Älterer Herr erschossen
Kabete NITD, Nairobi, nach der Zwangsräumung im Juli 2010
© Amnesty
Der unbewaffnete 74-jährige Jackson Maina Kihato ist am 19. Juli von der Polizei in Kabete NITD in Nairobi erschossen worden. Er befand sich in unmittelbarer Nähe zu den Protesten gegen die rechtswidrige Zwangsräumung, bei der am 10. Juli etwa 1000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben und Marktstände zerstört wurden.
Appell an
POLIZEICHEF
Mr Patrick Tom Odongo
Nairobi City Council
City Hall Annex
PO Box 30075
Nairobi
KENIA
(korrekte Anrede: Dear Mr Odongo)
E-Mail: rickodongo@yahoo.com
STADTVERWALTUNG
Mr Philip Kisia
Nairobi City Council, City Hall Annex
PO Box 30075
Nairobi
KENIA
(korrekte Anrede: Dear Mr Kisia)
Fax: (00 254) 20 22 17704
E-Mail: townclerk@nairobicity.co.ke
Sende eine Kopie an
MINISTER DER LOKALREGIERUNG
Minister for Provincial Administration and Internal Security
Hon. Prof. George SaitotI
Harambee House
Harambee Avenue
PO Box 30510-00100
Nairobi
KENIA
(korrekte Anrede: Dear Minister)
E-Mail: Waziri.pais@gmail.com
BOTSCHAFT DER REPUBLIK KENIA
Markgrafenstraße 63, 10969 Berlin
Fax: 030 – 25 92 66 50
E-Mail: office@embassy-of-kenya.de oder office@kenyaembassyberlin.de
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 1. September 2010 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
SCHREIBEN SIE BITTE E-MAILS, FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE, IN DENEN SIE FOLGENDE FORDERUNGEN STELLEN
An den Polizeichef:
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Führen Sie umgehend eine Untersuchung des Todes von Jackson Maina Kihato durch und stellen Sie sicher, dass der Täter in einem fairen Verfahren ohne die Verhängung der Todesstrafe zur Rechenschaft gezogen wird.
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Gewährleisten Sie, dass die Polizei das Recht der Menschen auf friedliche Versammlung respektiert und keine exzessive Gewalt anwendet, um unbewaffnete Protestierende auseinander zu treiben.
- Dringen Sie auf die Durchführung von Reformen, die darauf abzielen, die Verantwortlichkeit der Polizei zu stärken. Dazu gehört auch die Einrichtung eines unabhängigen zivilgesellschaftlichen Gremiums, das Beschwerden gegen die Polizei untersucht.
An die Stadtverwaltung:
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Alle Personen, die aufgrund der rechtswidrigen Zwangsräumung der Siedlung Kabete NITD in Nairobi obdachlos sind, müssen umgehend Zugang zu Nahrung, Wasser und Unterkunft erhalten.
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Stellen Sie ebenso sicher, dass allen Betroffenen Zugang zu angemessenem alternativen Wohnraum oder Marktständen und Entschädigung für ihre Verluste gewährt wird.
- Geben Sie den Bewohner_innen von Kabete NITD die Zusicherung, dass keine weiteren Zwangsräumungen in der Siedlung durchgeführt werden.
PLEASE WRITE IMMEDIATELY
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Urging the Police Commissioner to promptly investigate the death of Jackson Maina Kihato and ensure that the perpetrator is brought to justice in a fair trial that does not lead to imposition of the death penalty.
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Calling on the Police Commissioner to ensure that police respect the right of people to freedom of peaceful assembly and do not use excessive force to disperse unarmed protestors.
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Calling on the Police Commissioner to ensure the implementation of reforms aimed at achieving police accountability, including by establishing an independent civilian body to investigate complaints against the police.
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Urging the Town Clerk to ensure that all those who are homeless as a result of the forced evictions have immediate access to food, water and shelter;
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Calling on the Town Clerk to ensure that all those who were forcibly evicted are provided with access to adequate alternative housing or stalls and compensation for all their losses;
- Calling on the Town Clerk to guarantee that no further forced evictions will take place at the settlement.
Sachlage
Die Protestierenden waren überwiegend Frauen, die in dem Teil des Geländes Handel betrieben hatten, der vor dem Abriss ein Markt war. Die Protestierenden blockierten die Straße am Gelände, um dort zu demonstrieren. Die Polizei setzte Tränengas ein, um sie auseinander zu treiben. Doch die Demonstrierenden banden sich feuchte Tücher um, verhinderten damit die Wirkung des Tränengases und blieben vor Ort. Daraufhin schlug die Polizei die Protestierenden mit Schlagstöcken, als sie versuchte, die Straße freizumachen.
Berichte zufolge sah Jackson Maina Kihato, wie eine Frau von einem Polizisten heftig geschlagen wurde. Er wandte sich an einen anderen Polizisten und sagte, die Polizei solle die Leute nicht in dieser Form schlagen. Der Polizist, der nah bei ihm stand, schoss ihn daraufhin in die Brust. Als medizinische Hilfe eintraf, war Jackson Maina Kihato bereits tot. Seine Frau und er waren Händler_innen in Kabete NITD, ehe es abgerissen wurde.
Hintergrundinformation
Am 10. Juli kurz vor Mitternacht mussten Bewohner_innen und Händler_innen in Kabete NITD zusehen, wie ein Bulldozer der Stadtverwaltung Nairobi etwa 470 Marktstände und schätzungsweise 100 Hütten zerstörte. Es hatte zwar Gerüchte gegeben, dass eine Zwangsräumung bevorstehe, aber die Bewohner_innen und Händler_innen wurden weder benachrichtigt noch erhielten sie Informationen, von vorherigen Konsultationen ganz zu schweigen. Viele Menschen wurden aus dem Schlaf gerissen und hatten nur wenige Minuten Zeit, ihre Habe aus ihren Häusern zu holen, ehe sie abgerissen wurden. Dabei verloren viele ihr gesamtes Hab und Gut. Die meisten der Händler_innen, deren Marktstände von der Zwangräumung betroffen waren, haben ihre Ware verloren und ihre Lebensgrundlage ist zerstört worden. Einige konnten nach der Zwangsräumung auf den Trümmern ihrer ehemaligen Stände weiter verkaufen. Doch am 13. Juli kam erneut ein Bulldozer und machte den Marktbereich dem Erdboden gleich. Laut Angaben kenianischer Quellen sind die Händler_innen überwiegend Frauen. Die Zwangsräumung hat sie und die von ihnen wirtschaftlich Abhängigen noch tiefer in die Armut getrieben. Hunderte Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, sind ohne Unterkunft und schlafen nun in den kältesten kenianischen Monaten ohne Decken oder warme Kleidung unter freiem Himmel. Viele von ihnen haben kein Geld, um Nahrung oder andere grundlegende Dinge zu kaufen. Die Bewohner_innen gehen zudem davon aus, dass ein weiterer Teil der Siedlung, in dem etwa 250 Menschen leben, auch demnächst geräumt und abgerissen wird.
Die kenianische Regierung ist seit der Gründung der ersten informellen Siedlung in Kenia für wiederholte rechtswidrige Zwangsräumungen verantwortlich. Zwangsräumungen bedrohen nach wie vor viele Bewohner_innen informeller Siedlungen und Slums.
Die Siedlung Kabete NITD (Native Industrial Training Department) entstand 1974. Das Land gehört der kenianischen Regierung. 2007 erteilte die Stadtverwaltung Nairobi einen Räumungsbefehl für die Gemeinde und wies alle Bewohner_innen an, die Gegend innerhalb von 48 Stunden zu räumen. Durch die Ergreifung rechtlicher Maßnahmen konnte diese rechtswidrige Zwangsräumung verhindert werden.
Frauen sind in überdurchschnittlichem Maße von Räumungen betroffen. Als Folge von Zwangsräumungen sind viele Frauen und Kinder obdachlos und müssen in den kalten Winternächten Nairobis unter freiem Himmel schlafen. Die Händlerinnen konnten seither keinen Handel treiben und sich und die von ihnen Abhängigen somit nicht mit Nahrung und anderen nötigen Dingen versorgen. Vor Beginn des Protests ging eine Gruppe von Frauen zum Büro des Bezirksvorstehers und gab dort ihre Kinder ab. Dann gingen sie zum Gelände zurück und hielten die Demonstration ab. Die Gruppe von Frauen soll dem Bezirksvorsteher gesagt haben, dass sie die Kinder bei ihm ließen, weil sie nicht mehr für sie sorgen könnten.
Händler_innen haben berichtet, dass der Bezirksvorsteher das Gelände nach dem Protest besuchte und sagte, dass die Händler_innen weiter auf dem Gelände Handel treiben könnten und das Gelände der Regierung gehöre. Er untersagte dort jedoch die Errichtung jeglicher Gebäude oder Stände durch Bewohner_innen oder Händler_innen.
Amnesty International und andere Organisationen haben sich sehr besorgt über die exzessive Gewaltanwendung der Polizei in Kenia geäußert, darunter der verbreitete Einsatz von Folter und außergerichtlichen Hinrichtungen.
Die Rechte auf friedliche Versammlung und Vereinigung sind in den Artikeln 10 und 11 der Afrikanische Charta der Menschenrechte und Rechte der Völker und in Artikel 21 und 22 des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte festgeschrieben, deren Vertragsstaat Kenia ist.