Gesetzesänderungen bedrohen Rechte

Diese Urgent Action ist beendet.

Am 8. Dezember verabschiedete das polnische Parlament zwei Gesetzentwürfe, um die Kontrolle der Justiz durch die Regierung auszuweiten. Die Gesetze bedrohen die Unabhängigkeit der Justiz, die Rechtsstaatlichkeit und die Gewährleistung der Menschenrechte. Am 20. Dezember setzte Präsident Andrzej Duda die Gesetze durch seine Unterschrift in Kraft.

Eine Menschenmenge, die Kerzen hochhält und rot-weiße Flaggen schwenkt

Trotz vieler Proteste, wie hier im Juli 2017 in Warschau, hat der polnische Präsident das Justizgesetz unterzeichnet

Am 22. November wurden dem polnischen Parlament Vorschläge zur Ausweitung der Kontrolle der Regierung über die polnische Justiz vorgelegt. Die Abstimmung über diese Gesetzesänderungen wird bereits in den nächsten Tagen erwartet. Eine Billigung der Änderungen durch das Parlament würde das Recht auf einen wirksamen Rechtsbehelf und das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren in Polen stark einschränken.

Setz dich für die Rechte auf wirksamen Rechtsbehelf und faire Gerichtsverfahren ein!

Appell an

Sejmkanzlei

Kancelaria Sejmu

ul. Wiejska 4/6/8

00-902 Warsaw

POLEN

Sende eine Kopie an

Botschaft der Republik Polen

S. E. Herrn Andrzej Przylebski

Lassenstr. 19-21


14193 Berlin

Fax: 030 – 2231 3155

E-Mail: berlin.amb.sekretariat@msz.gov.pl

Amnesty fordert:

An die Abgeordneten:

  • Bitte stimmen Sie gegen die vorgeschlagenen Änderungen an den Gesetzen über den Nationalen Justizrat und den Obersten Gerichtshof.

An den Präsidenten:

  • Bitte lehnen Sie es ab, Änderungen der Gesetze über den Nationalen Justizrat und den Obersten Gerichtshof zu unterzeichnen, welche die Unabhängigkeit der Justiz bedrohen und das Recht auf einen wirksamen Rechtsbehelf sowie auf ein faires Gerichtsverfahren einschränken.

Sachlage

Der Sejm, die zweite Kammer des polnischen Parlaments, debattiert derzeit über Änderungen an den Gesetzen über den Nationalen Justizrat und den Obersten Gerichtshof. Die vorliegenden Änderungsvorschläge würden es dem Parlament ermöglichen, Richter_innen für den bislang unabhängigen Nationalen Justizrat zu benennen sowie das Pensionsalter von Richter_innen des Obersten Gerichtshofs von 70 auf 65 Jahre herabzusetzen und damit 40% der derzeitigen Richter_innen in den Ruhestand zu versetzen. Wer dennoch die Arbeit als Richter_in am Obersten Gerichtshofs fortsetzen wollen würde, unterläge einer Überprüfung durch den Präsidenten.

Beide Gesetzesänderungen werden derzeit im Parlament diskutiert. Wenn die zweite Kammer, der Sejm, die Änderungen verabschiedet, werden sie der ersten Kammer, dem Senat, zur Abstimmung vorgelegt. Der Präsident kann gegen jeden vom Parlament angenommenen Vorschlag sein Veto einlegen.

Am 24. Juli legte der Präsident bereits ein Veto gegen zwei von drei Gesetzesänderungen ein, die die Unabhängigkeit der Justiz bedroht hätten. Seinem Veto waren große landesweite Demonstrationen gegen die vorgeschlagenen Änderungen vorausgegangen. Der Präsident setzte daraufhin eine neue Fassung der beiden von ihm abgelehnten Gesetzesänderungen auf und legte sie am 26. September dem Parlament zur Abstimmung vor.

Diese Neufassungen des polnischen Präsidenten bedeuten ihrerseits eine Einschränkung der Rechte auf einen wirksamen Rechtsbehelf und ein faires Gerichtsverfahren, welche in Artikel 45 der polnischen Verfassung, in den Artikeln 6 und 13 der Europäischen Menschenrechtskonvention sowie den Artikeln 2(3) und 14 des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte verbrieft sind. Diese Gesetzesänderungen verstoßen darüber hinaus gegen Artikel 47 der EU-Grundrechtecharta.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Zwischen Mai und Juli 2017 verabschiedete das polnische Parlament vier Gesetze zur "Reformierung" der Justiz. Die Reformen stießen in der Öffentlichkeit, bei zwischenstaatlichen Organisationen und bei NGOs auf großen Protest, da diese die Unabhängigkeit der Justiz und Rechtsstaatlichkeit in Polen durch sie gefährdet sahen. Einige der vorgeschlagenen Änderungen hätten dem Justizminister Kontrolle über den Obersten Gerichtshof gegeben sowie über die Einstellung und Entlassung von Richter_innen, und sie hätten eine Einschränkung der Unabhängigkeit des Nationalen Justizrats befürchten lassen. Am 24. Juli legte der Präsident ein Veto gegen die Änderungen der Gesetze über den Nationalen Justizrat und den Obersten Gerichtshof ein.

Weiter auf Englisch: The veto was, at least in part, prompted by large protests against the proposals when thousands of people took to the streets in over 50 cities around Poland. The heavy-handed state response to these protests, especially in the area around Parliament and at the Presidential Palace, inhibited the demonstrators’ ability to protest effectively. Dozens of protesters are now facing criminal prosecution for their involvement in the protests. The prospect of a fair trial for these activists is at serious risk if the judiciary is put under political control.

On 25 July, despite his two vetoes, the President signed one amendment, which concerns the Law on Common Courts. The amendment entered into force in August. The amended Law extends the powers of the Ministers of Justice to replace the presidents and vice-presidents of the common courts, and introduces different retirement ages for male and female judges. Since August, the Minister has replaced over 40 presidents of the courts which raises concerns over the political motives behind the changes in the judiciary. In response, the European Commission opened infringement proceedings against Poland for breaching EU Law.

The redrafted amendment of the Law on the National Council of the Judiciary (NCJ), submitted to parliament by the President, gives the parliament the power to choose the majority of the judges sitting on the NCJ which is the constitutional body safeguarding the independence of courts and judges. This proposal breaches the Constitution of Poland, which requires the separation of powers responsible for choosing the members of the NCJ. The members should be elected by representatives of the judicial rather than legislative power. Under the current regulation, 15 judges are elected by the self-governing bodies of the judiciary; four judges are members of the lower chamber of the parliament (Sejm), and two are members of the Senate. The President’s proposal further envisages a termination of the tenure of the current members of the NCJ after the new members are elected by the parliament. This termination could be executed approximately 30 days after the amendment enters into force.

The second draft amendment on the Law on the Supreme Court decreases the retirement age of Supreme Court judges from the current age of 70 to 65. Those who would want to stay in the position after reaching the retirement age, would have to be vetted by the President. Furthermore, the draft effectively terminates the tenure of the current President of the Supreme Court. Should she want to stay in the office, she would need to seek an approval of the President. This increase in powers of the President over the Supreme Court amounts to a direct political interference with the judiciary. Another source of concern is the introduction of the concept of "extraordinary complaint" which permits the Supreme Court to open and potentially quash decisions of all common courts that became final in the past five years.