Aktivist_innen eingeschüchtert
Héctor Rangel Ortiz
© privat
Brenda Rangel Ortiz und andere Familienangehörige von "verschwundenen" Personen aus dem mexikanischen Bundesstaat Querétaro sind offenbar von Regierungsbeamt_innen eingeschüchtert worden. Grund war, dass sie ein Treffen mit den bundesstaatlichen Behörden gefordert hatten.
Appell an
GOUVERNEUR DES BUNDESSTAATES QUERÉTARO
Lic. José E. Calzada Rovirosa
Gobierno del Estado de Querétaro
5 de Mayo Esq. Luis Pasteur
Querétaro, C.P. 76000
MEXIKO
(Anrede: Sr. Gobernador / Sehr geehrter Herr Gouverneur / Dear Governor)
Fax: (00 52) 442 214 2929
E-Mail: poderejecutivo@queretaro.gob.mx
Twitter: @ppcalzada
GENERALSTAATSANWALT
Jesús Murillo Karam
Procuraduría General de la República
Paseo de la reforma 211-213
Col. Cuauhtémoc
C.P. 06500, Mexico City
MEXIKO
(Anrede: Estimado Señor Procurador / Sehr geehrter Herr Generalstaatsanwalt / Dear Attorney General)
Fax: (00 52) 555 346 0908
E-Mail: ofproc@pgr.gob.mx
Sende eine Kopie an
VON FAMILIEN "VERSCHWUNDENER" GEGRÜNDETE NGO
FUUNDEC
Hidalgo Sur 166, Zona Centro
Saltillo, C.P. 2500
Coahuila
MEXIKO
E-Mail: dhsaltillo.desapariciones@gmail.com
Facebook: FUUNDECoahuila
BOTSCHAFT DER VEREINIGTEN MEXIKANISCHEN STAATEN
I. E. Patricia Espinosa Cantellano
Klingelhöferstraße 3
10785 Berlin
Fax: 030-26 93 23 700
E-Mail: mail@mexale.de
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Spanisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 11. September 2014 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
FAXE, E-MAILS, TWITTERNACHRICHTEN UND LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN
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Bitte leiten Sie umgehend eine umfassende und unparteiische Untersuchung der Einschüchterungsversuche gegen Brenda Rangel Ortiz am 27. Juli ein und stellen Sie die Verantwortlichen vor Gericht.
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Ergreifen Sie bitte in Absprache mit den Betroffenen wirksame Schutzmaßnahmen für Brenda Rangel Ortiz und die anderen Familienangehörigen von "Verschwundenen" im Bundesstaat Querétaro.
- Sorgen Sie bitte dafür, dass die Familien umgehend über die ergriffenen Maßnahmen zum Auffinden der Opfer und zur Untersuchung der Fälle des Verschwindenlassens informiert werden. Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass auch andere bundesstaatliche und nationale Behörden solche Fälle umfassend untersuchen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Zu diesen Fällen gehört auch der von Héctor Rangel Ortiz.
PLEASE WRITE IMMEDIATELY
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Calling on the authorities to initiate a prompt, full and impartial investigation into the acts of intimidation against Brenda Rangel Ortiz on 27 July and for those responsible to be held to account.
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Urging them to provide effective security to Brenda Rangel Ortiz and the families of the disappeared in Querétaro State, in accordance with their wishes.
- Calling on the governor to promptly provide information to relatives on steps taken to investigate disappearances and locate victims, including pressing other state and federal authorities to fully investigate cases, including the case of Héctor Rangel Ortiz, and hold perpetrators to account.
Sachlage
Am 27. Juli wurden in Santiago de Querétaro am Auto von Brenda Rangel Ortiz drei Reifen aufgeschlitzt. Am Tag zuvor hatte sie die Behörden über eine Demonstration informiert, die sie und andere Familienangehörige von "Verschwundenen" abzuhalten planten. Die Protestveranstaltung sollte eine Reaktion auf die Weigerung der Behörden sein, ein Treffen zwischen dem Gouverneur des Bundesstaates Querétaro und den Angehörigen zu arrangieren. Man geht davon aus, dass Brenda Rangel Ortiz und die Familien der "Verschwundenen" durch die aufgeschlitzten Reifen eingeschüchtert und dazu gebracht werden sollten, die Demonstration abzusagen.
Nach Angaben der beteiligten Familien wurde Brenda Rangel Ortiz bei der Demonstration am 27. Juli von Regierungsbeamt_innen bedroht. Die Beamt_innen sollen gesagt haben, dass Sicherheitskräfte unterwegs seien, um Brenda Rangel Ortiz "ordentlich zu verprügeln" (quien le parta su madre). Trotz der Präsenz von schwerbewaffneten Polizist_innen und anderen unbekannten zivilen Beobachter_innen endete die Protestveranstaltung jedoch friedlich.
Am 31. Juli wurde den Angehörigen der "Verschwundenen" ein Treffen mit dem Gouverneur von Querétaro gewährt, bei dem sie nachfragten, welche Maßnahmen die bundesstaatlichen Behörden ergriffen haben, um Entführungen und Fälle des Verschwindenlassens zu untersuchen. Brenda Rangel Ortiz kam dabei auf ihren Bruder Héctor Rangel Ortiz zu sprechen, der im November 2009 in Monclova im Bundesstaat Coahuila Opfer des Verschwindenlassens wurde. Seine Entführer_innen arbeiteten offenbar mit lokalen Polizeikräften zusammen. Der Gouverneur soll den Familien versprochen haben, sie über die Maßnahmen zum Auffinden der Opfer und zur Untersuchung der Fälle des Verschwindenlassens zu informieren. Zu den Einschüchterungsversuchen gegen Brenda Rangel Ortiz äußerte er sich allerdings nicht.
Hintergrundinformation
Die Zahl von in Mexiko verschwundenen Personen, die entweder von kriminellen Banden entführt wurden oder dem Verschwindenlassen durch Regierungsbeamt_innen zum Opfer gefallen sind, ist seit Dezember 2006 stark angestiegen. Damals begann eine groß angelegte Operation der mexikanischen Regierung zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens, bei der im ganzen Land Militär stationiert wurde. Die aktuelle Regierung unter Präsident Enrique Peña Nieto hat im Februar 2013 eine Liste von über 26.000 Personen veröffentlicht, die seit 2006 als vermisst gemeldet worden sind. Im Mai 2014 ließ die Regierung verlauten, dass 16.000 Personen weiterhin vermisst werden, machte aber keine Angaben dazu, wie diese Zahl errechnet wurde.
Zahlreiche Familienangehörige von "Verschwundenen" werden von Kriminellen oder Angehörigen der Behörden bedroht und eingeschüchtert. Auch schlägt ihnen Gleichgültigkeit entgegen, und die staatlichen Stellen reagieren auf Anzeigen nur unzureichend. Rund 70 dieser Familien, einschließlich Familie Rangel, haben die Organisation Fuerzas Unidas por Nuestros Desaparecidos en Coahuila (FUUNDEC) gegründet, um gemeinsam und strategisch Druck auf die Behörden auszuüben.
Héctor Rangel Ortiz "verschwand" zusammen mit zwei weiteren Personen am 10. November 2009 in der Stadt Monclova im Bundesstaat Coahuila, nachdem sie von Angehörigen der dortigen Polizei angehalten worden waren. Die Betroffenen waren auf einer kurzen Geschäftsreise und wurden nach dem Zusammentreffen mit der Polizei nicht mehr gesehen. Weil sie die Ermittlungen der Behörden zu dem Fall nicht als ausreichend ansahen, begann Brenda Rangel Ortiz und ihre Familie eigene Recherchen und ging damit ein hohes persönliches Risiko ein. Seit Juni 2013 liegt der Fall der Sondereinheit zur Aufklärung von Fällen von Verschwindenlassen (Unidad Especializada de Búsqueda de Personas Desaparecidas) der mexikanischen Generalstaatsanwaltschaft vor (Procuraduría General de la República). Bis zum heutigen Tag ist das Schicksal von Héctor Rangel Ortiz ungewiss, und niemand ist wegen seines Verschwindenlassens vor Gericht gestellt worden.
Auf der Grundlage des Völkerrechts werden nur Fälle von Entführungen oder Verschleppungen, an denen Angehörige der Behörden direkt oder indirekt beteiligt sind, als Verschwindenlassen bezeichnet. Dennoch verpflichtet das Völkerrecht die Behörden, alle Fälle zu untersuchen, unabhängig von den mutmaßlich Verantwortlichen, und vor Gericht zu bringen. Die Behörden versuchen immer wieder, kriminellen Banden die alleinige Verantwortung für solche Fälle zuzuschieben, und führen keine umfassenden Untersuchungen durch. Beweise für eine Mitwirkung oder direkte Beteiligung von Behördenvertreter_innen werden häufig ignoriert, so dass Entführungsfälle fast nie als Verschwindenlassen deklariert und untersucht werden.
Der englischsprachige Bericht von Amnesty International zu diesem Thema, Confronting a nightmare. Disappearances in Mexico, wurde am 4. Juni 2013 veröffentlicht (http://www.amnesty.org/en/news/mexico-relatives-disappeared-deserve-more-promises-2013-06-04). Brenda Rangel Ortiz berichtet in einer Videobotschaft über ihre Erfahrungen: bit.ly/brendarangel. Ein weiteres Video zeigt Familien, die sich bei FUUNDEC und anderen Gruppen engagieren: bit.ly/tirelesssearch.