Foltergefahr
Ergebnis dieser Urgent Action
Der tibetische Gelehrte und Schriftsteller Tagyal wurde am 14. Oktober gegen Kaution freigelassen. Seinem Anwalt zufolge ist er nach Hause zurückgekehrt.
Der tibetische Gelehrte und Schriftsteller Tagyal ist am 23. April unter Verdacht auf "Anstiftung zum Separatismus" festgenommen worden. Er ist ein gewaltloser politischer Gefangener und in großer Gefahr, gefoltert oder in anderer Weise misshandelt zu werden.
Appell an
LEITER DER BEHÖRDE FÜR ÖFFENTLICHE SICHERHEIT DER PROVINZ QINGHAI
He Zaigui Tingzhang
Qinghaisheng Gong'anting
1001 Fang, 10 Ceng
Gong’antingdalou
Xiningshi 810000
Qinghaisheng
VOLKSREPUBLIK CHINA
(korrekte Anrede: Dear Director)
LEITER DER JUSTIZBEHÖRDE DER PROVINZ QINGHAI
Wu Faxiang Tingzhang
Qinghaisheng Sifating
11 Nanshanlu
Chengzhong district
Xiningshi 810000
Qinghaisheng
VOLKSREPUBLIK CHINA
(korrekte Anrede: Dear Director)
Sende eine Kopie an
LEITER DES HAFTZENTRUMS NR. 1
Xiningshi Diyi Kanshousuo
73 Ningzhanglu,
Ershilipu Paichusuo
Xiningshi Gonganju
Chengbei Fenju
Qinghaisheng
810003
VOLKSREPUBLIK CHINA
(korrekte Anrede: Dear Director)
BOTSCHAFT DER VOLKSREPUBLIK CHINA
S. E. Herrn Hongbo Wu
Märkisches Ufer 54, 10179 Berlin
Fax: 030-2758 8221
E-Mail: de@mofcom.gov.cn
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Chinesisch, Tibetisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 1. Juli 2010 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
SCHREIBEN SIE BITTE LUFTPOSTBRIEFE
-
Fordern Sie die chinesischen Behörden auf, Tagyal umgehend und bedingungslos freizulassen, da er ein gewaltloser politischer Gefangener ist, der nur aufgrund der friedlichen Wahrnehmung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung festgehalten wird.
-
Dringen Sie bei den Behörden darauf, sicherzustellen, dass Tagyal weder gefoltert noch in anderer Weise misshandelt wird, solange er sich in Gewahrsam befindet.
- Fordern Sie die Behörden auf, dafür zu sorgen, dass er Zugang zu einer rechtlicher Vertretung seiner Wahl und zu seiner Familie erhält und bei Bedarf medizinisch versorgt wird.
Sachlage
Tagyal ist ein namhafter tibetischer Gelehrter, der unter dem Pseudonym Shogdung schreibt. Am 23. April 2010 wurde er von Sicherheitskräften an seinem Arbeitsplatz festgenommen. Tagyal arbeitet beim Verlag Nationalities Publishing House in Xining, der Hauptstadt der Provinz Qinghai in China. Zu einem späteren Zeitpunkt an diesem Tag beschlagnahmten die Beamten außerdem zwei Computer in seinem Haus. Gegen 2:30 Uhr am nächsten Morgen suchten die Beamten erneut Tagyals Haus auf und unterrichteten seine Familie darüber, dass er unter dem Verdacht der "Anstiftung zum Separatismus" festgehalten wird.
Vermutlich wird Tagyal im Haftzentrum Nr. 1 der Stadt Xining festgehalten, auch bekannt als Ershilipu-Gefängnis. Trotz einiger Versuche, war es bisher niemandem gestattet, ihn zu besuchen. TibeterInnen in Polizeigewahrsam werden häufig gefoltert oder anderweitig misshandelt, vor allem jene, denen "Anstiftung zum Separatismus" zur Last gelegt wird. Tagyals Sehvermögen ist eingeschränkt und er leidet an Verdauungsstörungen.
Die Festnahme Tagyals wurde zuerst in einem Blog publik gemacht, der seitdem gesperrt ist. In dem Blog hieß es, dass seine Festnahme mit der Veröffentlichung eines offenen Briefes zusammenhängt, den Tagyal am 17. April verfasst hatte und den sieben weitere tibetische Gelehrte und KünstlerInnen unterschrieben hatten. In dem Brief drückten sie den Opfern des Erdbebens vom 14. April in Qinghai ihr Beileid aus. Soweit bekannt befindet sich keiner der anderen Unterzeichner in Haft. Die kürzliche Veröffentlichung von Tagyals Buch "The Line between Sky and Earth", das Tibet im Zuge der Unruhen von 2008 als "Ort des Schreckens" beschreibt, könnte auch zu seiner Festnahme beigetragen haben.
Die Behörden schlossen seine familiengeführte Buchhandlung am 12. April und lassen die Familie ohne Einkommensquelle zurück.
Hintergrundinformation
Am 14. April wurde die Autonome Tibetische Präfektur Yushu im Süden der Provinz Qinghai von einem Erdbeben erschüttert. Zeitungsberichten zufolge kamen dabei mehr als 2.000 Menschen ums Leben und über 170 werden noch immer vermisst. 12.135 Personen wurden verletzt, 1.434 davon schwer. Mehr als 100.000 Menschen wurden obdachlos. Viele von ihnen leben nun in provisorischen Unterkünften und sind widrigen Wetterverhältnissen ausgesetzt.
Nach dem Erdbeben im April hat nationale und internationale Hilfe die Region erreicht. Tibetische Mönche und die Zivilbevölkerung haben einen zentralen Beitrag zu den Hilfsmaßnahmen geleistet. Denn im Gegensatz zu Helfern anderer Teile Chinas sind sie an die Höhe der tibetischen Hochebene gewöhnt. Seit dem Erdbeben treffen tibetische Mönche in Yushu ein. Die Regierung forderte sie jedoch kürzlich auf, in ihre Klöster zurückzukehren. Der Dalai Lama hat darum gebeten, die Provinz Qinghai besuchen zu dürfen, um die Opfer der Region zu betrauern und ihren Familien Trost zu spenden, doch sein Gesuch wurde nicht berücksichtigt. Die Regierung hat jedoch Gyaincain Norbu, dem von Peking ernannten 11. Panchen Lama, gestattet, die Region zu besuchen.
Drei Tage nach dem Erdbeben wollte Tagyal zum Bezirk Yushu reisen, um dort zu helfen. Doch ihm wurde die Genehmigung dazu verweigert. Gemeinsam mit einer Gruppe bedeutender tibetischer Intellektueller unterzeichnete er am 17. April einen offenen Brief an die Opfer der Katastrophe, in dem sie ihr Beileid aussprachen und das Vorgehen der chinesischen Regierung nach dem Erdbeben kritisierten.
In Yushu, Teil der tibetischen Hochebene, sind 97 Prozent der Bevölkerung tibetischer Abstammung. In den letzten Jahren kam es zu erheblichen ethnischen Unruhen in der Region.