Hinrichtung ausgesetzt
Der Gouverneur von Oklahoma hat die Hinrichtung von Richard Smith aufgeschoben, um die Empfehlungen des Begnadigungsausschusses auf Umwandlung seines Todesurteils in eine Freiheitsstrafe zu prüfen. Richard Smith, der seit 23 Jahren im Todestrakt sitzt, soll nun am 4. Mai hingerichtet werden.
Appell an
GOUVERNEUR VON OKLAHOMA
Governor Brad Henry
State Capitol Building, 2300 N. Lincoln Blvd., Room 212
Oklahoma City, OK 73105,
USA
(korrekte Anrede: Dear Governor)
Fax: (001) 405 521 3353
E-Mail: über http://www.gov.ok.gov/message.php
(Beachten Sie bitte, dass nur Personen, die in den USA einen Wohnsitz haben, E-Mails über die Webseite des Gouverneurs verschicken können.)
Sende eine Kopie an
BOTSCHAFT DER VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
S.E. Herrn Philip D. Murphy
Pariser Platz 2
10117 Berlin
Fax: 030-83 05 10 50
E-Mail: über http://germany.usembassy.de/email/feedback.htm
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort, so dass sie noch vor dem 4. Mai 2010 eintreffen. Schreiben Sie in gutem Englisch oder auf Deutsch.
Amnesty fordert:
SCHREIBEN SIE BITTE WEITERE E-MAILS, FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE
-
Begrüßen Sie die Entscheidung des Gouverneurs, die Hinrichtung von Richard Smith aufzuschieben, um über das Gnadengesuch entscheiden zu können.
-
Zeigen Sie sich besorgt darüber, dass die Geschworenen, die über das Schicksal des jungen Richard Smith entschieden und ihn zum Tode verurteilt haben, weder Informationen über seine von Vernachlässigung und von Missbrauch geprägte Kindheit hatten, noch von seiner psychischen Beeinträchtigung wussten.
-
Erinnern Sie den Gouverneur daran, dass sechs der damaligen Geschworenen eidesstattliche Erklärungen unterzeichnet haben, in denen sie eine Begnadigung von Richard Smith befürworten.
- Fordern Sie den Gouverneur auf, das Todesurteil gegen Richard Smith umzuwandeln.
PLEASE WRITE IMMEDIATELY
-
Welcoming the Governor’s decision to stay Richard Smith’s execution in order to consider the case for clemency;
-
Noting that the jurors who sentenced Richard Smith to death had no information about the background of neglect, abuse and mental impairment of the young defendant whose fate was in their hands;
-
Noting that six of the trial jurors have since the trial signed affidavits indicating their support for clemency;
- Calling on the Governor to commute Richard Smith’s death sentence.
Sachlage
Im Mai 1987 wurde der heute 47-jährige Richard Smith des Mordes an John Cederlund für schuldig befunden. Sein Verteidiger hatte während der Phase des Gerichtsverfahrens, in dem über das Strafmaß entschieden wird, kaum Gegenbeweise und auch kein Sachverständigengutachten präsentiert, um eine Verhängung der Todesstrafe gegen seinen Mandanten zu verhindern. Ein Bundesbezirksgericht bezeichnete die vorgelegten Beweise im Jahr 2005 als "erschütternd", da sie unzulänglich gewesen seien, die menschlichen Hintergründe des Falles nicht beachtet und das Verhalten von Richard Smith nicht erklärt hätten.
Der für das Berufungsverfahren im Jahr 1992 beauftragte Psychologe sowie ein Neuropharmakologe attestierten, dass Richard Smith im Laufe seiner Kindheit und Jugend systematisch vernachlässigt und misshandelt worden und in seiner geistigen Entwicklung zurückgeblieben war. Im Jahr 2008 stellte das Berufungsgericht des 10. Bezirks (10th Circuit of Appeals) fest, dass der Anwalt seine Suche nach Strafmilderungsgründen "erst sieben bis zehn Tage vor der Strafmaßfestsetzung" begonnen hatte. Das Berufungsgericht erklärte, dass rückwirkend betrachtet wesentlich mehr vor Gericht hätte dargelegt und berücksichtigt werden müssen: der Missbrauch in seiner Kindheit, die Drogenabhängigkeit, psychologische Probleme, eine Gehirnfunktionsstörung und eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Dennoch hielten sowohl das Bundesbezirksgericht als auch das Berufungsgericht des 10. Bezirks das Todesurteil aufrecht.
Weniger als acht Monate nach Abschluss des Verfahrens verabschiedete der US-Bundesstaat Oklahoma ein Gesetz, das eine lebenslange Haftstrafe ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Haftentlassung auf Bewährung vorsieht. Sechs Geschworene des Gerichtverfahrens gegen Richard Smith erklärten, dass sie nicht für die Todesstrafe plädiert hätten, wenn es die Option der lebenslangen Gefängnisstrafe ohne Möglichkeit der vorzeitigen Haftentlassung gegeben hätte. Sie betonten, dass sie einer entsprechenden Umwandlung der Todesstrafe zustimmen würden.
Am 25. März 2010 empfahl der Begnadigungsausschuss dem Gouverneur von Oklahoma, Brad Henry, mit drei zu zwei Stimmen, das gegen Richard Smith verhängte Todesurteil in eine lebenslange Freiheitsstrafe ohne die Möglichkeit, sie zur Bewährung auszusetzen, umzuwandeln. Ein jüngerer Bruder des Opfers, Donald Cederlund, war bei der Anhörung erschienen und hatte um Begnadigung für Richard Smith gebeten. Auch ein junger Pastor, Gründer des Programms TASK (Teaching and Saving Kids – Kinder lehren und schützen), hatte um seine Begnadigung ersucht. TASK versucht, junge Menschen von Drogen, Banden und Kriminalität fernzuhalten.
Richard Smith hatte TASK bei seinem weiteren Ziel, Gewalt in Strafvollzugsanstalten Oklahomas durch Konfliktlösungen zu reduzieren, unterstützt.
Gouverneur Henry hat die Hinrichtung von Richard Smith bis zum 4. Mai aufgeschoben, um die Empfehlungen des Begnadigungsausschusses sorgfältig prüfen zu können. Am 15. April wird er sich nacheinander mit Anwälten treffen, die den Inhaftierten unterstützen bzw. seine Hinrichtung befürworten. Der Gouverneur hat kein Datum für seine Entscheidung bekannt gegeben.
Hintergrundinformation
Laut eines psychologischen und eines neuropharmakologischen Gutachtens, die während des Rechtsmittelverfahrens eingeholt wurden, verbrachte der Vater von Richard Smith die ersten acht Lebensjahre seines Sohnes im Gefängnis. Nach seiner Freilassung verwickelte er seinen Sohn regelmäßig in körperliche Auseinandersetzungen und zeigte ihm, wie man Ladendiebstähle begeht, Autos stiehlt und in Häuser einbricht. Die Mutter von Richard Smith heiratete zwar wieder, aber ihr neuer Ehemann war gegenüber seinem Stiefsohn gewalttätig. Als Richard Smith elf oder zwölf Jahre alt war, lief er von zu Hause weg und wurde von den Behörden in ein Jugendheim gebracht. Dort beging er aus Angst, wieder nach Hause geschickt zu werden, einen Selbstmordversuch. Nachdem man ihn wieder nach Hause gebracht hatte, verprügelte ihn sein Stiefvater. In den folgenden zwei Wochen fesselte der Stiefvater ihm jede Nacht vor dem Zubettgehen die Hände und schloss ihn in einen Schrank ein. Mit zwölf Jahren entschied sich Richard Smith, bei seinem leiblichen Vater zu leben. Er fing an, Alkohol und Drogen zu nehmen und war Zeuge, wie sein Vater sich Amphetamine injizierte. In den folgenden Jahren lebte Richard Smith zeitweise bei seiner Mutter, seinem Vater oder anderen Verwandten. Er wohnte in fünf Bundesstaaten und besuchte mehr als ein Dutzend verschiedene Schulen. Mit acht Jahren hatte Richard Smith begonnen, Marihuana zu konsumieren, später schnüffelte er Klebstoff und Benzin. Im Alter von 14 oder 15 Jahren injizierte er sich viermal täglich Methamphetamine und rauchte Marihuana. Zweimal wöchentlich spritzte er sich einen Cocktail aus Kokain und Methamphetaminen und trank Whisky. Mit 17 Jahren begann er, sich Heroin mit Methamphetaminen oder Kokain zu injizieren. Er fing auch an, LSD zu spritzen.
In dem Gutachten, welches nach seiner Verurteilung erstellt wurde, attestierte man Richard Smith chronische Schizophrenie sowie mehrfache Kopfverletzungen. Laut der Psychologin wurde Richard Smith in seiner Jugend vernachlässigt. Seine psychische Erkrankung habe sich aufgrund des Alkohol- und Drogenmissbrauchs verschlimmert. Sie kam zu dem Schluss, dass seine Fähigkeit, das Unrecht seiner Handlung einzusehen, zum Tatzeitpunkt vermutlich stark beeinträchtigt war. Der Richter eines Bundesbezirksgerichts, der 2005 über den Fall entschied, stellte fest, dass es "nach heutigem Standard objektiv unvernünftig" war, dass der Verteidiger von Richard Smith "keine finanzielle Unterstützung zur bzw. die Bestellung eines Psychiaters, der ihm während des Verfahrens zur Seite stehen konnte, beantragte". Dennoch hielt der Richter die Todesstrafe aufrecht, da das Verhalten des Rechtsanwalts aufgrund der anderen Rechtslage zum damaligen Zeitpunkt nicht "unprofessionell" gewesen sei.
Drei der Geschworenen des damaligen Verfahrens gaben an, dass sie nicht für die Todesstrafe plädiert hätten, wenn es die Option der lebenslangen Gefängnisstrafe ohne Möglichkeit der vorzeitigen Haftentlassung gegeben hätte. Ein Weiterer sagte, dass dies eine "angemessene Strafe" in dem Fall gewesen wäre. Zwei Geschworene erklärten, dass sie einer Umwandlung des Todesurteils in eine lebenslangen Freiheitsstrafe ohne vorzeitige Haftentlassung nicht widersprechen würden. Zwei der sechs Geschworenen erinnern sich, dass sie von der Verteidigung in dem Verfahren "unbeeindruckt" gewesen seien, einer von ihnen bezog sich dabei auf den "bedeutungslosen Fall", den der Verteidiger dargestellt habe. Ein anderer Geschworener erinnert sich an seinen Eindruck, dass die zwei Hauptzeuginnen Komplizinnen von Richard Smith gewesen seien und dass es "kein klarer Fall war, in dem die Schuld von Richard Smith zweifelsfrei festgestanden hat". Eine Geschworene berief sich auf "all die neuen Berichte über Fehlurteile" und sagte, sie habe nun "ernsthafte Bedenken gegen die Hinrichtung von Herrn Smith", der weder einer "der Schlimmsten" unter den Schwerverbrechern sei noch eines "der schlimmsten Schwerverbrechen" begangen habe, für die die Todesstrafe in den USA vorgesehen ist.
Amnesty International lehnt die Todesstrafe ab, in jedem Fall und jedem Land. Seit der Wiederaufnahme von Hinrichtungen im Jahr 1977 sind in den USA 1200 Todesurteile vollstreckt worden, 92 davon in Oklahoma. Gemessen an der Einwohnerzahl hat Oklahoma die höchste Hinrichtungsrate der USA. Seit Gouverneur Henry sein Amt am 13. Januar 2003 antrat, hat er – abgesehen von der Empfehlung hinsichtlich Richard Smith – sechs Empfehlungen des Begnadigungsausschusses zugunsten einer Begnadigung erhalten. Bis auf zwei lehnte er alle ab. Seit seinem Amtsantritt haben 37 Hinrichtungen in Oklahoma stattgefunden. In diesem Jahr wurden in den USA zwölf Hinrichtungen vollzogen, eine davon in Oklahoma.