Menschenrechtsanwalt drangsaliert

Der palästinensische Menschenrechtsanwalt und Aktivist Anas Barghouti muss am 6. Dezember 2016 erneut vor Gericht erscheinen. Seit seiner Festnahme und Freilassung gegen Kaution vor drei Jahren muss er alle drei Monate einen Gerichtstermin wahrnehmen. Das Verfahren wird jedoch jedes Mal vertagt. Am 6. Dezember hat die Anklagebehörde nun zum letzten Mal die Möglichkeit, Zeug_innen vorzuladen, die gegen Anas Barghouti aussagen. Geschieht dies nicht, wird das Verfahren eingestellt. Sollte das Verfahren fortgeführt werden und Anas Barghouti schuldig befunden werden, könnte er zu einer Gefängnisstrafe von bis zu 18 Monaten verurteilt werden.

Appell an

MINISTERPRÄSIDENT
Benjamin Netanyahu, Office of the Prime Minister
3 Kaplan St., PO Box 187, Kiryat Ben-Gurion, Jerusalem 91950, ISRAEL
(Anrede: Dear Prime Minister / Sehr geehrter Herr Ministerpräsident)
E-Mail: b.netanyahu@pmo.gov.il oder pm_eng@pmo.gov.il

MILITÄRSTAATSANWALT
Brigadier General Sharon Afek
6 David Elazar Street, Hakirya, Tel Aviv, ISRAEL
(Anrede: Dear Judge Advocate General / Sehr geehrter Herr Generalanwalt)
Fax: (00 972) 3 569 4526
E-Mail: mag@idf.gov.il

Sende eine Kopie an

VERTEIDIGUNGSMINISTER
Avigdor Liberman
Ministry of Defence
37 Kaplan Street, Hakirya
Tel Aviv 61909, ISRAEL
(Anrede: Dear Minister / Sehr geehrter Herr Minister)
Fax: (00 972) 73 323 3300
E-Mail: minister@mod.gov.il

BOTSCHAFT DES STAATES ISRAEL
S.E. Herrn Jaakov Hadas-Handelsman
Auguste-Viktoria-Straße 74-76, 14193 Berlin
Fax: 030– 8904-5555 oder -5309
E-Mail: botschaft@israel.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Hebräisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 6. Dezember 2016 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

E-MAILS, FAXE UND LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Bitte lassen Sie alle gegen Anas Barghouti erhobenen Anklagen fallen. Wenn er für schuldig befunden und inhaftiert wird, würde Amnesty International ihn als gewaltlosen politischen Gefangenen betrachten, weil er dann allein wegen seiner Arbeit als Anwalt für Gefangene und der friedlichen Äußerung seiner politischen Überzeugungen inhaftiert wäre.

  • Sorgen Sie für ein sofortiges Ende der Drangsalierung von Anas Barghouti und anderen Menschenrechtsverteidiger_innen in den besetzten palästinensischen Gebieten.

  • Bitte heben Sie außerdem das gegen Anas Barghouti verhängte Reiseverbot auf.

Sachlage

Der Menschenrechtsanwalt Anas Barghouti wurde am 15. September 2013 festgenommen. Amnesty International betrachtete ihn damals als gewaltlosen politischen Gefangenen, da er nur deshalb inhaftiert wurde, weil er sich friedlich als Menschenrechtsanwalt engagiert hatte und Palästinenser_innen vertrat, die von den palästinensischen Sicherheitskräften festgenommen worden waren. Die israelische Militärstaatsanwaltschaft klagte ihn wegen "Mitgliedschaft in der Volksfront zur Befreiung Palästinas" an, einer Organisation, die von den israelischen Behörden verboten wurde. Die zweite Anklage lautete auf "Leitung eines Komitees zur Organisation von Demonstrationen". Anas Barghouti wies beide Beschuldigungen zurück. Am 23. Oktober 2013 ordnete ein Militärgericht die Freilassung von Anas Barghouti gegen Kaution an, weil keine ausreichenden Beweise dafür vorlägen, dass er eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstelle.

Seit der Anklageerhebung gegen ihn am 24. September 2013 muss Anas Barghouti alle drei Monat zu einer Gerichtsverhandlung vor dem Militärgericht im Westjordanland erscheinen. Bislang wurde das Verfahren aber jedes Mal um weitere drei Monate vertagt, weil die Anklagebehörde keine Zeug_innen vorgeladen hatte, die gegen den Menschenrechtsanwalt hätten aussagen sollen. Jede dieser gerichtlichen Anhörungen bedeutet einen verpassten Arbeitstag für Anas Barghouti, der eine Anwaltspraxis in Ramallah unterhält und weiterhin Palästinenser_innen vertritt, die von den palästinensischen Behörden festgenommen wurden. Jeder dieser Gerichtstermine lässt die Familie des Menschenrechtlers im Ungewissen, ob er an dem Tag nach Hause zurückkehren wird. Die nun für den 6. Dezember angesetzte Anhörung ist die letzte Möglichkeit für die Anklage, Zeug_innen zu präsentieren, ansonsten wird das Verfahren eingestellt.

Anas Barghouti hat am 8. November in seiner Praxis Vertreter_innen von Amnesty International gesagt: "Ich wäre sehr froh, wenn dieses Verfahren endet, wie es sollte und ich nicht wieder ins Gefängnis zurück muss. Diese Vorstellung, auch wenn ich mich damit auseinandersetzen muss, ist immer noch extrem schwierig für mich." Der Menschenrechtsverteidiger hofft auch, dass das Reiseverbot, das die israelischen Behörden ihm auferlegt haben, aufgehoben wird.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Anas Barghouti wurde am 15. September 2013 an einem Militärkontrollpunkt in den besetzten palästinensischen Gebieten nördlich von Bethlehem festgenommen. Er befand sich auf der Rückreise von einem Besuch bei Freunden und Familienangehörigen in seine Heimatstadt Ramallah. Gegen 19 Uhr hielten Soldat_innen sein Auto an. Nachdem er seinen Ausweis der Rechtsanwaltskammer vorzeigte, nahmen die Soldat_innen ihn fest. Sein Handy wurde beschlagnahmt und man unterzog ihn einem Verhör. Anschließend brachte man ihn mit verbundenen Augen und in Handschellen in eine Haftanstalt in der illegalen israelischen Siedlung Etzion. Später wurde er dann in den Militärkomplex Ofer gebracht, wo er sich bis zu seiner Freilassung befand. Anas Barghouti wurde am 16. September 2013 erstmals einem Militärgericht vorgeführt. Der zuständige Richter stimmte an diesem Tag dem Antrag der Staatsanwaltschaft auf eine Haftverlängerung ohne Anklage bis zum 22. September zu. Nach Ablauf dieser Frist verlängerte man seine Haft erneut um zwei Tage, bevor man dann am 24. September in zwei Punkten Anklage gegen ihn erhob. Am 1. Oktober fand eine Anhörung statt, im Rahmen derer sein Verfahren auf den 9. Oktober verschoben wurde. Danach wurde das Verfahren auf den 23. Oktober 2013 vertagt. An diesem Tag verfügte das Gericht die Freilassung von Anas Barghouti gegen Kaution.

Anas Barghouti arbeitete seit 2009 als Anwalt für die palästinensische Gefangenen- und Menschenrechtsorganisation Addameer in Ramallah. Dort und heute in seiner eigenen Praxis leistet er Palästinenser_innen, die von den palästinensischen Sicherheitskräften festgehalten werden, rechtlichen Beistand und vertritt sie vor Gericht. Der Schwerpunkt seiner Arbeit ist es, Fällen von willkürlichen Festnahmen durch die palästinensischen Behörden im Westjordanland nachzugehen, sowie die Opfer vor Gericht zu vertreten. Unter anderem vertrat er auch Mandant_innen vor dem Obersten Palästinensischen Gerichtshof. Nach Angaben von Anas Barghouti wird er wegen seiner Arbeit als Verteidiger der Menschenrechte von palästinensischen Gefangenen immer wieder von palästinensischen Sicherheitskräften drangsaliert. Unter anderem wird er an Gefängnisbesuchen gehindert oder man sagt seinen Mandant_innen, sie sollten sich nicht von ihm vertreten lassen. Zum weiteren Engagement von Anas Barghouti für die Menschenrechte zählen die Organisation von und die Teilnahmen an Veranstaltungen und Aktivitäten, mit denen Schutz und Respekt der Menschenrechte von palästinensischen Häftlingen und Gefangenen in israelischen Haftanstalten gefordert werden.

Anas Barghouti hat gegenüber Amnesty International erläutert, welche Auswirkungen das nicht abgeschlossene Gerichtsverfahren auf ihn hat: "Der Tag des Gerichtsvefahrens ist ein verlorener Tag, und er bedeutet Stress für mich und meine Familie. Insbesondere wenn du zwischen 10 und 16 Uhr im Gericht bist und dir dein Telefon abgenommen wird, so dass deine Familie nicht weiß, was passiert. Wenn ich eine dieser Anhörungen habe, versuche ich meinen Kalender freizuhalten und keine beruflichen oder privaten Termine zu haben. Ich bin ein Rechtsanwalt, aber wenn ich zum Gericht gehe, hat das keine Bedeutung. Das Reiseverbot gibt mir das Gefühl, in einem großen Gefängnis zu sein – ich kann weder nach Israel reisen, noch ins Ausland."

Verfahren vor dem Militärgericht Ofer werden häufig verschoben, wenn es der Anklagehörde nicht gelingt, Zeug_innen beizubringen. Bei den Zeug_innen handelt es sich oft um andere palästinensische Gefangene oder Angehörige der israelischen Streitkräfte. Amnesty International hat bereits zuvor kritisiert, dass in einigen Fällen wiederholt und ohne Begründung Verfahren verzögert wurden und dies als Bestrafung gegen Palästinenser_innen eingesetzt wurde, die entweder inhaftiert oder gegen Kaution auf freiem Fuß waren. Palästinser_innen drohen oft unfaire Verfahren vor einem israelischen Militärgericht. Bei derartigen Prozessen werden die internationalen Standards für faire Verfahren verletzt. Die Richter_innen und Staatsanwält_innen gehören dem israelischen Militär an, wobei die Richter_innen auf Empfehlung des militärischen Generalanwalts von den regionalen Befehlshaber_innen benannt werden und fast ausschließlich aus den Reihen der Staatsanwält_innen stammen. Sie haben keinen Anspruch auf eine Festanstellung und können jederzeit von den regionalen Befehlshaber_innen aus dem Amt entlassen werden. Es herrschen tiefgreifende Zweifel hinsichtlich ihrer Unparteilichkeit. Darüber hinaus basieren die Verfahren vor Militärgerichten häufig auf Geständnissen von Zeug_innen, die diese oftmals zu einem späteren Zeitpunkt zurückziehen, weil sie unter Zwang abgelegt wurden. Angeklagte stimmen zudem oft selbst dann Übereinkommen mit der Staatsanwaltschaft zu, wenn sie unschuldig sind. Sie sehen in der Abgabe eines Geständnisses die einzige Möglichkeit, einem unfairen Verfahren zu entgehen und geringere Strafen zu erhalten.