Protestierende inhaftiert
Ukraine - Rote Karte für Polizeigewalt
© Christopher Schwarzkopf
In der Ukraine befinden sich neun TeilnehmerInnen der Demonstrationen in Haft. Ihnen drohen bis zu acht Jahre Gefängnis. Einer der Protestierenden benötigt dringend medizinische Hilfe.
Appell an
GENERALSTAATSANWALT
Viktor Pshonka
Vul Riznitska 13/15
01601 Kyiv, UKRAINE
(Anrede: Dear General Prosecutor / Sehr geehrter Herr Generalstaatsanwalt)
Fax: (00 380) 4 280 2603
E-Mail: interel@gp.gov.ua
MINISTERPRÄSIDENT
Mykola Azarov
Vul. M. Grushevskogo 12/2
01008 Kyiv
UKRAINE
(Anrede: Dear Prime Minister / Sehr geehrter Herr Ministerpräsident)
Fax: (00 380) 44 254 0584
E-Mail: pm1@kmu.gov.ua
Sende eine Kopie an
INNENMINISTER
Vitaliy Zakharchenko
Vul. Akademika Bogomoltsa 10
01024 Kyiv
UKRAINE
Fax: (00 380) 44 253 97 96
E-Mail: mvsinfo@mvsinfo.gov.ua
BOTSCHAFT DER UKRAINE
S.E. Herrn Pavlo Klimkin
Albrechtstraße 26
10117 Berlin
Fax: 030-2888 7163
E-Mail: emb_de@mfa.gov.ua oder ukremb@ukrainische-botschaft.de
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Ukrainisch, Russisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 16. Januar 2014 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
E-MAILS, FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN
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Ich bitte Sie, die Entscheidung zu überprüfen, neun Protestierende in Haft zu nehmen, obwohl die Strafprozessordnung vorsieht, dass Alternativen zur Inhaftierung Anwendung finden, wenn die Staatsanwaltschaft nicht belegen kann, dass keine Alternativen möglich sind.
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Bitte stellen Sie sicher, dass alle Gefangenen, vor allem Vladyslav Zagorovko, die erforderliche medizinische Behandlung erhalten.
- Bitte sorgen Sie dafür, dass alle Berichte über den exzessiven Gewalteinsatz der Sicherheitskräfte umgehend, unabhängig und effizient untersucht werden und dass diejenigen, die dadurch verletzt wurden, eine Entschädigung erhalten.
PLEASE WRITE IMMEDIATELY
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Urging the authorities to immediately review the decision to detain nine people in the light of the Criminal Procedural Code's requirement that alternatives to detention should be applied unless the prosecution can prove, in fair proceedings, that this is not possible.
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Urging them to ensure all detainees, particularly Vladyslav Zagorovko, receive any medical attention they may require.
- Urging the Prosecutor General to ensure that all allegations of use of force by law enforcement officers are investigated promptly, independently and effectively, and that the victims are offered redress.
Sachlage
Am 1. Dezember brachen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew auf der Bankowa-Straße vor der Präsidialkanzlei gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und der Polizeispezialeinheit "Berkut" aus. Videoaufnahmen zeigen Protestierende, die einen Bulldozer fahren, und andere, die schwere Ketten und andere Waffen mit sich führen. Mindestens 50 Angehörige der Polizei und zahlreiche Protestierende wurden verletzt, bevor die Demonstration um 16 Uhr aufgelöst wurde. Amnesty International liegen Berichte über wahllose und exzessive Gewalt der Spezialeinheit gegen friedliche Demonstrierende und Verwundete vor. Weitere Videoaufnahmen zeigen, wie Angehörige der Polizei mehrere auf der Straße liegende Verletzte schlagen und treten.
Neun Protestierende, darunter Mykola Lazarevskiy, Oleksandr Ostashchenko, Vladyslav Zagorovko, Valeriy Garagutz und Yuriy Bolotov, wurden inhaftiert. Am 3. Dezember ordnete das Gericht von Shevchenkovskiy in Kiew an, die Männer wegen des Verdachts, gewaltsame Unruhen geschürt zu haben, zwei Monate in Haft zu halten. Sollten die Männer dieses Straftatbestands für schuldig befunden werden, drohen ihnen bis zu acht Jahre Freiheitsentzug. Die Richter, die ihre Inhaftierung anordneten, stellten die Aussagen der Polizei, die als Beweise vorgebracht wurden, nicht in Frage und ignorierten die offensichtlichen Widersprüche und Unstimmigkeiten, die diese aufwiesen. Zudem forderte das Gericht nicht, wie gesetzlich vorgeschrieben, eine Begründung seitens der Staatsanwaltschaft ein, warum Alternativen zur Inhaftierung, wie Freilassung gegen Kaution oder Hausarrest, nicht möglich waren. Die neun Personen könnten sich also willkürlich in Haft befinden, was einen Verstoß gegen ihr Recht auf ein faires Verfahren und ihr Recht auf Versammlungsfreiheit darstellen würde.
Vladyslav Zagorovko, ein 38-jähriger Lastwagenfahrer und Vater von drei Kindern aus dem Bezirk Brovary in Kiew, nahm an den Protestkundgebungen teil, weil er Zeuge der "historischen Ereignisse" sein wollte. Er wurde von Angehörigen der Polizeispezialeinheit geschlagen und erlitt zahlreiche Verletzungen, darunter Rippenbrüche und eine Ablösung der Netzhaut. Er befindet sich derzeit in der Untersuchungshafteinrichtung von Kiew (SIZO) und muss dringend operiert werden. Valeriy Garagutz, ein Journalist aus der Stadt Dnipropetrowsk, befand sich auf der Bankowa-Straße, weil er für die Zeitung Litsa über die Ereignisse berichten wollte. Auch er wurde von den Einsatzkräften geschlagen, als er sich um Verwundete kümmerte, nachdem die Demonstration aufgelöst worden war.
Hintergrundinformation
Mehrere hunderttausend Menschen demonstrieren seit dem 21. November in Kiew und anderen Städten, nachdem die Regierung wenige Tage vor der anstehenden Unterzeichnung die Vorbereitungen für das Assoziierungsabkommen mit der EU abgebrochen hatte. Am 30. November lösten Einsatzkräfte der Polizei mit Gewalt eine friedliche Demonstration auf dem Platz der Unabhängigkeit im Zentrum von Kiew auf.
AugenzeugInnen gaben gegenüber Amnesty International an, Angehörige der "Berkut"-Einheit hätten die Demonstrierenden zunächst aufgefordert, sich zurückzuziehen, weil die Demonstration illegal sei, dann hätten sie auf diejenigen eingeschlagen, die der Aufforderung nicht Folge leisteten. Videoaufnahmen zeigen, dass "Berkut"-Angehörige auf Protestierende einschlugen und auch Männer und Frauen verfolgten, um sie zu schlagen. Etwa 35 Personen sind auf der Grundlage des Verwaltungsgesetzes wegen Rowdytums unter Anklage gestellt worden. Zahlreiche Menschen müssen wegen Verletzungen behandelt werden. Mindestens ein Mann, der wegen des Einsatzes von Gewalt durch die Einsatzkräfte Anzeige erstatten wollte, ist in aggressiver Weise von BeamtInnen befragt worden. Offenbar wollte man ihn unter Druck setzen, zu gestehen, dass er an Massenunruhen beteiligt war, nach denen er im Krankenhaus behandelt werden musste.