Ist Sport politisch?
Der Generalsekretär der deutschen Amnesty-Sektion: Wolfgang Grenz
© Amnesty International / Christian Ditsch
Mai 2012 - Sport und Politik – passt das zusammen? Es lässt sich zumindest nicht trennen. Zu oft versuchen Regierungen Großveranstaltungen für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen.
Wenn aus Sport also Politik wird, dann hilft nicht wegducken. Schon 1978, zur WM in der damaligen Militärdiktatur Argentinien, galt: "Fußball ja - Folter nein" - eine Forderung, die auch heute aktuell ist.
Amnesty International fordert generell nicht zum Boykott sportlicher Großveranstaltungen in Ländern mit übler Menschenrechtsbilanz auf - aber wir sagen: Sportler, Funktionäre und Fans sollten die Gelegenheit nutzen, um auf die Situation der Menschen im Land aufmerksam zu machen. Das ist bei den Olympischen Spielen in China oder der Formel 1 in Bahrain gründlich schiefgegangen.
Für die deutschen Fußballspieler, die zur EM in die Ukraine fahren, sollte umso mehr gelten: auf Fairness achten - nicht nur auf dem Platz - auch am Spielfeldrand, denn auch in Sachen Menschenrechte dürfen wir Fouls nicht hinnehmen.
Menschenrechtsverletzungen wie die weit verbreitete Folter in ukrainischen Gefängnissen und die Zunahme rassistischer Übergriffe in Polen sollten Politiker und Sportfunktionäre deutlich ansprechen - nicht nur hinter verschlossenen Türen.
Boykottaufrufe allein oder die Fokussierung auf den Fall Timoschenko kurz vor dem Turnier bringen da wenig. Europa schaut auf die Ukraine und Polen - eine gute Gelegenheit, mit geringem Aufwand Druck zu machen.
Wichtig ist, den Druck auch nach der EM aufrecht zu erhalten. Nur dann besteht die Hoffnung, dass sich die Menschenrechtslage grundlegend und dauerhaft verbessert.