Mit Farbe und Pinsel gegen Tränengas-Granaten
Die eindrucksvollen Bilder zeugen davon, wie sich die Ägypter den öffentlichen Raum zurückerobern
© Amnesty International
19. November 2012 - Am 19. November 2011 schlugen ägyptische Sicherheitskräfte Proteste in der Mohamed Mahmoud Straße in Kairo brutal nieder. Ein Jahr später wird die Revolution dort auf andere Art fortgeführt: Street Art Künstler dokumentieren das politische Geschehen mit Farbe und Pinsel.
Mohamed Mahmoud Straße in Kairo am 19. November 2011: Ägyptische Sicherheitskräfte schlagen mit bis dahin unbekannter Gewalt Proteste nieder. Sechs Tage lang kommt es zu Auseinandersetzungen, bei denen die Polizei mit scharfer Munition, Tränengas-Granaten und Schlagstöcken gegen Demonstranten vorgeht. Dabei kommen 51 Menschen ums Leben, viele weitere Menschen werden verletzt.
Mohamed Mahmoud Straße ein Jahr später: Auf den Wänden und Mauern der Straße wird die Revolution mit Sprühdose und Farbe fortgeführt. Die ägyptische Street Art Szene dokumentiert und kommentiert dort bildgewaltig und auf vielfältige Weise das politische Geschehen. Es gibt großformatige Porträts von Opfern der Revolution als Märtyrer, Graffitis für die Solidarität mit Gefangenen, Wandmalereien, die den ägyptischen Militärrat als Fortsetzung des Mubarak-Regimes mit anderen Köpfen kritisieren, und Zeichnungen gegen die sexuelle Belästigung von Frauen. Der Amnesty Campaigner Nicholas Piachaud hat bei einem Besuch in Kairo Fotos von der revolutionären Straßenkunst gemacht.
Die eindrucksvollen Bilder zeugen davon, wie sich die Ägypter den öffentlichen Raum zurückerobern. "Zwischen dem, was die Medien berichteten, und dem, was die Menschen erlebten, gab es eine große Lücke", berichtet Mohamed Fahmy ("Ganzeer"), einer der Graffiti-Künstler. "Als echte Informationsquelle hatten die Menschen nur das Internet zu Verfügung. (…) Aber weil die Straßen ein öffentlicher Ort sind, macht es Sinn, auch sie als Ausdrucksmittel zu nutzen."
Und die Künstler lassen sich nicht den Mund verbieten. "Die Graffitis wurden entfernt", sagt Mohamed, ein anderer Sprayer. "Wir wissen, wer sie entfernt hat. Jemand, der Angst vor dem hat, was wir sagen, was das Volk sagt." Unter manchen Graffitis steht daher heute: "Ihr könnt es zwar entfernen, aber ich werde es wieder zeichnen."
Die Bilder und Malereien zeigen auch, dass der Kampf der Ägypter für Freiheit und Menschenrechte noch nicht vorbei ist. So ist auch die Niederschlagung der Proteste durch die ägyptischen Sicherheitskräfte im November 2011 bis jetzt nicht aufgeklärt. Zwar wurden Richter ernannt, die die Vorfälle untersuchen sollen. Aber bis heute wurde kein Mitglied der Sicherheitskräfte verurteilt. Lediglich ein Offizier wurde für das Töten und Verletzen von Demonstranten angeklagt. Ihm wird u.a. vorgeworfen, mit Schrotflinten direkt auf die Augen von Protestierenden gezielt zu haben. Sein Verfahren läuft noch.
Fordern Sie daher mit uns Gerechtigkeit für die Opfer von Militär- und Polizeigewalt! Unterschreiben Sie unsere Petition an Präsident Mursi. Wir fordern ihn dazu auf, Armeeangehörige und Polizisten, die für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, vor zivilen Gerichten anzuklagen.
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Bilderstrecke: Graffiti auf der Mohamed Mahmoud Straße in Kairo