Amnesty Journal Europa und Zentralasien 14. Dezember 2015

Von neuen und alten Leben

Von neuen und alten Leben

Episoden der eigenen Biografie. "Dheepan", gespielt von Antonythasan Jesuthasan, selbst ehemaliger "Befreiungskämpfer".

Europa setzt das Thema Migration auf die Agenda – auch in der Kunst: "Dheepan" handelt von Flüchtlingen aus Sri Lanka. Der Gewinner der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes kommt nun in die Kinos.

Von Jürgen Kiontke

Ich verstehe die Worte, aber ich finde sie nicht lustig.« Sidvadhasan (Antonythasan Jesuthasan) ist Hausmeister in ­einer heruntergekommenen Pariser Vorortsiedlung und Protagonist in Jaques Audiards Spielfilm »Dheepan – Dämonen und Wunder«. Er kann nicht viel anfangen mit den Bemerkungen der anderen Männer im Viertel: »Warum gibt’s in ›Star Trek‹ keine Araber? Weil’s die Zukunft zeigt.« »Das hat nichts mit Sprache zu tun, sondern mit Humor«, findet Yalini (Kalieaswari Srinivasan). »Und du bist nicht lustig.«

Witz ist Geschmacksache und Sidvadhasan hat wenig zu ­lachen. Seine Familie hat er im Bürgerkrieg von Sri Lanka ver­loren. Er selbst kämpfte mit den paramilitärischen »Befreiungs­tigern« (LTTE) für die Unabhängigkeit der Tamilen.

Von einem Flüchtlingscamp aus hat er für sich einen Neu­beginn in Frankreich organisiert. Mit dem Pass eines Toten, Dheepan, und einer Scheinfamilie, bestehend aus »seiner Frau« Yalini und der neunjährigen Illayaal (Claudine Vinasithamby), schafft er es irgendwie nach Europa. Nun macht er, nach vielen anderen Gelegenheitsjobs, den Hauswart. Yalini pflegt den Vater des örtlichen Drogenbosses Brahim (Vincent Rottiers). Was er denn da trage, fragt die Tamilin ihren Auftraggeber und deutet auf Brahims Beine. Es ist eine elektronische Fußfessel – genau genommen sitzt der junge Korse im Gefängnis.

Der Alltag muss ja laufen

Während sich die Erwachsenen auf dem prekären Arbeitsmarkt herumschlagen, macht Scheintochter Illayaal in der Integrationsklasse Karriere. Das Kind sorgt für Normalität. Und so basteln die drei aus ihrer Zufallsbekanntschaft in der Not eine halbwegs echte Familie zusammen – der Alltag muss ja laufen. »Wenn du keine Mutter für mich sein kannst, sei eben eine ­große Schwester«, sagt Illayaal zu Yalini. Hauptsache, es funk­tioniert.

In Rückblenden wird der Zuschauer mit Szenen des vergangenen Krieges konfrontiert. Der Krieg wird Sidvadhasan auch in Paris nicht loslassen. Im Gegenteil, der Film wird sogar in einer Gewaltorgie à la Quentin Tarantino enden. Wer ist stärker? Die Drogenmafia oder der Soldat der »Tamil Tigers«? Regisseur ­Jaques Audiard (»Der Geschmack von Rost und Knochen«, F 2012) hätte gern, dass die Guten gewinnen, vielleicht die große Schwachstelle des Films: Menschen an der Unterkante der Gesellschaft sind nicht dafür bekannt, viele Wahlmöglichkeiten zu haben …

Nichts beschäftigt Europa zurzeit mehr als das Thema Flucht. Wie weise Voraussicht wirkt da die Entscheidung der Jury der Filmfestspiele in Cannes um die Filmbrüder Coen im Mai dieses Jahres, den weltweit wichtigsten Festivalpreis, die Goldene Palme, an einen bizarren Spielfilm zum Thema zu ­vergeben.

Ein verschwiegener Konflikt

Und man hat es in der Tat mit einer detaillierten Milieu­studie zu tun, die einen vergessenen, beziehungsweise verschwiegenen Konflikt aufarbeitet: Der Bürgerkrieg zwischen den Bevölkerungsgruppen der Singhalesen und Tamilen hat ­bislang nicht ins Kino gefunden und kaum in die Nachrichten.

Dabei gab es seit dem Beginn der Auseinandersetzungen in den achtziger Jahren Hunderttausende Flüchtlinge. In den neunziger Jahren flammten die Kämpfe im Norden des Landes wieder auf, ehe es im Jahr 2002 zu einem Waffenstillstand zwischen der Regierung und der LTTE kam. Offiziell im Jahr 2011 beendet, füllt der Krieg im Bericht von Amnesty International zu Sri Lanka auch heute noch viele Seiten – die Stichworte lauten: Regierungskriminalität, Tod in Gewahrsam, Folter, Verschwindenlassen. Diskriminierungen sind an der Tagesordnung. Tamilen werden – vor allem, wenn sie aus dem Norden des Landes kommen – von Sicherheitskräften »wegen Terrorverdachts« schika­niert und festgenommen.

Der rassistischen Hackordnung ausgesetzt

Umgekehrt werden auch den »Befreiungskämpfern« viele Verbrechen zugeschrieben. Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen beschuldigt beide Konfliktparteien schwerer Menschenrechtsverstöße und fordert die Einrichtung eines internationalen Tribunals. Nun sollen immerhin Wahrheitskommissionen gegründet werden.
Audiards Film stellt eine Figur in den Mittelpunkt, die durch Krieg und Gewalt traumatisiert ist, auf deren Vergangenheit nicht einfach ein neues Leben folgen kann. Sei es, dass ehema­lige Kriegskameraden bei Sidvadhasan auftauchen, sei es, dass sich die Konflikte mit der Drogenmafia verstärken. Im ersten Fall bekommt er eine Ohrfeige und die Aufforderung, Waffen zu organisieren. Im zweiten Fall sieht sich Sidvadhasan der rassistischen Hackordnung ausgesetzt (»Du bist tot, Mowgli«).

Audiard versucht, dies in eindrückliche Bilder zu bringen. Sein Held weiß, welche Fähigkeiten zu töten in ihm stecken. Und so zieht er, Hausmeister und Platzwart, der er ist, einfach Linien durch das Quartier wie auf dem Fußballfeld. Ihr kommt so langsam in den Strafraum, scheint er den Kleinkriminellen mitteilen zu wollen.

Täter und Opfer zugleich

Die Protagonisten sind hier Täter und Opfer zugleich. Für die Glaubwürdigkeit seiner Darstellung hat Audiard einen ganz besonderen Charakter für die Hauptrolle gecastet: Antonythasan Jesuthasan trat selbst als Jugendlicher dem tamilischen Widerstand bei. Bis zu seinem 19. Lebensjahr kämpfte er als Kinder­soldat. Dann floh er über Thailand nach Frankreich, wo man ihm politisches Asyl gewährte.

Er schlug sich mit Jobs durch, im Supermarkt, als Koch, in Disneyland, als fliegender Händler und nicht zuletzt als Hausmeister – Stationen des prekären Wirtschaftens, wie man ihnen auch im Film begegnet. Parallel dazu begann er eine Karriere als Schriftsteller und Schauspieler, verfasste Kurzgeschichten, Theaterstücke, Literaturkritiken. Es folgte der Roman »Gorilla«, in dem er sich mit seiner Geschichte auseinandersetzte – es war das erste Mal, dass ein Kämpfer der »Tamil Tigers« über den Krieg schrieb.

Als unechter Dheepan stapft Jesuthasan durch das ungewohnte Paris, er sieht verloren aus in diesem Film. Es sind spröde Bilder in und zwischen düsteren Wohnblocks, die Sonne kommt nur selten heraus. Das Filmmaterial wirkt körnig, die Ausleuchtung ist spärlich – »Dheepan« wirkt fast wie ein Dokumentarfilm. Als stilistisches Element kommt das Bild eines bemalten Elefanten zum Einsatz, es deutet Kontraste an zwischen altem und neuem Elend. Die Dämonen und Wunder, wie der deutsche Filmtitel verheißt, werden in diesem Film jedoch mehr verzeichnet als ausgemalt.

Welche Art Film ist das, dieser erste Spielfilm über den Bürgerkrieg von Sri Lanka? Einer der Darstellungskunst, glaubt der Regisseur: »Mit ihnen fand ich wieder zur ursprünglichen Idee des Projekts zurück: Einen Genrefilm mit ausländischen Schauspielern zu machen und zwar so, dass deren Anderssein in das Genre eintritt.« Ihre innere Entwicklung und die der von ihnen gespielten Figuren seien ausschlaggebend für den Film.

»Dheepan – Dämonen und Wunder«. F 2015. Regie: ­Jacques Audiard, Darsteller: Antonythasan Jesuthasan, ­Kalieaswari Srinivasan. Kinostart: 10. Dezember 2015

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