Türkei: LGBTI-Aktivist*innen freilassen!

Das Foto zeigt einen jungen Mann und eine junge Frau in einer schmalen Straße. Sie tragen Amnesty-T-Shirts und halten die Intersex-Inclusive-Pride-Flagge vor sich, auf dem steht "Resist with pride". Sie halten außerdem kleine Plakate in der Hand. Auf dem des Mannes steht: "Turkiye, stop the crackdown on LGTBIQ+ rights".

Seit dem 12. September gehen die türkischen Behörden gegen lesbische, schwule, bisexuelle, trans und intergeschlechtliche Menschen vor, die auch als LGBTI+ bezeichnet werden. Auch Organisationen und Aktivist*innen, die sich für die Rechte von LGBTI+ einsetzen, sind von diesem Vorgehen betroffen. Die Polizei nahm Dutzende Menschen fest.

Setzt euch ein für die türkischen LGBTI-Aktivist*innen!

Bereits bei "Mein Amnesty" registriert? Dann bitte hier anmelden.
Meine Profildaten (Vorname, erster Buchstabe des Nachnamens) dürfen bei Aktionsteilnahme angezeigt werden.

Ja, ich will mich für die Menschenrechte einsetzen und stimme zu, dass die Initialen meines Vornamens und Nachnamens bei Aktionsteilnahme an den Adressaten übermittelt und diesem angezeigt werden. Ich bin mir bewusst, dass in Drittstaaten oft kein mit dem europäischen Datenschutz vergleichbarer Schutz meiner personenbezogenen Daten gegeben ist und dass mit der Offenlegung ggf. Rückschlüsse auf meine politische Meinung möglich sind. Meine Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen, jedoch nur mit Wirkung für die Zukunft. Weitere Hinweise in unseren Datenschutzhinweisen.

Hinweis: Vielen Dank für deine Unterstützung. Deine Kontaktdaten (E-Mail-Adresse, Anschrift und optional Telefonnummer) verwenden wir auch, um dir aktuelle Informationen über Menschenrechte und unsere Arbeit sowie die unserer Netzwerkpartner zuzuschicken, Veranstaltungen anzukündigen und zur Teilnahme an Aktionen, Petitionen oder zu Spenden aufzurufen. Du kannst dich jederzeit kostenlos und einfach von unseren Newslettern abmelden. Klicke dazu einfach auf den Abmeldelink in den Nachrichten (E-Mail oder WhatsApp), oder schreibe uns an info@amnesty.de. Mehr Informationen findest du in unseren Datenschutzhinweisen.

Dein Appell

In welcher Sprache möchtet du den Brief verschicken? Bitte auswählen

Sehr geehrter Herr Generalstaatsanwalt Aykut Çelik,

seit dem 12. September 2026 gehen die türkischen Behörden mit Polizeirazzien gegen LGBTI-Aktivist*innen vor. Mindestens 23 Aktivist*innen sitzen seitdem in Untersuchungshaft, darunter auch die Mitglieder der größten türkischen LGBTI-Organisation KAOS GL Janset Kalan, Nedime Erdoğan, Umut Derin, Selin Berghan sowie die Journalistin Tuğba Tekerek. Die fünf Festgenommenen wurden verhört und zur Untersuchungshaft in das Sincan-Gefängnis in Ankara gebracht. Ihnen wird "Obszönität" und "Verstoß gegen das Vereinsgesetz" vorgeworfen. Ihre Inhaftierung ist jedoch willkürlich und diskriminierend. Zudem gibt es Berichte über Gewalt und schlechte Bedingungen in der Untersuchungshaft. 

Ich bitte Sie, die Anklagen gegen die Menschenrechtsverteidiger*innen und die Journalistin fallenzulassen und diese sofort freizulassen. Sorgen Sie dafür, dass ihre Haftbedingungen bis zu ihrer Freilassung internationalen Standards entsprechen und alle Misshandlungsvorwürfe wirksam untersucht werden.

Sorgen Sie bitte auch dafür, dass ihre Rechte auf Meinungs- und Vereinigungsfreiheit umfassend geschützt werden, in Übereinstimmung mit den menschenrechtlichen Verpflichtungen der Türkei. 

Außerdem müssen alle anderen Personen freigelassen werden, die nur aufgrund ihrer Identität festgenommen wurden oder weil sie ihre Rechte wahrgenommen haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dear Chief Public Prosecutor,

I am writing to express my serious concern regarding the pretrial detention of at least 23 LGBTI rights defenders, including board and oversight committee members from Türkiye’s foremost LGBTI rights organization KAOS GL, Janset Kalan, Nedime Erdoğan, Umut Derin and Selin Berghan as well as journalist Tuğba Tekerek. They were detained in the context of the "My Family is Safe" police operation targeting LGBTI people and organizations, which began on 12 September. They have been deprived of their liberty in connection with their work as board members and, in the case of Tuğba Tekerek, her journalistic work.

The abovementioned human rights defenders and journalist were questioned and remanded in pretrial detention on charges of 'obscenity’ and 'violating the Law on Associations.’ The decision to deprive them of their liberty pending prosecution is arbitrary, punitive and discriminatory. The accusation of obscenity relates to drawings alleged to be present on KAOS GL’s website and to be accessible for children even though the website has been inaccessible in Türkiye since June 2025. The journalist Tuğba Tekerek remains in pretrial detention for allegedly "being responsible for the organisation’s Instagram account," which she is not. In any event, managing or contributing to an LGBTI organization’s social media account is a legitimate exercise of freedom of expression and association and cannot justify deprivation of liberty.

LGBTI rights organizations have reported alleged instances of physical and verbal abuse, degrading strip searches and threats inadequate healthcare and medication, and inadequate food while in pretrial detention, raising serious concerns about the well-being and safety of those detained.

I respectfully urge your office to drop the charges against the human rights defenders and journalist and ensure their immediate release. Pending their release, they must be held in conditions that meet international standards and all allegations of ill-treatment must be effectively investigated. I further urge you to ensure that their rights to freedom of expression and association are fully protected in line with Türkiye’s obligations under international human rights law. I also call for the release of all others detained during the "My Family is Safe" operation solely for exercising their rights or because of who they are.

Yours sincerely,

Du möchtest dein Schreiben lieber per Brief, Fax oder mit deinem eigenen E-Mail-Programm versenden?

Hier kannst du deinen Brief ausdrucken, um ihn per Post oder Fax an die Behörden zu senden, oder ihn direkt über dein eigenes E-Mail-Programm verschicken.

Du hast Probleme beim Ausdrucken des Briefes? Dann klicke bitte hier.

Achtung: Bitte prüfe bei der Deutschen Post ob die Briefzustellung in das Zielland ungehindert möglich ist.

Bitte abschicken bis: 02.04.2027

Appell an

Chief Public Prosecutor
Aykut Çelik
Hacı Bayram Veli Mahallesi
Atatürk Bulvarı No:40 Sıhhiye
06050 Ankara 
TÜRKEI

Sende eine Kopie an

Botschaft der Republik Türkei
S.E. Herrn Gökhan Turan
Tiergartenstr. 19–21
10785 Berlin

Fax: 030-2759 0915
E-Mail: botschaft.berlin@mfa.gov.tr

Amnesty fordert:

  • Ich bitte Sie, die Anklagen gegen die Menschenrechtsverteidiger*innen und die Journalistin fallenzulassen und diese sofort freizulassen. Sorgen Sie dafür, dass ihre Haftbedingungen bis zu ihrer Freilassung internationalen Standards entsprechen und alle Misshandlungsvorwürfe wirksam untersucht werden.
  • Sorgen Sie bitte auch dafür, dass ihre Rechte auf Meinungs- und Vereinigungsfreiheit umfassend geschützt werden, in Übereinstimmung mit den menschenrechtlichen Verpflichtungen der Türkei.
  • Außerdem müssen alle anderen Personen freigelassen werden, die nur aufgrund ihrer Identität festgenommen wurden oder weil sie ihre Rechte wahrgenommen haben.

Sachlage

Mindestens 23 LGBTI-Aktivist*innen befinden sich in Untersuchungshaft. Zu ihnen gehören Mitglieder der größten türkischen LGBTI-Organisation KAOS GL – Janset Kalan, Nedime Erdoğan, Umut Derin und Selin Berghan – und die Journalistin Tuğba Tekerek. Sie wurden wegen ihrer Arbeit festgenommen. Ihre Festnahme erfolgte im Rahmen der Polizeiaktion "Meine Familie ist in Sicherheit".
Die fünf Festgenommenen wurden verhört und zur Untersuchungshaft in das Sincan-Gefängnis in Ankara gebracht. Die Vorwürfe lauten "Obszönität" und "Verstoß gegen das Vereinsgesetz". Diese Untersuchungshaft ist jedoch willkürlich, diskriminierend und dient lediglich als Strafe. Außerdem gibt es Berichte über Gewalt und schlechte Behandlung in der Untersuchungshaft. Häftlinge werden beschimpft, geschlagen und erniedrigend untersucht. Zudem gibt es dort zu wenig Essen und kaum medizinische Hilfe.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Der Vorwurf der "Obszönität" basiert auf Zeichnungen, die angeblich auf der Website der LGBTI-Organisation KAOS GL für Kinder frei zugänglich waren. Das ist jedoch unmöglich: Die Website ist in der Türkei bereits seit Juni 2025 gesperrt. Auch die Beschuldigungen gegen die Journalistin Tuğba Tekerek sind falsch. Ihr wird vorgeworfen, den Instagram-Kanal von KAOS GL zu leiten. Und selbst wenn es so wäre: Die Verwaltung von Social-Media-Kanälen ist durch die Meinungs- und Vereinigungsfreiheit geschützt. Niemand darf dafür ins Gefängnis kommen.
Am 12. September führte die Polizei in den fünf Provinzen Izmir, Aydın, Ankara, Mersin und Istanbul Razzien in Wohnungen und Büros von LGBTI+, darunter von Aktivist*innen und Organisationen, die sich für LGBTI-Rechte einsetzen, sowie in mehreren Vereinsräumlichkeiten durch. Die Razzien, die unter dem Motto "Ailem Güvende" ("Meine Familie ist in Sicherheit") stattfanden, führten zur Festnahme von zahlreichen Personen sowie zur Beschlagnahmung digitaler Dokumente und Geräte. Unter den Festgenommenen befanden sich 44 LGBTI-Aktivist*innen. Die Aktion richtete sich gegen die Gründer*Innen von vier LGBTI-Organisationen und zwei Organisationen, die sich für HIV-infizierte Menschen einsetzen, gegen derzeitige ordentliche und stellvertretende Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrats einer LGBTI-Organisation in Ankara sowie gegen die derzeitigen ordentlichen Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder von zwei LGBTI-Organisationen in Mersin. Darüber hinaus wurden weitere LGBTI+, die meisten von ihnen trans Frauen, sowie weitere Personen ohne Verbindung zu den Organisationen festgenommen.
Dutzende Personen wurden in den Provinzen Aydın, Ankara, Mersin und Istanbul in Untersuchungshaft genommen. Die Mehrheit der in Untersuchungshaft befindlichen Personen sind trans Frauen, denen Prostitution und/oder Straftaten im Zusammenhang mit "Obszönität" vorgeworfen werden. Anderen werden "Obszönität" und Drogendelikte zur Last gelegt. Von den 44 Aktivist*innen, die ursprünglich von der Polizei festgenommen wurden, wurden mindestens 23 LGBTI-Aktivist*innen oder Personen mit Verbindungen zu LGBTI-Vereinigungen in Untersuchungshaft genommen, unter ihnen Gründer*innen und Mitglieder von Aufsichtsgremien, deren Wohnungen durchsucht und deren digitale Geräte beschlagnahmt wurden. Sie wurden unter dem Vorwurf des Verstoßes gegen das Vereinsrecht und der "Obszönität" inhaftiert.
Auch Social-Media-Konten von LGBTI-Organisationen und -Aktivist*innen sowie von Journalist*innen, Menschenrechtsorganisationen und Akteuren, die ihre Solidarität mit LGBTI+ bekunden oder Informationen über die Maßnahmen verbreiten, wurden eingeschränkt: Insgesamt wurde im Rahmen dieser Aktion seit dem 12. September in der Türkei der Zugriff auf mindestens 419 Social-Media-Konten gesperrt. Am 30. September wurde die unabhängige Nachrichtenwebsite T24 in der Türkei per Gerichtsbeschluss gesperrt. In der Begründung hieß es, dass "im letzten Jahr 118 Presseartikel zu LGBTI+ veröffentlicht wurden", was angeblich "LGBTI-Propaganda" darstelle – aktuell kein anerkannter Straftatbestand in der Türkei. Gleichzeitig wurde auch das Recht auf friedliche Versammlung der Personen, die gegen diese Welle der Schikanen protestierten, ungerechtfertigt eingeschränkt: Insgesamt wurden 125 Demonstrierende in Ankara, Istanbul und Izmir festgenommen. Sie wurden später wieder freigelassen.
Am 14. September erließ das Justizministerium ein Rundschreiben, in dem 175 Staatsanwält*innen in allen 81 Provinzen der Türkei angewiesen wurden, Ermittlungen zu Anzeigen im Rahmen dieser Aktion vorrangig zu behandeln. Dabei sollten sie sich auf das Prinzip der "öffentlichen Moral" stützen und ausdrücklich auf Aktivitäten Bezug nehmen, die, wie es heißt, die "Geschlechtslosigkeit" bei Kindern und Jugendlichen fördern.

In den vergangenen zwei Jahren sickerten drei Gesetzesvorhaben durch, die, wären sie verabschiedet worden, jeglichen Ausdruck von LGBTI-Identitäten einschließlich einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen sowie den Zugang zu einer lebenswichtigen geschlechtsangleichenden medizinischen Versorgung unter Strafe gestellt hätten. In den bekanntgewordenen Gesetzentwürfen waren unter anderem Freiheitsstrafen auf der Grundlage von Geschlechterstereotypen, dem persönlichen Auftreten und der jeweiligen Partnerwahl sowie die Kriminalisierung jeglicher positiver Diskussion über LGBTI-Themen unter dem Vorwurf der "Anstiftung, Förderung oder Verherrlichung" von LGBTI+ vorgesehen. Angesichts des umfassenden Widerstands in der Türkei wurden die Gesetzentwürfe jedoch nicht eingebracht. Das harte Vorgehen der Behörden seit dem 12. September stellt eine äußerst besorgniserregende Eskalation der Angriffe auf die Rechte und Freiheiten von LGBTI+ sowie der Kriminalisierung von Personen dar, die sich in der Türkei für LGBTI+ einsetzen.