes. Zur der Zeit, als die meisten dieser Angriffe passierten. Es war ein surreales Bild, sich zwischen der merkwürdigen Normalität von Leuten, die in Cafés um den Platz Tee trinken und sich amüsieren, zu bewegen, und dem Feldkrankenhaus, das in einer Wolke von Tränengas eingehüllt war in der Nähe der gewaltsamen Auseinandersetzungen hinter der Omar-Maqram-Moschee. Ein Demonstrant rief mich an, um mich zu warnen, mich nicht der Talaat-Harb-Straße zu nähern, da er gerade Zeuge geworden war, wie zwei Frauen von einem bösartigen Mob umzingelt wurden. Ich fragte einige der Ärzte auf dem Platz, ob sie Fälle von Überlebenden sexueller Angriffe behandelt hätten. Sie bestritten dies, und behaupteten, dass solche Berichte übertrieben wären. Jetzt, da das Tränengas verflogen ist und die mutigen Frauen sich zu Wort gemeldet haben, ist deutlich, dass die Angaben der Ärzte falsch waren.

Aktivistinnen und Aktivisten, die sich mit diesem Phänomen beschäftigen, haben zahlreiche Erklärungsversuche für die Übergriffe: eine Kultur der Straflosigkeit, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht; Opportunismus von kriminellen Elementen im aktuellen Klima politischer Instabilität; systematische Versuche, Frauen von öffentlichen Räumen auszuschließen und ihnen ihr Recht auf Teilhabe an den Ereignissen, die Ägyptens Zukunft formen, zu verweigern; und fehlendes Interesse politischer Bewegungen, Behörden und der Medien.

Im Oktober wurde ein neues Gesetz gegen sexuelle Belästigung angekündigt, doch nie implementiert. Es scheint für die Behörden keine Priorität gehabt zu haben. Stattdessen verweist die neue Verfassung, die im Dezember verabschiedet wurde, auf die Rolle der Frau als Hausfrau. Außerdem verbietet sie die Diskriminierung von Frauen nicht ausdrücklich.

Trotz der Gewalt nehmen ägyptische Frauen weiterhin an Demonstrationen teil. Ungeachtet der Ursachen ist es mehr als höchste Zeit für die ägyptische Regierung, sexueller Belästigung und der Gewalt gegen Frauen sowie der chronischen und systematischen Diskriminierung, der Frauen in Ägypten jeden Tag ihres Lebens ausgesetzt sind, ein Ende zu setzen.

Weitere Informationen zur Lage der Menschenrechte in Ägypten finden Sie auf www.amnesty.de/informieren/laender/aegypten

Weitere Artikel