Aktivistin von Polizei eingeschüchtert

Am 1. November umstellten etwa 30 schwerbewaffnete Angehörige der Polizei das Haus von Brenda Rangel Ortiz und richteten Waffen auf sie. Der Bruder von Brenda Rangel Ortiz gilt seit 2009 als "verschwunden". Sie und ihre Familie versuchen seitdem, sein Schicksal aufzuklären und befürchten, dass die jüngsten Einschüchterungen durch die Polizei sie davon abhalten sollen, einen für den 10. November geplanten Schweigemarsch durchzuführen.

Appell an

GOUVERNEUR DES BUNDESSTAATES QUERÉTARO
Lic. José E. Calzada Rovirosa
Gobierno del Estado de Querétaro
5 de Mayo Esq. Luis Pasteur
Querétaro, C.P. 76000
MEXIKO
(Anrede: Sr. Gobernador / Sehr geehrter Herr Gouverneur / Dear Governor)
Fax: (00 52) 442 214 2929
E-Mail: josecalzada@queretaro.gob.mx, poderejecutivo@queretaro.gob.mx
Twitter: @ppcalzada

GENERALSTAATSANWALT
Jesús Murillo Karam, Procuraduría General de la República
Paseo de la reforma 211-213, Col. Cuauhtémoc, C.P. 06500, Mexico City
MEXIKO
Anrede: Dear Attorney General / Estimado Señor Procurador / Sehr geehrter Herr Generalstaatsanwalt)
Fax: (00 52) 5346 0908
E-Mail: ofproc@pgr.gob.mx

Sende eine Kopie an

VON FAMILIEN "VERSCHWUNDENER" GEGRÜNDETE NGO
FUUNDEC
Hidalgo Sur 166, Zona Centro
Saltillo, C.P. 2500, Coahuila, MEXIKO
E-Mail: dhsaltillo.desapariciones@gmail.com Facebook: FUUNDECoahuila

BOTSCHAFT DER VEREINIGTEN MEXIKANISCHEN STAATEN
I.E. Patricia Espinosa Cantellano
Klingelhöferstraße 3
10785 Berlin
Fax: 030-26 93 23 700
E-Mail: mail@mexale.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Spanisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 17. Dezember 2013 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

FAXE, E-MAILS, TWITTERNACHRICHTEN UND LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Bitte leiten Sie eine umfassende Untersuchung der Polizeiaktion vom 1. November vor dem Haus von Brenda Rangel ein und sorgen Sie dafür, dass die für Einschüchterungen Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden.

  • Stellen Sie bitte sicher, dass Familie Rangel und ihre UnterstützerInnen ihre Rechte Meinungsfreiheit und Vereinigungsfreiheit während des Schweigemarschs am 10. November wahrnehmen können.

  • Ich möchte Sie bitten, dafür zu sorgen, dass alle Fälle von Verschwindenlassen und Entführungen, einschließlich des Falls von Héctor Rangel Ortiz, umfassend und zielführend untersucht werden, damit die Verantwortlichen ermittelt und vor Gericht gestellt werden können.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Calling on the Querétaro state authorities to carry out a full investigation into the police operations of 1 November 2013 in front of Brenda Rangel's home and for those responsible to be held to account.

  • Calling on them to ensure that the Rangel family and their friends and supporters can enjoy their right to freedom of expression and association during the march that they are organizing for 10 November.

  • Calling on the Federal Attorney General's Office to carry out an effective investigation into all cases of disappearances and abductions, including the case of Héctor Rangel Ortiz, and bring those responsible to justice.

Sachlage

Laut Angaben von Brenda Rangel Ortiz tauchten am 1. November gegen 10 Uhr mehr als 30 Angehörige der Polizei an ihrem Haus in der Stadt Querétaro aus. Einige trugen Uniformen, andere Zivilkleidung. Die PolizistInnen richteten ihre Waffen auf Brenda Rangel und erklärten, sie hätten einen anonymen Tipp erhalten, in ihrem Haus und ihrem Lieferwagen seien Waffen versteckt. Die Aktivistin ließ die Sicherheitskräfte nicht ins Haus, weil sie keinen Durchsuchungsbefehl vorweisen konnten. Die BeamtInnen, bei denen es sich um Angehörige der bundesstaatlichen und der städtischen Polizei handelte, zogen sich nach einem 45-minütigen Streit mit Brenda Rangel zurück. Etwas später am selben Tag kehrten zehn Angehörige der städtischen Polizei zurück und bezogen Posten vor dem Haus. Sie weigerten sich jedoch, Brenda Rangel mitzuteilen, warum sie zurückgekommen seien.

Der 10. November ist der vierte Jahrestag des mutmaßlichen Verschwindenlassens von Héctor Rangel Ortiz, dem Bruder von Brenda Rangel Ortiz. Er "verschwand" in Monclova im Bundesstaat Coahuila. Die Polizei von Monclova soll in den Fall verwickelt sein. Brenda Rangel und ihre Familie planen zusammen mit FreundInnen und UnterstützerInnen in der Stadt Querétaro einen Schweigemarsch im Rahmen ihrer fortgesetzten Kampagne zur Aufklärung des Schicksals von Héctor Rangel und zur Unterstützung ihrer Forderungen nach einem Gesetz im Bundesstaat Querétaro, das Verschwindenlassen unter Strafe stellt. Die Familie geht davon aus, dass die Polizeiaktion vom 1. November ein Versuch ist, ihre Teilnahme an dem für den 10. November geplanten Marsch zu verhindern.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Die Zahl von in Mexiko verschwundenen Personen – entweder von kriminellen Banden entführt oder dem Verschwindenlassen durch RegierungsbeamtInnen zum Opfer gefallen – ist seit Dezember 2006 stark angestiegen. Damals begann eine große angelegte Operation der mexikanischen Regierung zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens, bei der im ganzen Land Militär stationiert wurde. Die aktuelle Regierung unter Präsident Enrique Peña Nieto hat im Februar 2013 eine Liste von über 26.000 Personen veröffentlicht, die seit 2006 vermisst gemeldet worden sind. Die Regierung hat jedoch keinerlei weitere Angaben zum Verbleib dieser Personen gemacht. Die mexikanische Menschenrechtskommission gab im Juni 2013 bekannt, dass ihr 2400 Fälle von Verschwindenlassen vorlägen, an denen Angehörige der Behörden beteiligt sein sollen.

Die Regierung unter Präsident Enrique Peña Nieto hat teilweise eingeräumt, dass es sich um ein schwerwiegendes Problem handelt, geht aber weder auf das Ausmaß der Beteiligung von BehördenvertreterInnen ein, noch auf die Weigerung der Behörden, umfassende Untersuchungen der Fälle durchzuführen. Die Regierungen vieler mexikanischer Bundesstaaten bestreiten nach wie vor, dass es Fälle von Verschwindenlassen gibt. Zur Verurteilung von Verantwortlichen kommt es nur in Ausnahmefällen.

Zahlreiche Familienangehörige von "Verschwundenen" werden von Kriminellen oder Angehörigen der Behörden bedroht und eingeschüchtert. Auch schlägt ihnen Gleichgültigkeit entgegen, und die staatlichen Stellen reagieren auf Anzeigen nur unzureichend. Rund 70 dieser Familien, einschließlich Familie Rangel, haben die Organisation Fuerzas Unidas por Nuestros Desaparecidos en Coahuila (FUUNDEC) gegründet, um gemeinsam Druck auf die Behörden auszuüben, das Schicksal von "Verschwundenen" in Coahuila aufzuklären.

Héctor Rangel "verschwand" zusammen mit zwei weiteren Personen am 10. November 2009 in der Stadt Monclova im Bundesstaat Coahuila, nachdem sie von Angehörigen der dortigen Polizei angehalten worden waren. Die Betroffenen waren auf einer kurzen Geschäftsreise und wurden nach dem Zusammentreffen mit der Polizei nicht mehr gesehen. Weil sie die Ermittlungen der Behörden zu dem Fall nicht als ausreichend ansahen, begannen Brenda Rangel und ihre Familie eigene Recherchen und gingen damit ein hohes persönliches Risiko ein. Seit Juni 2013 liegt der Fall der Sondereinheit zur Aufklärung von Fällen von Verschwindenlassen (Unidad Especializada de Búsqueda de Personas Desaparecidas) der mexikanischen Generalstaatsanwaltschaft vor (Procuraduría General de la República). Bis zum heutigen Tag ist das Schicksal von Héctor Rangel ungewiss, und niemand ist wegen seines Verschwindenlassens vor Gericht gestellt worden.

Auf der Grundlage des Völkerrechts werden nur Fälle von Entführungen oder Verschleppungen, an denen Angehörige der Behörden direkt oder indirekt beteiligt sind, als Verschwindenlassen bezeichnet. Dennoch verpflichtet das Völkerrecht die Behörden, alle Fälle zu untersuchen, unabhängig von den mutmaßlich Verantwortlichen, und vor Gericht zu bringen. Die Behörden versuchen immer wieder, kriminellen Banden die alleinige Verantwortung für solche Fälle zuzuschieben, und führen keine umfassenden Untersuchungen durch. Beweise, die eine Mitwirkung oder direkte Beteiligung von BehördenvertreterInnen belegen, werden häufig ignoriert, so dass Entführungsfälle fast nie als Verschwindenlassen deklariert und untersucht werden.

Der aktuelle englischsprachige Bericht von Amnesty International zu diesem Thema Confronting a nightmare. Disappearances in Mexico wurde am 4. Juni 2013 veröffentlicht (http://www.amnesty.org/en/news/mexico-relatives-disappeared-deserve-more-promises-2013-06-04). Brenda Rangel berichtet in einer Videobotschaft über ihre Erfahrungen: bit.ly/brendarangel. Ein weiteres Video zeigt Familien, die sich bei FUUNDEC und anderen Gruppen engagieren: bit.ly/tirelesssearch.