Ägypten: Sechs inhaftierte Journalisten gefoltert

Das Foto zeigt ein Pappschild mit Amnesty-Logo und dem Schriftzug "Journalismus ist kein Verbrechen" auf dem Kopftseinpflaster eines Platzes stehend.

Sicherheitskräfte haben sechs Journalisten festgenommen. Nach ihrer Festnahme wurden sie an einem unbekannten Ort festgehalten und man verweigerte ihnen den Kontakt zu ihren Familien. Alle sechs sollen gefoltert und misshandelt worden sein.

Bitte setzt euch für die inhaftierten Journalisten und die Pressefreiheit ein!

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Dein Appell

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Sehr geehrter Herr Staatsanwalt,

ich möchte Sie hiermit auf die Situation der Journalisten Mohamed Ashraf Abu Emeira, Abdallah Qadry, Islam Barakat, Omar Helal, Mohamed Mahmoud und Mohamed Adel aufmerksam machen. Sie arbeiten für die Plattform Matsaadash und wurden am 28. bzw. 29. September 2026 willkürlich festgenommen. Anschließend waren sie mehrere Tage lang dem Verschwindenlassen ausgesetzt. Berichten zufolge wurden sie in dieser Zeit gefoltert und misshandelt, um sie zu belastenden Aussagen zu zwingen. Aktuell befinden sie sich in Untersuchungshaft, die bereits einmal verlängert wurde. 

Bitte lassen Sie alle sechs Journalisten frei und alle Anklagen gegen sie fallen, da diese lediglich auf der Wahrnehmung ihrer Rechte auf freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit beruhen.

Sorgen Sie bis zu ihrer Freilassung dafür, dass sie vor Folter und anderen Misshandlungen geschützt sind. Dazu gehört der Schutz vor Repressionen gegen sie oder ihre Familien, weil sie Misshandlungen gemeldet haben, der regelmäßige Zugang zu ihren Familien, der vertrauliche Kontakt zu ihren Rechtsbeständen sowie die benötigte medizinische Versorgung. Sorgen Sie auch dafür, dass ihre Haftbedingungen internationalen Standards für die Behandlung von Gefangenen entsprechen. 

Leiten Sie bitte unverzüglich eine unabhängige, unparteiische und zielführende Untersuchung der von ihnen erhobenen Folter- und Misshandlungsvorwürfe sowie ihres Verschwindenlassens ein.

Mit freundlichen Grüßen

Dear Counsellor,

I am deeply concerned about the arbitrary detention and reported torture of six journalists working for Matsadaash: Mohamed Ashraf Abu Emeira, Abdallah Qadry, Islam Barakat, Omar Helal, Mohamed Mahmoud and Mohamed Adel. Following their arrests on 28 and 29 September 2026, the journalists were held for five to six days in undisclosed locations, while authorities concealed their whereabouts from their families and lawyers. On 4 October 2026, they were brought to the Supreme State Security Prosecution (SSSP) for interrogations. According to a member of the defence team, during questioning by the SSSP, the six journalists said that National Security Agency (NSA) agents subjected them to torture and other ill-treatment during their detention at NSA premises, including beatings, electric shocks and threats to harm their families. All six were blindfolded, and some were handcuffed with their hands behind their backs, during NSA interrogations. Officers forced them to read out prepared statements incriminating themselves while being filmed. NSA agents also threatened to subject them to further torture if they disclosed the abuse. Their lawyers asked prosecutors to investigate their enforced disappearance and torture, question the officers responsible for their arrest and detention, and refer the journalists to the Forensic Medicine Authority to document their injuries. After interrogating them, the SSSP ordered their detention for 15 days pending investigations. Their pretrial detention was extended by another 15 days on 14 October 2026. 

According to their lawyer, all six face accusations of joining a terrorist group identified as the Muslim Brotherhood, "financing terrorism", using an online account to promote the ideas of a terrorist group, and publishing "false news" and information". The charge of "financing terrorism" is punishable by the death penalty. Prosecutors questioned them about the platform’s staff, editorial decisions and verification methods, as well as their personal histories and political and religious views. During questioning, the journalists explained that their work involved checking information, including information obtained from official sources.

I urge you to immediately and unconditionally release all six journalists and drop all charges against them as they stem solely from the exercise of their right to freedom of expression and media work. Pending their release, ensure their protection from torture and other ill-treatment, including reprisals against them or their families for reporting abuse; grant them regular access to their families, access to their lawyers confidentially and any healthcare they need; and ensure that their detention conditions meet international standards for the treatment of prisoners. Finally, ensure a prompt, independent, impartial and effective investigation into their allegations of torture and other ill-treatment and enforced disappearance. 

Yours sincerely,

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Bitte abschicken bis: 16.04.2027

Appell an

Mohamed Shawky Ayyad
Office of the Public Prosecutor
Madinat al-Rehab
Kairo
ÄGYPTEN

Sende eine Kopie an

Botschaft der Arabischen Republik Ägypten
S. E. Dr. Mohamed Abd El-Sattar Elbadri
Stauffenbergstr. 6-7
10785 Berlin

Fax: 030–477 104 9
E-Mail: embassy@egyptian-embassy.de

Amnesty fordert:

  • Bitte lassen Sie alle sechs Journalisten frei und alle Anklagen gegen sie fallen, da diese lediglich auf der Wahrnehmung ihrer Rechte auf freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit beruhen.
  • Sorgen Sie bis zu ihrer Freilassung dafür, dass sie vor Folter und anderen Misshandlungen geschützt sind. Dazu gehört der Schutz vor Repressionen gegen sie oder ihre Familien, weil sie Misshandlungen gemeldet haben, der regelmäßige Zugang zu ihren Familien, der vertrauliche Kontakt zu ihren Rechtsbeständen sowie die benötigte medizinische Versorgung. Sorgen Sie auch dafür, dass ihre Haftbedingungen internationalen Standards für die Behandlung von Gefangenen entsprechen. 
  • Leiten Sie bitte unverzüglich eine unabhängige, unparteiische und zielführende Untersuchung der von ihnen erhobenen Folter- und Misshandlungsvorwürfe sowie ihres Verschwindenlassens ein.

Sachlage

Sechs Journalisten, die für die Plattform Matsaadash arbeiten, wurden am 28. bzw. 29. September 2026 willkürlich festgenommen. Anschließend waren sie mehrere Tage lang dem Verschwindenlassen ausgesetzt. Berichten zufolge wurden sie in dieser Zeit gefoltert und misshandelt, um sie zu belastenden Aussagen zu zwingen. Aktuell befinden sie sich in Untersuchungshaft, die bereits einmal verlängert wurde. 

Hintergrundinformation

Hintergrund

Am 4. Oktober 2026 wurden die Journalisten von der Staatsanwaltschaft für Staatssicherheit (SSSP) verhört. Nach ihrer Vernehmung ordnete die SSSP eine 15-tägige Untersuchungshaft an. Ihre Untersuchungshaft wurde am 14. Oktober um weiterte 15 Tage verlängert. Der Verteidigung zufolge gaben die sechs Journalisten während der Vernehmung durch die SSSP an, dass Angehörige des Nationalen Geheimdiensts (NSA) sie während ihrer Inhaftierung in den Räumlichkeiten der NSA Folter und anderen Misshandlungen ausgesetzt hätten, darunter Schläge, Elektroschocks und Drohungen, ihren Familien Schaden zuzufügen. Allen sechs wurden während der Verhöre durch die NSA die Augen verbunden. Einige wurden hinter dem Rücken Handschellen angelegt. Sicherheitskräfte zwangen sie, vor laufender Kamera vorbereitete Aussagen vorzulesen, die sie selbst belasteten. NSA-Angehörige drohten ihnen zudem mit weiterer Folter, sollten sie über die Misshandlungen sprechen. 

Einem ihrer Rechtsbeistände zufolge wird allen sechs Journalisten vorgeworfen, einer als Muslimbruderschaft identifizierten terroristischen Vereinigung beigetreten zu sein, "Terrorismus finanziert" zu haben, ein Online-Konto zur Verbreitung der Ideen einer terroristischen Vereinigung genutzt zu haben und "Falschnachrichten und -informationen" zu verbreiten. Der Vorwurf der "Terrorismusfinanzierung" kann mit der Todesstrafe geahndet werden. Die Staatsanwaltschaft befragte sie zu den Mitarbeiter*innen der Plattform, zu redaktionellen Entscheidungen und Überprüfungsmethoden sowie zu ihrem persönlichen Werdegang und ihren politischen und religiösen Ansichten. Während der Befragung erklärten die Journalisten, dass ihre Arbeit die Überprüfung von Informationen umfasse, auch die von Informationen aus offiziellen Quellen. 

Matsadaash ist eine unabhängige ägyptische Plattform für Faktenchecks und investigativen Journalismus. Zu ihrer Arbeit gehören die Überprüfung offizieller Stellungnahmen und die Berichterstattung über Themen von öffentlichem Interesse. So hat die Plattform beispielsweise offizielle Angaben zu Flüchtlings- und Migrantenzahlen in Ägypten sowie Regierungserklärungen zu den Ausgaben im Gesundheits- und Bildungswesen einer Faktenprüfung unterzogen. 2023 wurde einer ihrer Redakteur*innen, Karim Asaad, für etwa zwei Tage festgehalten. Grund war die Berichterstattung von Matsadaash über ein Privatflugzeug, das in Sambia nach seiner Ankunft aus Ägypten beschlagnahmt worden war. Die sechs im September 2026 festgenommenen Journalisten bildeten das gesamte im Inland tätige Redaktionsteam der Plattform. 

Sicherheitskräfte nahmen die Journalisten im Rahmen einer Reihe von Razzien fest, die am späten Abend des 28. September 2026 begannen und am 29. September 2026 weitergingen. Mohamed Ashraf Abu Emeira und Abdallah Qadry wurden in ihren Wohnungen im Gouvernement Gizeh, Islam Barakat und Omar Helal in ihren Wohnungen in den Gouvernements Gharbiya bzw. Port Said festgenommen. Die Festnahme von Mohamed Mahmoud und Mohamed Adel erfolgte in Kairo auf der Straße. Bei den Hausdurchsuchungen beschlagnahmten Sicherheitskräfte Telefone und Computer, darunter auch Geräte von Angehörigen, ohne Haftbefehle vorzulegen oder die Familien darüber zu informieren, wohin sie die Journalisten brachten.

Nach Angaben eines Rechtsbeistands forderte die Verteidigung die Staatsanwaltschaft für Staatssicherheit (SSSP) auf, die Schilderungen der Journalisten über Folter und unter Zwang abgegebene Aussagen als formelle Beschwerden zu registrieren und die Umstände ihrer Festnahme und ihres Verschwindenlassens zu untersuchen. Außerdem forderten sie die Staatsanwaltschaft auf, die Journalisten an die Gerichtsmedizin zu überweisen, um ihre Verletzungen zu dokumentieren, und die für die Folter Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Die Staatsanwaltschaft reagierte darauf nicht. 

Am 7. Oktober 2026 veröffentlichte die Staatsanwaltschaft eine Erklärung, in der sie behauptete, Matsadaash habe als der Muslimbruderschaft nahestehendes Medienunternehmen agiert, und führte als Beweise das "Geständnis" eines Journalisten, Banküberweisungen sowie elektronische Kommunikation an. Außerdem hieß es darin, dass bei den sechs Journalisten keine sichtbaren Verletzungen festgestellt worden seien und dass bei den an drei der Betroffenen durchgeführten forensischen Untersuchungen weder Verletzungen noch Anzeichen von Gewalt festgestellt worden seien. Daraufhin erklärte die NGO Egyptian Initiative for Personal Rights (EIPR), deren Rechtsbeistände die Journalisten vertreten, die Staatsanwaltschaft habe rechtmäßige Arbeitsvereinbarungen und routinemäßige redaktionelle Kommunikation als Beweise für kriminelle Aktivitäten vorgelegt. 

Nach jüngsten Informationen befinden sich fünf der Journalisten im Gefängnis Badr 1, während Mohamed Ashraf Abu Emeira in Gefängnis 4 von Madinat al-Aschir min Ramadan festgehalten wird. Amnesty International hat grausame und unmenschliche Haftbedingungen in ägyptischen Gefängnissen dokumentiert, darunter unzureichender Zugang zu medizinischer Versorgung, unzureichende Verpflegung und Trinkwasserversorgung, extreme Hitze im Sommer, Einschränkungen bei Familienbesuchen sowie begrenzte Möglichkeiten, sich außerhalb ihrer Zellen zu bewegen. Im Gefängnis Badr hat Amnesty International zudem eine ständige Videoüberwachung und grelles Neonlicht, erniedrigende Leibesvisitationen sowie Einschränkungen beim Zugang zu Lesestoff und Korrespondenz dokumentiert. Im Juni 2024 traten Dutzende Häftlinge im Gefängnis Badr 1 in den Hungerstreik, um gegen die Haftbedingungen zu protestieren. Die Behörden reagierten mit Strafmaßnahmen, darunter der Verlegung in weit entfernte Gefängnisse und absichtliche Unterbrechungen der Strom- und Wasserversorgung. Seit die Behörden am 30. September 2026 bekannt gaben, die Umsetzung der neuen Strafprozessordnung um ein Jahr zu verschieben, haben Gefangene in ganz Ägypten, auch im Gefängnis Badr 1, Proteste und Streiks organisiert, weil ihre Hoffnung auf eine Freilassung angesichts der kürzeren Untersuchungshaftfristen in der neuen Strafprozessordnung zunichte gemacht wurde.

Die Festnahmen finden vor dem Hintergrund eines anhaltenden scharfen Vorgehens gegen unabhängige Medien in Ägypten statt. Seit 2016 haben die Behörden ihre Kontrolle über die Medien weiter verschärft und Dutzende Journalist*innen und andere Medienschaffende willkürlich festgenommen und inhaftiert, wegen vermeintlicher Terrorismusvorwürfe strafrechtlich verfolgt oder entlassen, nur weil sie kritische Ansichten geäußert haben. Die Sicherheitskräfte haben Razzien bei unabhängigen Online-Medienplattformen durchgeführt und die Behörden Hunderte von Websites gesperrt. Die 2018 verabschiedeten Gesetze zu Medien und Cyberkriminalität erweiterten die Befugnisse der Behörden zur Kontrolle von Medieninhalten, zur Einschränkung der Medienarbeit und zur Verhängung von Freiheitsstrafen für Äußerungen im Internet noch weiter. Zu den willkürlich Inhaftierten gehört auch der Journalist Tawfik Ghanem, der im Mai 2021 im Zusammenhang mit seiner früheren Medienarbeit festgenommen wurde. Er ist im Gefängnis Badr 1 inhaftiert, wo ihm eine angemessene medizinische Versorgung bisher verweigert wird. Nach fast fünf Jahren in Haft wurde er 2026 vor Gericht gestellt. Die Festnahme der sechs Matsadaash-Journalisten löste Solidaritätsproteste aus. So wurde bei einer Sitzblockade vor der ägyptischen Journalistengewerkschaft am 3. Oktober 2026 ihre Freilassung gefordert. Zwei Tage später, am 5. Oktober 2026, wurde die Journalistin Rasha Azab, die an dem Sitzstreik teilgenommen hatte, wegen eines Social-Media-Beitrags verhört, in dem sie das Innenministerium kritisiert hatte. Ihr wurde vorgeworfen, terroristische Handlungen zu fördern. Rasha Azab wurde gegen eine Kaution in Höhe von 10.000 Ägyptischen Pfund (etwa 160 Euro) freigelassen.