Zwangsräumung in Brasilien

Zwei Tage nach der Vertreibung von dem Land, auf dem sie schon seit Generationen leben, drohen der Gemeinde Laranjeira Ñanderu nun neue Schwierigkeiten, nachdem Bauern ihre Häuser niederbrannten sowie ihr Habe zerstörten, das die Familien einen Tag später abholen wollten.

Appell an

JUSTIZMINISTER
Exmo. Sr. Tarso Genro
Esplanada dos Ministérios,
Bloco "T" , 70712-902 - Brasília/DF
BRASILIEN (korrekte Anrede: Exmo. Sr. Ministro)
Fax: (0055) 61 3322 6817
(0055) 61 3224 3398

MINISTER FÜR MENSCHENRECHTE
Secretaria Especial de Direitos Humanos
Exmo. Secretário Especial
Sr. Paulo de Tarso Vannuchi
Esplanada dos Ministérios - Bloco "T" - 4º andar, 70064-900 - Brasília/DF
BRASILIEN (korrekte Anrede: Exmo. Sr. Secretário)
Fax: (00 55) 61 3226 7980

Sende eine Kopie an

MENSCHENRECHTSORGANISATION
Conselho Indigenista Missionário
(CIMI – local NGO)
Cimi Regional Mato Grosso do Sul
Av. Afonso Pena, 1557 Sala 208 Bl.B, 79002-070 Campo Grande/MS
BRASILIEN

BOTSCHAFT DER FÖDERATIVEN REPUBLIK BRASILIEN
S.E. Herrn Everton Vieira Vargas
Wallstraße 57, 10179 Berlin
Fax: 030–7262 83-20 oder -21
E-Mail: brasil@brasemberlim.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Portugiesisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 16. Oktober 2009 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

SCHREIBEN SIE BITTE FAXE UND LUFTPOSTBRIEFE, IN DENEN SIE

  • die Behörden auffordern, eine umfassende Untersuchung der Sachbeschädigung und Einschüchterung der Laranjeira-Ñanderu-Gemeinde einzuleiten;

  • die Behörden drängen, sicherzustellen, dass die Indigenen angemessenen Schutz, Nahrung, Wasser und Unterkünfte erhalten, solange sie am Straßenrand leben müssen;

  • die Behörden auffordern, ihrer Verpflichtung gemäß der Konvention Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation, der UN-Erklärung über die Rechte der indigenen Völker und der brasilianischen Verfassung nachzukommen, indem sie alle ausstehenden Landrechtsfragen klären.

Sachlage

35 Familien der indigenen Guarani-Kaiowa der Gemeinde Laranjeira Ñanderu, unter ihnen 60 Kinder, sind am 9. September 2009 von dem Land, auf dem sie seit Generationen leben, vertrieben worden. Im Jahr 2007 hatten die Familien ihr angestammtes Siedlungsgebiet besetzt. Zurzeit leben sie am Rand der Schnellstraße 169 in der Gemeinde Rio Brilhante im Bundesstaat Mato Grosso do Sul unter prekären Bedingungen, ohne Nahrung, fließendes Wasser und angemessene Unterkunft. Die Bundespolizei, die die Zwangsräumung überwacht hatte, sagte dem Landbesitzer, dass die BewohnerInnen zurückkommen würden, um ihre übrigen Sachen abzuholen, darunter auch Strohdächer, die sie für den Wiederaufbau ihrer Hütten am Straßenrand benötigt. Der Landbesitzer hinderte die Vertriebenen jedoch daran, das Farmland erneut zu betreten, um ihr Habe abzuholen, brannte daraufhin die Häuser der Familien nieder und zwei Tage später auch ihre übrigen Habseligkeiten.

Da sie ihre Hütten nicht mehr mit Stroh abdecken können, leben die Vertriebenen nun unter schwarzen Plastikplanen, und das bei Temperaturen, die tagsüber bei mehr als 30 Grad liegen. Aufgrund des fehlenden Schutzes vor der Sonne sind bisher drei Angehörige der indigenen Gemeinschaft krank geworden.
Gemeindesprecher José Almeida erklärte, dass die Gemeinde seit ihrer Zwangsräumung von örtlichen Bauern eingeschüchtert wird. Die Bauern rasen nachts mit hohem Tempo über die Schnellstraße, an der die provisorischen Hütten stehen, und leuchten mit Scheinwerfern in die Unterkünfte. Er erklärte außerdem, die Gemeinde werde daran gehindert, Wasser aus einer nahe gelegenen Quelle zu holen. Die Gemeinschaft hat offiziell Beschwerde bei der Bundesstaatsanwaltschaft eingelegt.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Der Bundesstaat Mato Grosso do Sul umfasst einige der kleinsten, ärmsten und am dichtest bevölkerten indigenen Regionen Brasiliens: kleine ländliche Regionen von Armut geprägt, umgeben von Soja- und Zuckerrohrplantagen sowie Rinderfarmen, in denen das Leben durch Krankheiten und schlechte Lebensbedingungen erschwert wird. Rund 60 000 Guarani-Kaiowa leben dort unter prekären Bedingungen – der Zusammenbruch des sozialen Systems hat zu hohen Gewalt- und Selbstmordraten und zu Unterernährung geführt. Die Verzögerungen bei der Übergabe des Landes von den LandbesitzerInnen an die indigenen Gemeinden führt dazu, dass die Guarani-Kaiowa nun Stück für Stück ihr Land wiederbesetzen, aber Einschüchterungen und Zwangsräumungen erdulden müssen.

Im November 2007 unterzeichneten der Justizminister, der Generalbundesanwalt, FUNAI und 23 indigene Gemeindesprecher das Abkommen "Termo de Ajustamento de Conduta" (TAC), in dem sich die FUNAI dazu verpflichtet, 36 Siedlungsgebiete der Guarani-Kaiowa, einschließlich des Gebiets der Laranjeira Ñanderu, zu demarkieren, die bis spätestens April 2010 an diese Gemeinden übertragen werden sollen. Die Regierung und die Landwirtschaftslobby traten vehement dagegen ein. Gouverneur André Puccinelli drohte damit, das Abkommen nicht anzuerkennen. Der amtierende Vize-Gouverneur Jerson Domingos verschärfte die Situation noch, indem er sagte, der Prozess der Demarkierung würde durch die Konflikte zwischen Polizei, Indigenen und LandbesitzerInnen zwangsläufig in einem "Blutbad" enden. Örtliche Bauern haben sich dem Prozess entgegengestellt, die Größe des indigenen Lands übertrieben in den Medien dargestellt und wiederholt versucht, den Prozess gerichtlich zu blockieren. Derzeit liegen dem zuständigen Gericht (Tribunal Regional Federal) 80 Rechtsmittel vor, die sich mit Landrechtsfragen befassen.

Seit der Wiederbesetzung ihres Lands, lebt die Laranjeira-Ñarendu-Gemeinde hauptsächlich von Lebensmittelpaketen der FUNAI. Das Land, auf dem sie leben, ist umgeben von Zuckerrohrplantagen und Maisfeldern und wird ständig von privaten Sicherheitskräften überwacht, die von den LandbesitzerInnen beauftragt wurden. Den Indigenen wird untersagt, ihre eigene Nahrung anzubauen. Ilda Barbosa da Almeida, eine der indigenen Bewohnerinnen, informierte die kirchliche Menschenrechtsorganisation CIMI darüber, dass zwei Kinder der Gemeinde gestorben sind, nachdem private Wachleute staatlichen Gesundheitsbeauftragten den Weg versperrt hatten. Außerdem hatte die Gemeinde in dieser Zeit drei Selbstmorde zu beklagen.

Der ursprüngliche Räumungsbefehl gegen die Laranjeira-Ñanderu-Gemeinde wurde in Erwartung des FUNAI-Berichts über die Rechtmäßigkeit ihrer Ansprüche aufgehoben. Die Farmbesitzer und die Landwirtschaftslobby haben bisher jedoch die FUNAI an der Ausführung notwendiger Arbeit gehindert. Der Landwirtschaftsverband Farmasul hat im Juli 2007 beim zuständigen Gericht Rechtsmittel eingelegt und erreichte die Aufhebung der Landvermessungen aller indigenen Siedlungsgebiete, einschließlich der Laranjeira-Ñanderu-Gemeinde. Obwohl dieses Rechtsmittel im August zurückgewiesen wurde und die Vermessungen bald wieder aufgenommen werden, wurde die Laranjeira-Ñanderu-Gemeinde vertrieben.

Sowohl die UN-Erklärung über die Rechte der indigenen Völker, die Brasilien 2007 unterzeichnet hat, als das Übereinkommen Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation, das von Brasilien ratifiziert wurde, gewährleisten indigenen Völkern das Recht auf Land, das traditionell ihnen gehört. Außerdem werden darin die Staaten aufgefordert, Mechanismen zu entwickeln, durch die diese Rechte zugesprochen und anerkannt werden können. Die brasilianische Verfassung von 1988 bekräftigt die Rechte der brasilianischen indigenen Völker auf ihre Siedlungsgebiete und die Verantwortung des Staates, diese zu demarkieren.