Amnesty Journal Afghanistan 31. März 2015

Zweimal davongekommen: Brishnas Geschichte

"Lügner": Mit viel Selbstbewusstsein kämpfte Brishna für die Verurteilung des Lehrers, der sie vergewaltigte

"Lügner": Mit viel Selbstbewusstsein kämpfte Brishna für die Verurteilung des Lehrers, der sie vergewaltigte

Erst wurde Brishna vergewaltigt, dann wollte ihre Familie sie umbringen: Jetzt ist das zehnjährige afghanische Mädchen ­geschützt – so gut es geht.

Von Andreas Koob

Brishna ist zehn Jahre alt, sie ist noch ein Kind. Das sagen auch die Ärzte, die dem Mädchen das Leben gerettet haben. Viel mehr ist über sie nicht zu erfahren – zu ihrem eigenen Schutz. Am 1. Mai 2014 besuchte Brishna eine Koranschule in der Nähe von Kundus. Nach dem Unterricht vergewaltigte ihr Lehrer, ein Mullah, sie in der Moschee. Er misshandelte sie so brutal, dass Brishna in Lebensgefahr schwebte.

Es verging viel Zeit, bis dem vergewaltigten Mädchen ge­holfen wurde. Schließlich sorgte die Frauenrechtsorganisation »Women for Afghan Women« (WAW) dafür, dass sich Ärzte um Brishna kümmerten. Im Krankenhaus ging es ihr bald schon besser, doch wurde zugleich klar, dass ihrer Familie und den Leuten aus dem Dorf ihr gerettetes Leben nicht viel wert ist. Sie wollten sie abholen, um sie zu töten, berichteten Mitarbeiterinnen von WAW der »New York Times«.

Solche »Ehrenmorde« sind nicht selten. Die afghanische Menschenrechtskommission zählte zwischen Januar 2011 und Mai 2013 243 Fälle. Die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher liegen. Diese Form der Selbstjustiz durch Familienangehörige oder Dorfälteste ist bei vermeintlichen Verstößen gegen Traditionen üblich, vor allem bei außerehelichem Geschlechtsverkehr. Sie wird, wenn überhaupt, mit zwei Jahren Haft bestraft.

Dass Brishna brutal vergewaltigt wurde, interessierte ihre Familie nicht. Ihr Leben stand erneut auf dem Spiel und zudem das ihrer Ärztin. Denn sie bekam ebenso wie eine weitere Unterstützerin Morddrohungen. Amnesty richtete Eilappelle an die afghanischen Behörden, um den Bedrohten zu helfen, während Brishna zunächst Schutz in einem Frauenhaus fand.

Der Fall schlug international hohe Wellen: »Bild« griff ihre Geschichte auf und auch die »New York Times«. Hunderttausende Nutzer verbreiteten die Geschichte in den sozialen Netzwerken. Schließlich gab es eine Kehrtwende, die so nicht zu erwarten war: Die männlichen Familienangehörigen versicherten schriftlich, Brishna nichts anzutun. Beim Prozess­termin gegen den Vergewaltiger bestritten sie, jemals »Ehrenmord«-Pläne gehegt zu haben.

Das Mädchen traf vor Gericht erneut auf ihren Vergewaltiger. Er behauptete, sie für 17 gehalten zu haben. Außerdem sei der Sex einvernehmlich gewesen. Für ihn sei der Vorfall nicht gravierender als ein »Ehebruch«. Brishnas Kran­ken­akte spricht eine andere Sprache. In ihr sind die Spuren der Gewalt dokumentiert. Das Mädchen musste für einen chirurgischen Eingriff sogar nach Kabul gebracht werden. Die Ärzte sind sich einig, dass Brishna brachiale Gewalt widerfuhr.

»Lügner«, sagte sie mehrmals, als der Angeklagte sich zu den Tatumständen äußerte. Der Richter verurteilte ihn schließlich zu 20 Jahren Haft. Nur selten geht ein Fall so aus: Meist werden Aussagen wegen Drohungen zurückgezogen. Oder die Täter heiraten ihre Opfer. Das hatte auch Brishnas Vergewaltiger angeboten. Ihr Schicksal ging um die Welt, aber Brishna selbst muss anonym bleiben, nur so ist sie einigermaßen geschützt.

Brishnas Vater blickte seine Tochter vor Gericht nicht an. In die Schule darf sie nach der erlittenen »Schande« nicht mehr. Der Tag der Vergewaltigung wird wohl ihr letzter Schultag gewesen sein.

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