Amnesty Journal Nigeria 26. Januar 2015

Multiple Weltidentitäten

Der Liebesroman »Americanah« der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie erzählt von den vielfältigen Formen des Rassismus.

Von Maik Söhler

Wenn wir der Kritik glauben dürfen, dann ist Chimamanda Ngozi Adichies Bestseller »Americanah« die Literatur gewordene humane Antwort auf den Prozess der Globalisierung. Das ist wahr und falsch zugleich.

Wahr, denn das Buch, gefeiert als »globaler Roman« (»Die Welt«) und »Weltroman« (»Die Zeit«), stellt tatsächlich den ­Versuch dar, Kontinente episch zu verbinden und zwar auf der Grundlage von Diskriminierungserfahrungen. Falsch, denn die humane Antwort, die Adichie in einer wunderbar einfachen Sprache gibt, ist eine, die sich bei Weitem nicht jeder leisten kann.

Adichie schreibt eine Mittelschichtsgeschichte. Ihre Haupt­figur Ifemelu hat in Nigeria ein US-Stipendium bekommen, erfährt rasch die ökonomischen und sozialen Härten des Lebens in den USA, studiert dann doch in Princeton und notiert ihre ­Beobachtungen über den Alltagsrassismus in einem Weblog, das schnell so erfolgreich wird, dass sie damit ein gutes Auskommen findet. Sie lebt weitgehend sorgenfrei im liberal-aka­demischen Milieu, Freunde und Lebenspartner kommen und gehen, und doch fehlt ihr etwas. Ifemelu kehrt schließlich nach Nigeria zurück, um dort ihr Glück zu finden und eine alte Liebe wiederzubeleben.

Von Anfang an geht es in »Americanah« um Haare. Sie sind ein Platzhalter für das komplexe Thema Migration und Rassismus. Denn auch im Friseursalon entscheidet sich, wie in ­Migrationsgesellschaften Anpassung und Abweichung, Assi­milation und Segregation, Überidentifikation und Ghettoisierung verhandelt werden. Ein ungezügelter Afro steht für schwarzes Selbstbewusstsein, eine mit der Brennschere und Chemikalien geglättete Krause zeugt von der Unterwerfung unter das Schönheitsideal einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Dazwischen liegen allerlei Stufen, denen ebenfalls eine bestimmte ­Frisur zukommt.

Diese Differenzierungen zu sehen, zu beschreiben und wirken zu lassen – das ist eine der Stärken des Buches. Ausgrenzung und Rassismus werden in ihrer Vielfalt deutlich. Der Roman dringt mit schlichten Mitteln in analytische Tiefen vor, die sonst politologischen und soziologischen Fachdiskursen vorbehalten sind.

Dabei entsteht nebenbei etwas, das die nordamerikanischen und westeuropäischen Debatten um Migration und Rassismus voranbringen kann. Einwanderung erzeugt plurale Identitäten. Ifemelu, die jahrelang um eine einzige Identität kämpft, wird irgendwann begreifen, dass es genau dieser Kampf ist, der sie unglücklich werden lässt. Sobald sie in der Lage ist, mehrere Identitäten zuzulassen, verbessert sich ihre Lage immens. Ihr Blick auf die USA und auf Nigeria wird ein anderer.

In diesem Sinne ist »Americanah« tatsächlich ein »globaler Roman« bzw. »Weltroman«. Denn um die verschiedenen Formen von Diskriminierung zu verstehen, reicht eine einzelne Identität nicht aus.

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah. Aus dem Englischen von Anette Grube. S. Fischer, Frankfurt/M. 2014. 606 Seiten, 24,99 Euro.

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