Wegen friedlicher Demonstrationen inhaftiert
Der Filmemacher Min Htin Ko Ko Gyi
© UN
Gemeindesprecher U Sein Than ist in Myanmar inhaftiert worden, weil er an einer Reihe friedlicher Demonstrationen teilgenommen hat. Darüber hinaus drohen ihm weitere Anklagen wegen der friedlichen Wahrnehmung seiner Rechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit. U Sein Than ist ein gewaltloser politischer Gefangener und muss sofort und bedingungslos freigelassen werden.
Appell an
PRÄSIDENT
Thein Sein
President’s Office
Nay Pyi Taw
MYANMAR
(Anrede: Your Excellency / Exzellenz)
INNENMINISTER
Lt. Gen. Ko Ko
Ministry of Home Affairs
Office No. 10
Nay Pyi Taw
MYANMAR
(Anrede: Dear Minister / Sehr geehrter Herr Minister)
Sende eine Kopie an
VORSITZENDER DER MENSCHENRECHTSKOMMISSION MYANMAR
U Win Mra
27 Pyay Road, Hline Township
Yangon
MYANMAR
BOTSCHAFT DER UNION MYANMAR
S. E. Herrn Soe Nwe
Thielallee 19
14195 Berlin
Fax: 030-2061 5720
E-Mail: info@botschaft-myanmar.de
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Birmanisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 16. Oktober 2014 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
LUFTPOSTBRIEFE ODER FAXE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN
-
Bitte lassen Sie U Sein Than sofort und bedingungslos frei und lassen Sie alle gegen ihn anhängigen Anklagen fallen, sollten diese ausschließlich auf die friedliche Wahrnehmung seiner Rechte auf freie Meinungsäußerung und friedliche Versammlungen zurückgehen.
-
Ich bitte Sie, sicherzustellen, dass U Sein Than bis zu seiner bedingungslosen Freilassung vor Folter und anderer Misshandlung geschützt ist, Zugang zu Rechtsbeiständen seiner Wahl sowie zu seiner Familie erhält und seine Haftbedingungen internationalen Standards entsprechen.
- Ich bitte Sie zudem, alle Gesetze, welche die Rechte auf freie Meinungsäußerung und friedliche Versammlung einschränken, in Übereinstimmung mit internationalen Menschenrechtsnormen und standards aufzuheben oder abzuändern.
PLEASE WRITE IMMEDIATELY
-
Calling on the authorities to release U Sein Than immediately and unconditionally and drop all charges pending against him as a result of his peaceful exercise of his rights to freedom of expression and peaceful assembly.
-
Urging them to ensure that, pending his unconditional release, U Sein Than is not tortured or otherwise ill-treated, that he is granted access to lawyers of his choosing and to family members, and that he is held in conditions which meet international standards.
- Calling on them to repeal or else amend all laws which restrict the rights to freedom of expression and peaceful assembly, to comply with international human rights law and standards.
Sachlage
Am 19. und 20. August ist U Sein Than in Rangun, der größten Stadt Myanmars, auf Grundlage von Paragraf 18 des Versammlungs- und Demonstrationsgesetzes wegen unerlaubten Demonstrierens zu acht Monaten Haft verurteilt worden. Die gegen ihn erhobenen Anklagen gehen auf eine Reihe von 2014 abgehaltenen friedlichen Demonstrationen von Personen zurück, die früher im Dorf Michaungkan im Township Thingangyun in Rangun gelebt hatten. In den frühen 1990er-Jahren beschlagnahmte dann das myanmarische Militär offenbar ihr Land. Die Gemeinde hat sich in den vergangenen Jahren mit Demonstrationen für die Rückgabe ihres Landes und Entschädigungsleistungen für ihre Verluste eingesetzt. U Sein Than ist am 27. Juli festgenommen worden. Verlässlichen Quellen zufolge hatte erst einen Tag zuvor ein Treffen zwischen ihm und der neuen UN-Sonderberichterstatterin über die Menschenrechtslage in Myanmar stattgefunden, bei dem es um den Fall der Gemeinde Michaungkan ging.
Im März 2014 traten etwa 100 Gemeindebewohner_innen in einen friedliche Sitzstreik neben dem Maha Bundula Park, der sich in der Nähe des Bürgermeisteramts von Rangun befindet, um so dagegen zu protestieren, dass es den myanmarischen Behörden bisher nicht gelungen ist, ihren Fall zu lösen. Am 19. Mai erfuhr U Sein Than, dass auf Grundlage des Kommunalgesetzes von Rangun ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt worden war und er sich vor dem Gericht des Townships Latha verantworten müsse, weil der Sitzstreik den Gehweg blockiere. Zwei Tage später, am 21. Mai, demonstrierten U Sein Thang und weitere Bewohner_innen vor dem Gerichtsgebäude friedlich gegen diese Anklage. Im Zusammenhang mit der Protestaktion wurde er dann wegen unerlaubten Demonstrierens auf Grundlage von Paragraf 18 angeklagt. Am 19. August verurteilte das Gericht von Latha ihn zu vier Monaten Haft. Einen Tag später wurde er vom Gericht des Townships Bahan unter Bezugnahme desselben Paragrafen zu vier weiteren Monaten Haft verurteilt. Dieses Urteil bezog sich auf eine Anklage wegen einer weiteren friedlichen Protestaktion, bei der er im April 2014 vor dem Haus der Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi demonstriert hatte, um sie aufzufordern, der Gemeinde Michaungkan zu helfen.
U Sein Than befindet sich derzeit im Insein-Gefängnis in Rangun. Zwei weitere Anklagen gegen ihn unter Paragraf 18 sind noch anhängig. Eine vor dem Gericht des Townships Pabedan, die ebenfalls mit der Demonstration vom 21. Mai zusammenhängt, und eine vor dem Gericht des Townships in Kyauktada im Zusammenhang mit dem aktuellen Sitzstreik. Außerdem sind noch Anklagen gemäß des Kommunalgesetzes von Rangun vor dem Gericht des Townships Latha gegen ihn anhängig.
Hintergrundinformation
U Sein Than ist das bekannteste Mitglied der Gemeinde Michaungkan, die seit einigen Jahren für eine Rückgabe ihres offenbar vom Militär beschlagnahmten Landes und für Entschädigungsleistungen demonstrieren. Der aktuelle Sitzstreik neben dem Maha-Bundula-Park folgt einer ähnlichen Protestaktion, die im November 2013 vor der Myasaryan-Pagode in Rangun begonnen hatte und am 11. Dezember beendet wurde. Die Gemeindebewohner_innen hatten zugestimmt, ihren Protest drei Monate lang auszusetzen, nachdem der für Landstreitigkeiten eingerichtete Parlamentsausschuss zugesichert hatte, den Fall zu untersuchen. Dem Ausschuss ist es jedoch nicht gelungen, eine Lösung zu finden, sodass der Sitzstreik im März 2014 wieder aufgenommen wurde.
Laut verlässlicher Quellen wurde U Sein Than einen Tag nach seinem Treffen mit Yanghee Lee, der neuen UN-Sonderberichterstatterin über die Menschenrechtslage in Myanmar, festgenommen. Amnesty International ist besonders beunruhigt darüber, dass man ihn festgenommen haben soll, als er sich gerade auf dem Weg zu Abgeordneten der UN in Rangun befand, um ihnen Dokumente zum Fall von Michaungkan zu übergeben. Seine Festnahme zeigt auf besorgniserregende Weise, welche Risiken Menschenrechtsverteidiger_innen und Aktivist_innen eingehen, wenn sie beispielsweise der internationalen Gemeinschaft Menschenrechtsverletzungen melden.
U Sein Than ist in der Vergangenheit bereits mehrfach wegen seiner Rolle bei den Demonstrationen der Gemeinde von Michaungkan festgenommen und inhaftiert worden. Am 26. November 2013 wurde er vom Gericht des Townships Thingangyun zu drei Monaten Haft verurteilt. Am 9. Dezember 2013 verurteilte ihn das Gericht des Townships Kyauktada zu sechs Monaten Gefängnis. In beiden Fällen war er wegen unerlaubten Demonstrierens auf Grundlage von Artikel 18 des Versammlungs- und Demonstrationsgesetzes angeklagt worden. Am 11. Dezember 2013 wurde U Sein Than im Rahmen einer vom Präsidenten gewährten Amnestie freigelassen.
Menschenrechtsverteidiger_innen und Aktivist_innen in Myanmar werden häufig lediglich wegen der friedlichen Wahrnehmung ihrer Rechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit festgenommen und inhaftiert. Diese Rechte sind in den Artikeln 19 und 20 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) festgeschrieben. Amnesty International ist besorgt darüber, dass eine Reihe von Gesetzen in Myanmar dazu genutzt wird, friedliche Meinungsäußerung und Versammlung zu kriminalisieren. Dazu gehört auch das Versammlungs- und Demonstrationsgesetz, das seit seiner Inkraftsetzung 2012 dazu genutzt wurde, zahlreiche friedliche Aktivist_innen und Menschenrechtsverteidiger_innen festzunehmen und zu inhaftieren. Auf nationalen und internationalen Druck hin wurde das Gesetz vom Parlament überarbeitet und vom Präsidenten am 24. Juni 2014 verabschiedet. Dennoch entspricht auch das überarbeitete Gesetz nicht den internationalen Menschenrechtsnormen und standards, sodass sich Menschenrechtsverteidiger_innen und politische Aktivist_innen noch immer in Gefahr befinden, aufgrund der friedlichen Wahrnehmung ihrer Menschenrechte festgenommen und inhaftiert zu werden.
Amnesty International erhält weiterhin Berichte über die schlechten Bedingungen in myanmarischen Gefängnissen, die nicht den UN-Mindestgrundsätzen für die Behandlung von Gefangenen entsprechen. Hierzu zählen der mangelhafte Zugang zu angemessener medizinischer Behandlung, mangelnden Zugang zu sauberem Trinkwasser und Wasser für die Körperpflege sowie zu gehaltvollen Lebensmitteln.