Amnesty Journal Irak 01. Dezember 2015

Kopiermaschine der Gewalt

Kopiermaschine der Gewalt

Relikte der Flucht. Rettungswesten von Flüchtlingen auf einer Deponie der griechischen Insel Lesbos.

Die Flucht Hunderttausender nach Europa erzwingt den Blick auf die Ursachen: Drei Bücher liefern Hintergründe über den Zerfall Syriens und des Iraks sowie zum Terror des »Islamischen Staats«.

Von Maik Söhler

Syrische Flüchtlinge, die in Ungarn ein Foto von Angela Merkel hochhalten. Irakische Familien, die in Deutschland nach mehr als tausend Kilometern Flucht vorerst zur Ruhe kommen. Die Bilder, die im Herbst und Winter 2015 omnipräsent sind, zeugen nicht nur von einer selten zuvor erlebten Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen, die aus Kriegsgebieten kommen. Sie erzwingen gleichzeitig, sich mit den Ursachen der Flucht zu beschäftigen.

Dabei geraten vor allem die von Kriegen, Bürgerkriegen, ­Terror, Not und Elend geprägten Staaten Syrien und Irak in den Blick – genauer: die längst zerfallenen Staaten Syrien und Irak. Millionen Syrer sind sowohl dem vom Assad-Regime entfachten und vom Iran und Russland unterstützten Krieg entflohen als auch dem Terror des »Islamischen Staats« (IS). Auch in Teilen des Irak wütet der IS, hinzu kommen die Unfähigkeit der Zentralregierung in Bagdad, dem Land Frieden zu bringen, und die tägliche Gewalt bewaffneter Milizen und krimineller Banden im Kampf zwischen Sunniten und Schiiten.

Zwei im Jahr 2015 erschienene Sachbücher und eine Sammlung von Kurzgeschichten geben umfang- und kenntnisreich Auskunft über die Verhältnisse in beiden Ländern, über die Zahl der Toten, den Grad der Zerstörung und die Verzweiflung der Überlebenden. Von »schweren Tagen«, »bedrückend wie das elende Gesicht des Landes« schreibt der in Finnland lebende Exiliraker Hassan Blasim. Und weiter: »Die Kriege und die Gewalt wurden zur endlos arbeitenden Kopiermaschine. Wir alle trugen die gleiche Maske aus Schmerz und Pein. Wir kämpften ums tägliche Brot, beladen mit Traurigkeit und Befürchtungen, die das Bekannte und das Unbekannte schufen.«

Blasim schreibt Kurzgeschichten und Erzählungen. Manche spielen im Irak unter Saddam Hussein. Andere im Irak unter der Verwaltung der US-Armee. Weitere im Irak nach dem Abzug der USA. Einige Protagonisten verlassen den Irak, um in der Türkei oder in der EU ein neues Leben zu beginnen. Allen Erzählungen gemeinsam aber sind Mord und Totschlag, Terror und Folter, Repression und Unterdrückung.

Da ist ein Vater, der seine Töchter vergiftet, um sie »von der Prostitution fernzuhalten«, da sind »zermanschte Körper« im »Höllenfluss von Bagdad«, Schlepper bringen »das menschliche Vieh aus dem Orient auf die Farmen des Abendlands«, »es gibt nur noch Hungrige, Mörder, Analphabeten, Soldaten, Dörfler, Beter, Verirrte und Unterdrückte«. Die Story »Die Jungfrau und der Soldat« beginnt mit den Worten: »Im After der Leiche steckte eine Schnapsflasche, von der rechten Hand waren drei Finger abgeschnitten, und es gab weitere bestialische Verunstaltungen, als ob Wölfe, nicht Menschen am Werk gewesen ­wären.«

Blasims Geschichten sind von einer Brutalität und Finsternis, die selbst die wechselnden Erzähler nur aushalten, indem sie wiederholt ins Surrealistische und in die Komik fliehen. Es ist große Literatur. Der Autor lässt die Trümmer in den Straßen, die jeder sehen kann, außer Acht, und wendet sich den Trümmern im Inneren der Überlebenden zu.

Die Fakten zu Blasims Fiktionen liefert der Islamwissenschaftler Wilfried Buchta, der zwischen 2005 und 2011 für die UNO-Mission im Irak arbeitete. »Terror vor Europas Toren« heißt sein Buch über den IS, den Irak und die internationale Nah­ost­politik der vergangenen Jahrzehnte. Der Titel ist reißerisch, das Buch selbst ist es zum Glück nicht. Im Gegenteil: Buchta analysiert den Aufstieg des IS und behält dabei Geschichte und Gegenwart, nationale und internationale Akteure, materielle und ideelle Quellen sowie Kontinuitäten und Widersprüche im Blick.

Die mangelnde Integration der sunnitischen Minderheit in den irakischen Staat nach dem Sturz Saddam Husseins und des Baath-Regimes wird als eine Ursache für den Erfolg des IS benannt, andere Gründe liegen in den Geheimgefängnissen von CIA und US-Armee, in denen Baathisten auf islamistische Terrorverdächtige trafen, im Religionskrieg zwischen Schiiten und Sunniten, im Zerfall eines Staats, der weder seine Grenzen noch seine Waffenarsenale schützen kann, in der omnipräsenten Gewalt, in der staatsähnlichen IS-Struktur und in den »tiefen politischen, religiösen und wirtschaftlichen Verwerfungen, die bereits während Saddam Husseins Herrschaft existierten«.

»Die amerikanische Invasion von 2003 ist ein Lehrstück dafür, dass Interventionen ausländischer Akteure keine funktionierenden Staaten hervorbringen können«, schreibt Buchta und skizziert präzise das gegenwärtige irakische System des politischen Klientelismus. Anders als in den Kurdengebieten basiert Loyalität in Bagdad fast ausschließlich auf Korruption. Fast 100 Jahre – von den kolonialistischen Grenzziehungen bis heute – deckt Buchta ab. 100 Jahre, an deren Ende Gotteskrieger mit mittelalterlichen Vorstellungen nach der Zukunft des Landes greifen.

Das ist auch in Syrien nicht anders – und doch unterscheiden sich die Voraussetzungen im Vergleich zum Irak deutlich, wie Daniel Gerlach analysiert. Er leitet die deutsche Nahost-Expertengruppe »Zenith-Council«. Sein Buch »Herrschaft über Syrien« befasst sich hauptsächlich mit den Akteuren des Krieges und ihren unterschiedlichen Interessen. Das betrifft die Bündnispartner Assads – Russland, Iran und die libanesische Hisbollah – und die Sunniten, Schiiten, Alawiten, Drusen und Christen, die teils mit und teils gegen Assad kämpfen.

Die Hinwendung zu den Akteuren bietet den Vorteil, die Komplexität der Machtverhältnisse in Syrien abzubilden. Militärische Netzwerke und auf Korruption beruhende politökonomische Seilschaften werden dabei ebenso sichtbar wie die strategische Anpassungsfähigkeit der syrischen Herrschenden. Gerlach schreibt: »Das Regime hält sich die Option offen, ob es als Regierung handeln möchte oder ob andere Gewänder zweckdienlicher sind. Es kann wahlweise als völkische Bewegung, als Militärkomplex, als konspirative, kriminelle Vereinigung oder auch als Terrorgruppe operieren.«

Die Schwäche des Buches liegt darin, dass es immer wieder sehr kleinteilig wird und dass sich viele Behauptungen kaum überprüfen lassen; zu oft kommen unbekannte Zeitzeugen zu Wort, zu selten werden Anmerkungen ausgewiesen, die eine Überprüfung ermöglichen. Dennoch macht Gerlach überzeugend klar, dass das Assad-Regime derzeit alle möglichen Wege zum Frieden versperrt. Damit aber bleibt – neben dem Terror des IS – eine der Hauptursachen der Flucht von Syrern und Irakern nach Europa bestehen.

Hassan Blasim: Der Verrückte vom Freiheitsplatz. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Kunstmann, München 2015. 256 Seiten, 19,95 Euro.
Wilfried Buchta: Terror vor Europas Toren. Der Islamische Staat, Iraks Zerfall und Amerikas Ohnmacht. Campus, Frankfurt/New York 2015. 413 Seiten, 22,90 Euro.
Daniel Gerlach: Herrschaft über Syrien. Macht und Manipulation unter Assad. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2015. 392 Seiten, 17 Euro.

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