Aktuell Südafrika 06. März 2009

"Sie beleidigten mich wegen meiner Krankheit"

55% der HIV-Infizierten in Südafrika sind Frauen. Zehn Einzelschicksale aus dem Amnesty-Bericht „I am at the lowest end of all“ von 2008 dokumentieren, dass HIV-infizierte Frauen in Südafrika nicht nur unter den Symptomen ihrer Krankheit leiden.

Zu wenig Geld, um ins Krankenhaus zu fahren

Die 26 Jahre alte Jamala* versorgt ihre fünf jüngeren Geschwister und ihren sieben Jahre alten Sohn. Sie leben zusammen in einem Zimmer, das ihr eine Tante zur Verfügung gestellt hat. Jamala hat kein festes Einkommen und wenig Geld für Nahrung. Ihre Eltern sind an AIDS gestorben, auch ihr Partner starb 2006. Sie selbst hatte sich nur einmal im Krankenhaus testen lassen, ob sie eine Behandlung für AIDS benötigt: „Ich sollte im März noch einmal zur Kontrolle der CD4-Zellen kommen, aber ich war dazu nicht in der Lage, da ich für den Transport kein Geld hatte.“ Die Kosten für den Transport liegen bei 30 Rand (ca. 2,60€). Seit ein paar Jahren leidet Jamala an Tuberkulose, einer Krankheit, die häufig bei einer HIV-Infektion auftritt. Ihr größter Wunsch ist es, Geld für eine Weiterbildung zu haben und anschließend einen sicheren Arbeitsplatz zu bekommen.

Krankenhaus zu weit entfernt

Die 15-jährige Kianga* aus der Provinz Limpopo wurde vergewaltigt. Ihre Mutter versuchte, sie innerhalb von 48 Stunden in ein Krankenhaus zu bringen. Sie fuhren mit einem öffentlichen Taxi über zwei Stunden zum nächsten Krankenhaus und wurden abgewiesen, weil es ab 16 Uhr geschlossen war. Ein NGO-Mitarbeiter machte es möglich, dass das Mädchen dennoch getestet wurde und das Prophylaxemedikament (PEP) erhielt. Wegen der Entfernung konnten Mutter und Tochter jedoch nicht noch einmal in das Krankenhaus fahren und wissen bis heute nicht, ob Kianga tatsächlich mit HIV infiziert ist.

Vergewaltigung: Keine angemessene medizinische Untersuchung, Täter straffrei

Im Jahr 2006 wurde Chiaka* auf dem Weg zu einem Freund vergewaltigt. Sie ging zur nächstgelegenen Polizeistation, um Anzeige zu erstatten. Da diese schon geschlossen war, ging sie am nächsten Morgen erneut hin. Ein Polizist nahm ihre Anzeige auf, fragte sie jedoch genau, welche Kleidung sie an dem Abend getragen habe und warum sie so spät noch unterwegs gewesen sei. Er bezweifelte die Aussagen von Chiaka und brachte sie an dem Tag nicht mehr in eine Klinik. Stattdessen wurde sie einen Tag später zu einem 35 km entfernten Arzt gebracht, der sie nur 10-15 Minuten untersuchte. „Er fragte gar nicht nach meiner Geschichte.“ Zurück in der Polizeistation wartete die Mitarbeiterin einer Nichtregierungsorganisation, um Chiaka in die nahe gelegene Klinik zu bringen. Sie wurde erneut untersucht, allerdings nicht auf Geschlechtskrankheiten, und die „Pille danach“ wurde ihr auch nicht verschrieben. Der Arzt wies sie zumindest auf die Möglichkeit hin, einen HIV-Test zu machen. Aber sie lehnte den Test ab, weil sie schon wusste, dass sie mit HIV infiziert ist. Bis heute wurde der Täter nicht festgenommen. Chiaka befürchtet, dass es daran liegt, dass der Bruder des Täters ein bekannter Geschäftsmann mit guten Beziehungen zur örtlichen Polizei ist.

Diskriminierung aufgrund von HIV-Infektion

Im Jahr 2005 starb der Ehemann von Tanisha* an AIDS. Kurz vor seinem Tod war er HIV-positiv getestet worden. In ihrer letzten Schwangerschaft wurde auch die heute 34-jährige Mutter von vier kleinen Kindern HIV-positiv getestet. Daraufhin erhielt sie Medikamente zur Verhinderung der Übertragung von HIV von der Mutter auf das Kind. Nach dem Tod ihres Mannes zogen Tanisha und ihre Kinder zu ihrer Familie. Aber es kam zu Konflikten, als sie ihre HIV-Infektion offen legte. „Sie beleidigten mich wegen meiner Krankheit.“ Also verließ sie ihre Familie. Seit 2006 erhält Tanisha antiretrovirale Medikamente, die sie sich einmal monatlich aus dem Krankenhaus abholen muss. Durch die staatliche Unterstützung, unter anderem für ihre Kinder, kann sie die Transportkosten von 30 Rand (ca. 2,60€) aufbringen. Auch im Krankenhaus versucht man ihr zu helfen, indem man ihr bei den Besuchen zusätzliche Tabletten mitgab, damit sie versorgt ist, auch wenn sie einmal nicht kommen kann.

Schweigen über die Krankheit

Darratu*, 32 Jahre alt, lebt mit ihrer 17-jährigen Tochter und ihrem neugeborenen Enkelkind bei ihrer eigenen Mutter. Sie ist HIV-positiv, aber ihre Mutter weiß nichts davon. Darratu hat Angst, dass ihre Mutter sie nicht weiter unterstützt, wenn sie die Wahrheit erfährt. Sie nimmt keine antiretroviralen Medikamente gegen ihre Krankheit, sondern nur ein Medikament zur Unterstützung des Immunsystems. Ihre Mutter sieht, dass sie Medikamente nimmt und fragt nach. „Ich sage ihr dann, dass ich Kopfschmerzen habe... ich verstecke sie.“

Misshandlung durch den Ehemann

Die 32-jährige Binta* wurde von ihrem Ehemann jahrelang körperlich misshandelt und vergewaltigt. „Die Misshandlungen fingen an, als er eine Arbeit bekommen hatte und begann, Alkohol zu kaufen.“ Im Krankenhaus, in dem sie aufgrund der Verletzungen mehrmals behandelt werden musste, ermutigte man sie, zur Polizei zu gehen. Tatsächlich erstattete sie mehrmals Anzeige. Einmal wurde ihr Mann zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt, doch als er entlassen wurde, misshandelte er seine Frau weiter. Im Oktober 2006 schlug und vergewaltigte er Binta vor den Augen ihrer Kinder. Sie erstattete Anzeige mit Hilfe einer Nichtregierungsorganisation. Bintas Ehemann wurde verhaftet, jedoch nach einem Monat auf Kaution freigelassen und von Unbekannten ermordet. Nach der Vergewaltigung wurde Binta im Krankenhaus medizinisch untersucht und auf HIV getestet. Im Mai 2007 erzählte sie den Amnesty-Mitarbeiterinnen, dass es ihr körperlich sehr schlecht geht. Sie habe aber zu wenig Geld, um in die Klinik zu fahren und sich über das Ergebnis zu informieren.

Arbeitsplatzverlust nach Vergewaltigung

Nach dem Tod ihrer 2006 an AIDS verstorbenen Mutter zog Mandisa* zu ihrer Großmutter. Die 23-Jährige ist HIV-positiv. In ihrer neuen Umgebung bekam sie Angst vor Anfeindungen ihrer Mitmenschen. HIV-positive und AIDS-kranke Menschen werden in der südafrikanischen Gesellschaft oft stigmatisiert. Mandisa fürchtete, erneut wegziehen zu müssen. Aber sie wollte nicht zu ihrer Tante gehen, da sie eines Nachts von dort entführt und auf einem Fußballfeld von einem Mann vergewaltigt worden war. Der Täter wurde nie verhaftet. Wegen der gesundheitlichen Folgen nach der Vergewaltigung hatte Mandisa ihren Arbeitsplatz verloren.

Partner weigert sich, HIV-Test zu machen

Die 45 Jahre alte Gharibu* aus der Provinz KwaZulu-Natal ist Mutter von drei Kindern und seit fünf Jahren verwitwet. Ihr Mann ist an einer Krankheit gestorben, die oft mit AIDS einhergeht. Gharibu selbst wurde 1997 HIV-positiv getestet. Sie berichtete den Amnesty-Mitarbeiterinnen dass sie mit zwölf Jahren von einem alten Mann aus ihrem Heimatort vergewaltigt worden war: „Er machte das einfach so. Er vergewaltigte Menschen und wenn wir es herausfanden, brachten wir ihn zur Polizei, aber er kam jedes Mal davon. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber ich weiß noch, dass er mich geschlagen und fast getötet hat...“ Heute lebt sie in einer Gegend, in der vor kurzem eine junge Frau vergewaltigt wurde. Die Menschen haben Angst vor dem Täter, weil er junge Frauen angeblich mit vorgehaltenem Messer vergewaltigt. Gharibu hofft inständig, dass sie ein zusätzliches Einkommen bekommt, so dass sie die Gegend, die „zu gefährlich für uns zum Leben ist“, verlassen kann. Ihr jetziger Partner weiß von Gharibus HIV-Infektion, weigert sich jedoch, selbst einen Test zu machen. „Er will nicht zu einem Test gehen... aber er weiß, dass er positiv ist. Er nahm auch Tabletten von einem Arzt ein. Aber das Problem ist, dass er nicht zu einer Überprüfung gehen will.“

Verlassen wegen HIV-Infektion

Als die 28 Jahre alte Mbhali* ihren Partner 2006 über ihr positives HIV-Testergebnis informierte, verließ er sie: „Er verließ mich, weil ich HIV-positiv bin. Er reagierte gemein... und sagte, dass ich es nicht von ihm hätte. Er beschimpfte mich.“ Heute lebt Mbhali mit ihrer Tochter bei ihrer Tante und ihrem Onkel. Ihr Ex-Partner ist in eine andere Provinz gegangen und unterstützt sie und das gemeinsame Kind finanziell nicht mehr. Mbhali war bisher nicht in der Lage, sich eine Arbeit zu suchen. Auch ihre Tante und Onkel können ihr kein Geld geben, weil sie für ihre eigenen drei Kinder sorgen müssen, die an HIV/AIDS erkrankt sind.

Ehemann nimmt HIV-Medikamente weg

Die 35-jährige Naomi* lebt mit ihren vier Kindern und der Familie ihres Ehemanns auf einem ländlichen Hof. Sie hat kein eigenes Einkommen. Ihr Mann arbeitete weit entfernt in der Provinz Gauteng. Als die zweite Frau ihres Mannes (Hinweis: Es gibt Fälle von Polygamie in Südafrika) an AIDS erkrankte, war sie diejenige, die die Frau regelmäßig besuchte. Weil die zweite Frau ihre Lage vor den meisten Menschen verheimlichte und auch ihrem Mann nicht sagte, dass sie AIDS hat, war Naomi die einzige, die sich um sie kümmerte. Sie bildete sich sogar in einem Betreuungszentrum weiter, um HIV- Erkrankte besser pflegen zu können. In dieser Zeit starb die zweite Frau ihres Mannes. Naomi wurde von ihrem Mann und seiner Familie sowie Mitgliedern der Gemeinde für den Tod verantwortlich gemacht, da sie die Frau angeblich alleine gelassen hatte. Es wurde auch angedeutet, dass sie durch ihr „Herumgerenne“ den Virus in die Familie gebracht habe. Als Naomi erfuhr, dass auch sie HIV-positiv ist, erzählte sie es ihrem Mann. Er wurde wütend und beschimpfte sie, weil sie ohne seine Erlaubnis einen Test gemacht hatte. Außerdem nahm er ihr die Medikamente zur Stärkung des Immunsystems weg, die sie wegen des positiven Test erhalten hatte. Zur Begründung sagte er: „Ich bin hier der Einzige, der zu einer Apotheke geht, nicht du.“

  • alle Namen geändert

Quelle: AI-Bericht „I am at the lowest end of all“ von 2008

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