Verbleib unbekannt

Bangladesch

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Yasin Talukder, der über die britische und die bangladeschische Staatsbürgerschaft verfügt, ist vor fünf Monaten Opfer des Verschwindenlassens geworden. Seitdem ist sein Verbleib unbekannt. Die Diplomatische Vertretung Großbritanniens in Bangladesch hat bestätigt, dass er sich seit Juli im Gewahrsam der örtlichen Behörden befindet. Diese weisen jedoch jegliche Beteiligung an seinem "Verschwinden" von sich.

Appell an

PREMIERMINISTERIN
Sheikh Hasina
Prime Minister’s Office
Old Sangshad Bhaban, Tejgaon
Dhaka – 1215
BANGLADESCH
(Anrede: Honourable Prime Minister / Sehr geehrte Frau Premierministerin)
Fax: (00 880) 2 913 372 2
E-Mail: info@pmo.gov.bd

GENERALINSPEKTEUR DER POLIZEI
A.K.M. Shahidul Hoque
6 Phoenix Road, Fulbaria
Office of the Inspector General
1000 Dhaka
BANGLADESCH
(Anrede: Dear Inspector General / Sehr geehrter Herr Generalinspekteur)
Fax: (00 880) 2 712 584 0
E-Mail: ig@police.gov.bd

Sende eine Kopie an

AUSSENMINISTER
H.E Mr Abul Hassan Mahmood Ali, M.P.
Ministry of Foreign Affairs
Segunbagicha, Dhaka 1000
BANGLADESCH
Fax: (00 880) 2 956 218 8

BOTSCHAFT DER VOLKSREPUBLIK BANGLADESCH
S. E. Herrn Muhammad Ali Sorcar
Kaiserin-Augusta-Allee 111
10553 Berlin
Fax: 030–39 89 75 10
E-Mail: info@bangladeshembassy.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Bengalisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 26. Januar 2017 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

LUFTPOSTBRIEFE, FAXE ODER E-MAILS MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Geben Sie bitte unverzüglich den Aufenthaltsort und Verbleib von Yasin Talukder bekannt und lassen Sie ihn sofort frei, sofern er keiner international als Straftat anerkannten Handlung angeklagt wird, wie es das Völkerrecht und internationale Standards vorschreiben.

  • Stellen Sie bitte sicher, dass Yasin Talukder bis zu seiner Freilassung Zugang zu seiner Familie, einem Rechtsbeistand seiner Wahl und der erforderlichen medizinischen Versorgung erhält. Sorgen Sie zudem dafür, dass er vor Folter und anderweitiger Misshandlung geschützt ist.

  • Bitte gestatten Sie ihm, bis zu seiner Freilassung mit den britischen Konsulatsbehörden zu kommunizieren.

  • Beenden Sie bitte sofort die Praxis des Verschwindenlassens und unterzeichnen und ratifizieren Sie das Internationale Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Urging the Bangladeshi authorities to immediately disclose the fate and whereabouts of Yasin Talukder and release him immediately, unless he is to be charged with a recognizable criminal offence, in line with international law and standards.

  • Urging them to ensure that, while in custody, Yasin Talukder is granted access to his family, a lawyer of his choice and any medical care he requires, and is protected from torture and other ill-treatment.

  • Requesting the Bangladeshi authorities to grant British consular access to Yasin Talukder while he is detained.

  • Calling on the Bangladeshi authorities to immediately end the practice of enforced disappearances and to sign and ratify the International Convention for the Protection of all Persons from Enforced Disappearance.

Sachlage

Yasin Talukder wurde am 14. Juli 2016 in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, entführt. Augenzeug_innen geben an, dass ihn eine Gruppe von Männern, bei denen es sich um Angehörige der Sicherheitskräfte gehandelt haben soll, in einem schwarzen Fahrzeug weggebracht hat. Dr. Suraya Talukder, die Mutter von Yasin Talukder, sprach mit Amnesty International und der Online-Zeitung The Wire, die am 4. November einen Artikel zum Fall des "Verschwundenen" veröffentlichte. Dr. Suraya Talukder gab an, dass zwei Männer, die sich als Beamte der Polizeisondereinheit Rapid Action Battalion (RAB) auswiesen, sie sieben Tage nach der Entführung in ihrem Haus aufsuchten. Sie lebt dort zusammen mit ihrem Sohn. Obwohl sie keinen entsprechenden Beschluss vorlegten, nahmen die beiden Männer die elektronischen Gegenstände von Yasin Talukder einschließlich seiner Computer mit. Auf Nachfrage sagten sie seiner Mutter, dass sie die Sachen mitnehmen würden, weil er sein Handy nicht bei sich habe. Als Dr. Suraya Talukder daraufhin fragte, ob dies bedeute, dass sich ihr Sohn in ihrem Gewahrsam befinde, antworteten die Männer: "Nein, er ist nicht bei uns". Sie gaben stattdessen an, die Entführung zu untersuchen. Der Verbleib von Yasin Talukder ist weiterhin unbekannt. Er befindet sich in Gefahr, gefoltert oder anderweitig misshandelt zu werden.

Das Britische Hochkommissariat und die Botschaft Großbritanniens in Bangladesch haben kürzlich bestätigt, dass Yasin Talukder seit seiner Entführung von bangladeschischen Sicherheitskräften festgehalten wird. Die RAB, welche häufig für Menschenrechtsverletzungen wie das Verschwindenlassen von Personen verantwortlich ist, hat jegliche Beteiligung an der Entführung öffentlich von sich gewiesen. Am 2. Juli waren bei einem Anschlag auf ein Restaurant in Dhaka 20 Menschen getötet worden, darunter auch 18 ausländische Staatsangehörige. Möglicherweise hat man Yasin Talukder verschleppt, weil man ihm Verbindungen zu militanten Gruppierungen unterstellt.
Organisationen wie Amnesty International dokumentieren seit 2009 einen alarmierenden Anstieg der Fälle des Verschwindenlassens in Bangladesch. Laut der bangladeschischen Menschenrechtsorganisation Odhikar sind allein 2015 64 Menschen Opfer des Verschwindenlassens geworden. 2009 waren es im Vergleich dazu nur drei.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Am Morgen des 14. Juli 2016 hatte sich der 34-jährige Physiklehrer Yasin Talukder mit seinem Cousin Sidrat Talukder an einer Bushaltestelle im Zentrum Dhakas verabredet. Um 11.42 Uhr erhielt Sidrat Talukder einen Anruf von Yasin Talukder, bei dem Schreie im Hintergrund zu hören waren, bevor die Verbindung plötzlich abriss. Er versuchte ihn zurückzurufen, kam jedoch nicht durch. Als Sidrat Talukder um 11.50 Uhr an der Bushaltestelle ankam, fand er dort nur das leere Auto seines Cousins vor. Die Mutter von Yasin Talukder, Dr. Suraya Talukder, erstattete am 14. Juli Anzeige wegen der Entführung ihres Sohnes bei der Polizeistation Bhashantek in Dhaka. Seitdem versucht sie immer wieder, bei der Polizei oder der Sondereinheit Rapid Action Battalion Informationen zum Verbleib von Yasin Talukder zu erhalten. Bisher jedoch ohne Erfolg.

Die Familie von Yasin Talukder hat beim Britischen Hochkommissariat um Unterstützung gebeten, woraufhin dieses bei den bangladeschischen Behörden darauf gedrängt hat, den 34-Jährigen konsularisch beraten zu dürfen. Diese Bemühungen blieben bisher jedoch erfolglos.

Dr. Suraya Talukder hat Amnesty International gegenüber angegeben, dass Beamt_innen des britischen Geheimdienstes Yasin Talukder 2011 im Britischen Hochkommissariat in Dhaka befragt haben, möglicherweise, weil sie ihn verdächtigten, Verbindungen zu militanten Gruppen zu haben. Laut seiner Mutter kooperierte Yasin Talukder jedoch umfassend und die britischen Behörden meldeten sich nicht wieder bei ihm. Im Februar 2016 gehörte Yasin Talukder örtlichen Medien zufolge zu einer Gruppe von jungen Menschen, die in einem Ersten Bericht (First Information Report) der Polizei auftauchten. Diese Berichte werden von der bangladeschischen Polizei angefertigt, wenn sie Informationen zu einer erkennbaren Straftat erhalten. Laut dem Bericht gehörte Yasin Talukder einer militanten Gruppe an, welche Anschläge in Dhaka plante.

Es hat einen erschreckenden Anstieg der Fälle des Verschwindenlassens in Bangladesch gegeben. Zu den Opfern gehören häufig Oppositionelle, mutmaßliche Angehörige militanter Gruppen und vermögende Personen, für deren Freilassung Lösegelder gefordert werden. Viele der Betroffenen werden über lange Zeiträume festgehalten und sind oftmals Folter und anderweitiger Misshandlung ausgesetzt. Einige bleiben für immer "verschwunden". Die bangladeschische Menschenrechtsorganisation Odhikar hat zwischen Januar und November 2016 bereits 84 Fälle des Verschwindenlassens dokumentiert. Das sind 20 mehr als im gesamten Jahr 2015.

Die Rapid Action Battalion (RAB) ist eine Sondereinheit der Polizei in Bangladesch, die den Sonderauftrag hat "den Terrorismus zu bekämpfen". Organisationen wie Amnesty International haben eine Reihe von Menschenrechtsverletzungen dokumentiert, die seit der Gründung 2004 von dieser Einheit begangen worden sind. Dazu gehören Fälle des Verschwindenlassens, rechtswidrige Inhaftierungen, außergerichtliche Hinrichtungen und Folter. Die RAB weist stets alle erhobenen Vorwürfe zurück. Sie beging diese Menschenrechtsverletzungen lange Zeit in fast vollständiger Straffreiheit, da die bangladeschische Regierung sich weigerte, den Vorwürfen gegen die RAB nachzugehen – selbst dann, wenn offiziell Anzeige erstattet wurde. Erst im Mai 2016 änderte die Regierung ihre Ansichten und ordnete Ermittlungen gegen die RAB an. Diese sind noch nicht abgeschlossen.

Das Verschwindenlassen von Personen stellt einen Verstoß gegen den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte sowie gegen das UN-Übereinkommen gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe dar, zu dessen Vertragsstaaten Bangladesch gehört. Die Opfer werden meist von staatlichen Beamt_innen festgenommen und entführt, welche anschließend den Freiheitsentzug bestreiten oder den Verbleib der betroffenen Person verschleiern. In der Folge wird den "Verschwundenen" der Schutz durch das Gesetz entzogen und sie befinden sich in großer Gefahr, gefoltert, anderweitig misshandelt oder sogar getötet zu werden.