China: inhaftierter Künstler muss vor Gericht
Der bekannte chinesische Künstler Gao Zhen (undatiertes Foto)
© privat
+++ Update 21. Oktober 2025: Ghao Zhen ist Berichten zufolge im September in der Zelle zusammengebrochen. Ein Arzt im Gefängnis befürchtet, dass sich seine Blutgefäße verhärtet haben und ihm ein Schlaganfall drohen könnte. Dennoch liegt er mit 14 Mithäftlingen in einer kaum 40qm großen Zelle. Bitte setzt euch jetzt verstärkt für seine Freilassung ein. +++
Der in den USA ansässige chinesische Künstler Gao Zhen wurde im August 2024 während eines China-Aufenthalts wegen "Beleidigung von Helden und Märtyrern" inhaftiert. Nach fast einem Jahr Haft ohne Gerichtsverfahren soll sein Prozess nun für Mitte August 2025 anberaumt worden sein. Auch für seine Frau und sein Kind, die mit ihm nach China gereist sind, gilt seit der Festnahme von Gao Zhen de facto ein Reiseverbot. Die chinesischen Behörden müssen Gao Zhen unverzüglich und bedingungslos freilassen und alle Beschränkungen für seine Frau und sein Kind aufheben, damit sie das Land frei und sicher verlassen können.
Bitte setzt euch für Gao Zhen ein!
Appell an
Vorsitzender der Kommission für Politische und Juristische Angelegenheiten in der Provinz Hebei
Secretary Ma Xiaojie
Secretary of the Political and Legal Affairs Commission
No. 17 Dingsheng East Street
Sanhe City, Langfang, Hebei Province 065200
VOLKSREPUBLIK CHINA
Sende eine Kopie an
Botschaft der Volksrepublik China
S. E. Herr Hongbo Deng
Märkisches Ufer 54
10179 Berlin
Fax: 030 – 27 58 82 21
E-Mail: presse.botschaftchina@gmail.com oder de@mofcom.gov.cn
Amnesty fordert:
- Bitte sorgen Sie dafür, dass Gao Zhen sofort freigelassen wird.
- Stellen Sie bis zu seiner Freilassung sicher, dass Gao Zhens Recht, mit seiner Familie zu kommunizieren, in vollem Umfang respektiert und geschützt wird und dass er nicht gefoltert oder anderweitig misshandelt wird.
- Stellen Sie bitte alle Schikanierungen und Bedrohungen der Familie ein, und erlauben Sie ihnen, das Land frei und sicher zu verlassen.
Sachlage
Der Künstler Gao Zhen (高兟) wird der "Beleidigung von Chinas Helden und Märtyrern" (侵害英雄烈士名譽榮譽罪) beschuldigt, eine Straftat, die mit bis zu drei Jahren Gefängnis geahndet werden kann. Er befindet sich seit fast einem Jahr ohne Gerichtsverfahren in der Haftanstalt der Stadt Sanhe (Provinz Hebei).
Die Staatsanwaltschaft hat seinen Fall dem Gericht vorgelegt. Die gegen den Künstler erhobenen Anschuldigungen sind jedoch völlig unbegründet; Gao Zhen hat lediglich von seinem Recht auf künstlerische Freiheit und freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht. Der Fall Gao Zhen spiegelt die anhaltende Kriminalisierung der Freiheit der künstlerischen Meinungsäußerung durch vage Anschuldigungen wie "Beleidigung von Chinas Helden und Märtyrern" wider. Die Einschränkung von Meinungsäußerungen mit dem einzigen Ziel, die "Ehre" oder den Ruf von Amtsträger*innen, Institutionen, Symbolen oder Flaggen zu schützen, geht über das hinaus, was nach internationalem Recht zulässig ist.
Das Leben seiner Frau und seines 7-jährigen Kindes ist ebenfalls massiv eingeschränkt. Die Ehefrau von Gao Zhen darf unter dem Vorwand der "nationalen Sicherheit" das Land nicht verlassen, obwohl weder Anklage gegen sie erhoben noch Unterlagen zur Rechtfertigung dieser Maßnahme vorgelegt wurden. Ihr 7-jähriger Sohn, der die US-Staatsbürgerschaft besitzt, hat zwar das Recht, das Land zu verlassen, kann dies aber nicht umsetzen, ohne von seinen Eltern begleitet zu werden. Das de facto bestehende Ausreiseverbot hat ihn ein ganzes Jahr lang vom Besuch seiner Schule in den USA abgehalten.
Dieser Fall ist ein eindeutiges Beispiel dafür, dass die chinesischen Behörden politische Zensur nutzen, um kreative Ausdrucksformen zu unterbinden. Weder Künstler*innen noch sonstige Personen sollten allein wegen ihrer kreativen Arbeit oder der Äußerung persönlicher Ansichten bestraft werden.
Hintergrundinformation
Der 69-jährige Gao Zhen ist ein bekannter Vertreter der zeitgenössischen chinesischen Kunst und einer der beiden "Gao Brothers", einem bekannten Künstlerduo. Am 26. August 2024 wurde Gao Zhen festgenommen, als er sich mit seiner Frau und seinem Sohn in China aufhielt. Etwa 30 Polizist*innen stürmten sein Atelier in Yanjiao, einem Ort in der Stadt Sanhe in der Provinz Hebei. Die Behörden fotografierten seine Kunstwerke, beschlagnahmten mehrere Skulpturen, von denen die meisten vor mehr als zehn Jahren entstanden waren, und versiegelten das Atelier.
Am nächsten Tag wurde Gao Zhens Frau vom Büro für öffentliche Sicherheit der Stadt Sanhe über seine Festnahme informiert. Seitdem wird er in der Haftanstalt von Sanhe unter dem Vorwurf der "Beleidigung von Chinas Helden und Märtyrern" festgehalten. Zuverlässige Quellen berichten, dass dieser Fall bereits von der Staatsanwaltschaft bearbeitet und dem Gericht vorgelegt wurde und der Prozess für Mitte August angesetzt ist.
Die Familie von Gao Zhen hat zwischen Anfang Mai und Ende Juli 2025 keine Post von ihm erhalten. Dies deutet darauf hin, dass sein gesetzlich geschütztes Recht auf Kommunikation mit seiner Familie zu Unrecht eingeschränkt wurde.
Seit den 1980er-Jahren beleuchten die "Gao Brothers" mit satirischem Humor die Gräueltaten der Kulturrevolution und loten dabei immer wieder die Grenzen der Kritik aus. In ihren Werken üben sie scharfe Kritik an der Kulturrevolution und dem damaligen chinesischen Machthaber Mao Zedong und legen das Ausmaß autoritärer Praktiken unter seinem Regime offen. Diese Themen sind im heutigen China nach wie vor äußerst heikel und mit einem Tabu belegt.