Mursi und Berater in Haft
Protestierende auf dem Tahrir-Platz am 3. Juli: "Die Lage ist äußerst angespannt."
© REUTERS/Suhaib Salem
Der abgesetzte ägyptische Präsident Mohammed Mursi und neun seiner Berater werden seit dem 3. Juli von den Behörden ohne Zugang zu ihren Rechtsbeiständen, ihren Familien oder ärztlicher Behandlung an einem unbekannten Ort festgehalten. Allem Anschein nach werden die Männer außerhalb des Rechtssystems und unter Bedingungen festgehalten, die dem Verschwindenlassen gleichkommen könnten. Ihnen drohen Folter und andere Misshandlungen.
Appell an
ÜBERGANGSPRÄSIDENT
Adly Mahmoud Mansour
Office of the President
Al Ittihadia Palace
Cairo, ÄGYPTEN
(Anrede: Your Excellency / Exzellenz)
Fax: (00 202) 2 391 1441
VERTEIDIGUNGSMINISTER
General Abdel Fattah al-Sisi
Ministry of Defence
Cairo
ÄGYPTEN
(Anrede: Dear Field Marshal / Sehr geehrter Herr Minister)
Fax: (00 202) 2 290 6004 oder
(00 202) 2 291 6227
E-Mail: mmc@afmic.gov.eg
STAATSANWALT
Hesham Mohamed Zaki Barakat
Office of the Public Prosecutor
Supreme Court House, 1 "26 July" Road
Cairo
ÄGYPTEN
(Anrede: Dear Counsellor / Sehr geehrter Herr Staatsanwalt)
Fax: (00 202) 2 577 4716 oder
(00 202) 2 575 7165
(nur während der Geschäftszeiten)
KOPIEN AN
BOTSCHAFT DER ARABISCHEN REPUBLIK ÄGYPTEN
S. E. Herrn Mohamed Abdelhamid Ibrahim Higazy
Stauffenbergstraße 6-7, 10785 Berlin
Fax: 030-477 1049
E-Mail: embassy@egyptian-embassy.de
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Arabisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 6. September 2013 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
FAXE, E-MAILS UND LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN
-
Bitte geben Sie unverzüglich den Verbleib von Mohammed Mursi und seinen Beratern bekannt.
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Bitte gewähren Sie den Männern umgehend Zugang zu ihren Familien und Rechtsbeiständen sowie zu ärztlicher Behandlung.
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Lassen Sie Mohammed Mursi und seine Berater bitte entweder unverzüglich frei oder klagen Sie sie umgehend einer international als Straftat anerkannten Handlung an und stellen Sie sie in einem Verfahren vor ein ziviles Gericht, das den internationalen Standards für faire Gerichtsverfahren in vollem Umfang entspricht.
- Ich bitte Sie zudem, dafür zu sorgen, dass alle diejenigen, die angeklagt und zu Gefängnisstrafen verurteilt werden, in einer rechtmäßigen Hafteinrichtung inhaftiert werden. Bitte schützen Sie die Inhaftierten vor Folter und anderer Misshandlung.
Sachlage
Nach Tagen des Protests und politisch motivierter Gewalt hatte das ägyptische Militär am 3. Juli erklärt, Mohammed Mursi zu entmachten. Der abgesetzte Präsident und seine Berater wurden zuletzt in einem Militärkomplex im Stadtteil Nasr City in Kairo gesehen. Seitdem ist nichts über ihr Schicksal oder ihren Verbleib bekannt, und ihre Familien sind von offizieller Seite weder über ihren Aufenthaltsort noch darüber, wer sie festhält, oder die rechtlichen Gründe für ihre Inhaftierung informiert worden.
Am 26. Juli ordnete ein Richter an, Mohammed Mursi 15 Tage lang festzuhalten, während Vorwürfe untersucht wurden, er habe während der Unruhen im Jahr 2011 bezüglich der Gefängnisausbrüche mit der Hamas kooperiert. Dies geht aus Berichten der staatlichen Nachrichtenagentur MENA hervor. Die Staatsanwaltschaft untersucht offenbar Beschwerden gegen Mohammed Mursi und führende Persönlichkeiten der Muslimbruderschaft, die auf Anstiftung zur Gewalt, Spionage und Ruinieren der Wirtschaft lauten. Am 16. Juli hatte allerdings ein Militärsprecher gesagt, dass Mohammed Mursi zu seinem eigenen Schutz festgehalten werde. Seine Familie ist der Ansicht, dass er von der Armee "verschleppt" worden ist.
Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Urgent Action hat die Staatsanwaltschaft noch keine Aussage darüber gemacht, ob Berater von Mohammed Mursi einer Straftat angeklagt sind. Am 17. Juli gaben die ägyptischen Medien an, zwei der Berater seien freigelassen worden, was sich jedoch als unwahr herausstellte. Alle Männer befinden sich weiterhin in Haft. Am 19. Juli wurden einige Familien der Berater telefonisch aufgefordert, weiße Kleidung für die Männer bei einem Sicherheitsbeamten am Kairoer Abdeen-Palast abzugeben. In Ägypten tragen Personen in Untersuchungshaft in der Regel weiße Kleidung.
Hintergrundinformation
Am 30. Juni gingen Tausende ÄgypterInnen auf die Straße, um den Rücktritt von Präsident Mohammed Mursi zu fordern. Dies war der Beginn einer neuen Protestserie gegen seine Herrschaft. Die Proteste waren durch die Tamarud-Bewegung ("Rebellion") ausgelöst worden, die eine Petition für seinen Rücktritt gestartet hatte und von zahlreichen OppositionspolitikerInnen unterstützt wurde. In den darauffolgenden Tagen gingen viele AnhängerInnen des Präsidenten ebenfalls auf die Straße, um Gegendemonstrationen abzuhalten. In vielen Fällen kam es zu Zusammenstößen zwischen UnterstützerInnen und GegnerInnen des Präsidenten.
Am Abend des 3. Juli erklärte Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sisi, dass die Verfassung ausgesetzt und Mohammed Mursi nicht länger Präsident sei. Er ernannte Adli Mansur, den Vorsitzenden des Obersten Verfassungsgerichts, zum neuen ägyptischen Präsidenten und kündigte an, bis zu den Neuwahlen eine Übergangsregierung einzusetzen.
Wenige Minuten nach der Ankündigung des Verteidigungsministers führten Sicherheitskräfte eine Razzia der Fernsehsender durch, die ehemals Mohammed Mursi unterstützt hatten, nahmen die Angestellten fest und schlossen die Sender. In den darauffolgenden Tagen nahmen die Sicherheitskräfte Hunderte AnhängerInnen von Mohammed Mursi in Gewahrsam unter dem Vorwurf, Gewalt angezettelt oder gewaltsame Handlungen begangen zu haben. Unter diesen befanden sich auch zahlreiche Mitglieder der Muslimbruderschaft, eine Bewegung, der Mohammed Mursi politisch nahesteht.
Die Sicherheitskräfte haben allein in Kairo über 700 Männer festgenommen. Darunter befinden sich prominente Führungspersönlichkeiten der Muslimbruderschaft und ihrer politischen Partei, der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei. Die Gerichte haben zwar die Freilassung gegen Kaution von 650 Männern angeordnet, eine unbekannte Zahl befindet sich jedoch nach wie vor in Haft, da sie die Kaution nicht aufbringen können.
Viele der Männer waren am 8. Juli festgenommen worden, als die Sicherheitskräfte eine Protestveranstaltung vor dem Offiziersclub der Republikanischen Garde auflösten und es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam, bei denen mindestens 51 AnhängerInnen von Mohammed Mursi getötet wurden. Auch ein Armeeangehöriger und zwei Angehörige der Sicherheitskräfte kamen ums Leben. Wenigstens neun führende Mitglieder der Muslimbruderschaft bzw. ihnen nahestehender Gruppen wurden ebenfalls festgenommen. Zu ihnen gehören der ehemalige geistige Führer der Muslimbrüder Mohamed Mahdi Akef; seine Stellvertreter Khairat al-Shater und Rashad Bayoumi; der Vorsitzende der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei Saad al-Katatni; sowie der Anwalt Abdelmonim Abdelmaqsud, der für die Muslimbruderschaft arbeitet. Man geht davon aus, dass die Männer derzeit im Hochsicherheitsgefängnis von Alaqrab ("der Skorpion") südlich von Kairo festgehalten werden.
Einige Mitglieder bzw. Anhänger der Muslimbruderschaft waren möglicherweise an Anstiftung zur Gewalt oder an gewaltsamen Handlungen selbst beteiligt. Amnesty International ist dennoch besorgt, dass andere Mitglieder bzw. Anhänger der Muslimbruderschaft nur wegen ihrer Verbindungen zu der Gruppierung und der friedlichen Wahrnehmung ihrer Rechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit verfolgt werden. Amnesty International hat die ägyptischen Behörden aufgefordert, alle Inhaftierten entweder freizulassen oder sie einer international als Straftat anerkannten Handlung anzuklagen und in einem fairen Verfahren vor Gericht zu stellen. Die Organisation hat zudem an die Behörden appelliert, alle diejenigen umgehend und bedingungslos freizulassen, die nur deshalb in Haft sind, weil sie friedlich von ihren Rechten auf Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit Gebrauch gemacht haben.
Am 28. Januar 2011 wurden einige Gefängnisse von unbekannten Personen gestürmt, die die Insassen – in einigen Fällen unter Zwang – aus den Gefängnissen führten. Insassen in Gefängnissen anderswo versuchten ebenfalls auszubrechen, als sie von den Unruhen und den Ausbrüchen hörten. Die Sicherheitskräfte reagierten mit Waffengewalt, und in der Folge wurden Hunderte Gefängnisinsassen verletzt oder getötet. Die Gefangenen wurden während der Unruhen nur unzureichend mit Nahrung, Wasser und andere Dingen zur Befriedigung der Grundbedürfnisse versorgt.