Amnesty Journal Deutschland 24. Juli 2014

Hellersdorf ist überall

Luisa Seydel, Franziska Schröder und Stephan Jung von der Bürgerinitiative "Hellersdorf hilft".

Luisa Seydel, Franziska Schröder und Stephan Jung von der Bürgerinitiative "Hellersdorf hilft".

Gegen Ausländer haben die meisten Deutschen nichts, wohl aber etwas gegen ein Asylbewerberheim in ihrer Nähe. In Berlin-Hellersdorf kämpften Anwohner so aggressiv wie nirgends sonst gegen eine geplante Flüchtlingsunterkunft. Doch junge Menschen aus dem Kiez wollten dagegen ein Zeichen setzen.

Von Ramin M. Nowzad

Wer sind wir Deutschen eigentlich? Wie viel Mitmenschlichkeit können und wollen wir uns leisten? Die Asyldebatte hat große Fragen aufgeworfen. Beantwortet werden sie derzeit an den unscheinbarsten Orten. Hellersdorf, eine triste Plattenbausiedlung aus DDR-Zeiten. Hier, am Ostrand von Berlin, endet die Weltstadt und beginnt die Provinz. Das Gebäude in der Carola-Neher-Straße 65 ist ein grauer Betonklotz, der so hoch und hässlich in den Himmel ragt wie die anderen Klötze hier im Kiez. Luisa Seydel kennt den Betonklotz gut. Es ist erst ein paar Jahre her, dass die junge Frau in dem vierstöckigen Gebäudekomplex die Schulbank drückte. Nachdem sie Abitur gemacht hatte, stand der Plattenbau fünf Jahre leer. Dann sollten hier Asylbewerber einziehen – und der Irrsinn begann.

Das ehemalige Max-Reinhardt-Gymnasium ist seither zu einem Symbol geworden. Zu einem Symbol für Ressentiments, Rassismus und rechtsradikale Randale. Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf hatte im vergangenen Jahr beschlossen, in dem verwaisten Schulgebäude eine Notunterkunft für rund 400 Asylbewerber einzurichten. Doch Neo-Nazis demonstrierten gegen das Heim – und viele Anwohner auch. Als die ersten Flüchtlinge im vergangenen Sommer schließlich kamen, wurden sie von Nachbarn mit Hitlergruß und »Ausländer raus!«-Rufen empfangen. Die Neuankömmlinge waren aus ihrer Heimat geflüchtet, um in Deutschland Schutz zu suchen. Nun mussten sie von Polizisten vor den Deutschen geschützt werden. Es waren Szenen, die an Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen erinnerten. »Pogromstimmung in Hellersdorf« titelten die Zeitungen im ganzen Land.

»Wir wollten das so nicht stehen lassen«, sagt Luisa Seydel heute. »Schließlich kannten wir so viele Menschen, die mit den Flüchtlingen solidarisch waren, doch deren Stimmen nicht gehört wurden.« Die 22-Jährige ist lebhaft, freundlich und redegewandt. Ihre Haare – lang, rot und lockig – hat die Studentin keck über die linke Schulter geworfen. Wenn sie lacht, wirkt sie noch jünger, als sie ist. Und Luisa lacht häufig. Sie lacht, wenn sie von den Preisen erzählt, die ihre Bürgerinitiative bereits gewonnen hat. Und sie lacht, wenn sie von den Morddrohungen berichtet, die Neo-Nazis im Internet gegen sie ausgestoßen haben.

»Hellersdorf hilft« – so heißt die Bürgerinitiative, die Luisa gemeinsam mit anderen Aktivisten ins Leben gerufen hat. Rund 20 Personen zählen zum festen Kern. Fast alle sind in dem Bezirk aufgewachsen, doch nicht alle wollen mit ihrem Gesicht und ihrem Namen in die Öffentlichkeit treten. Und das hat seine Gründe. In der Silvesternacht verübten Unbekannte einen Bölleranschlag auf das Jugendzentrum, in dem sich die Gruppe trifft. Scheiben gingen zu Bruch. Ein paar Wochen später wurde das Auto einer Unterstützerin abgefackelt.

Stephan Jung will sich von solchen Einschüchterungsversuchen nicht Bange machen lassen. Der 29-jährige Musiker trägt einen akkurat gestutzten Vollbart, hinter dem sich zarte Gesichtszüge verstecken. Luisa lernte er auf Facebook kennen. Dort vernetzten sie sich im vergangenen Jahr mit anderen jungen Leuten, nachdem in Hellersdorf ausländerfeindliche Flyer in den Briefkästen von Anwohnern gelandet waren. Um der Hetze etwas entgegenzusetzen, stellten sie die Facebook-Seite »Hellersdorf hilft Asylbewerbern« online. Nach nur einem Tag hatte die Webseite mehr als 1.000 Unterstützer. »Auf der Seite haben wir die Menschen über die Flüchtlinge und das Asylrecht aufgeklärt und Vorurteile mit Fakten widerlegt«, sagt Stephan Jung.
Nicht nur in Hellersdorf ist solche Aufklärungsarbeit dringend nötig. Zwar sind die Deutschen immer weniger ausländerfeindlich, Asylbewerber sind jedoch verhasster denn je. Zu diesem Ergebnis kamen jüngst Forscher der Universität Leipzig. Ihrer Studie zufolge äußerten sich 73,5 Prozent der Westdeutschen und 84,7 Prozent der Ostdeutschen abwertend gegenüber Asylsuchenden. Die neue deutsche Willkommenskultur scheint zu lauten: »Fremde sind gern gesehen. Aber bitte keine, die uns auf der Tasche liegen!«

Dabei wächst die Zahl der Asylbewerber in Deutschland drastisch: 109.580 Asylerstanträge waren es laut Bundesinnenministerium im vergangenen Jahr – rund 70 Prozent mehr als im Vorjahr. In diesem Jahr werden 175.000 neue Flüchtlinge erwartet, so viele wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Auch Berlin muss nun deutlich mehr Schutzsuchende aufnehmen. Aber die Stadt hat ein Problem, die Neuankömmlinge unterzubringen. Nicht etwa, weil es nicht genügend leerstehende Gebäude gäbe. Sondern weil in der Stadt niemand Asylbewerber in seiner Nachbarschaft haben möchte.

Berlin gilt als weltoffene Metropole, aber nicht alle Ausländer sind in der Hauptstadt gleich willkommen. Ob in den Plattenbaubezirken des Ostens oder in bessergestellten Stadtteilen des Westens: Fast überall, wo ein Flüchtlingsheim eröffnet werden soll, regt sich Widerstand. In Berlin-Reinickendorf, einem gediegenen Westbezirk, haben Anwohner im vergangenen Jahr per Anwalt durchgesetzt, dass Flüchtlingskinder einen öffentlich zugänglichen Spielplatz nicht mehr betreten dürfen. In anderen Stadtteilen sammeln Bewohner Unterschriften, um Asylbewerber aus ihrem Kiez fernzuhalten.
Doch nirgends in Berlin wurde der Kampf gegen ein Flüchtlingsheim bisher so aggressiv geführt wie in Hellersdorf. Die Gegend ist das, was Politiker und Sozialarbeiter gern als »sozialen Brennpunkt« bezeichnen. In dem Bezirk wachsen fast siebzig Prozent der Kleinkinder in Hartz-IV-Familien auf, der Anteil an Sonderschülern ist doppelt so hoch wie im Rest der Stadt. Ausländerfeindliche Parolen fallen hier auf besonders fruchtbaren Boden. Rund um das Flüchtlingsheim holte die NPD bei der vergangenen Bundestagswahl 10,2 Prozent, ihr bestes Ergebnis in Berlin.

Hellersdorf ist ein Lehrstück dafür, wie es rechtsextremen Scharfmachern gelingen kann, die Ängste von Anwohnern geschickt zu instrumentalisieren. Als im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass der Bezirk eine Flüchtlingsunterkunft eröffnen will, begann die braune Propagandaoffensive: Auf Face­book hetzte eine anonym agierende »Bürgerinitiative« gegen das geplante Heim. Bald tauchten Flugblätter auf, in denen die Hellersdorfer davor gewarnt wurden, dass die Asylbewerber »Müll, Drogenhandel, Zwangsprostitution und schwere Gewaltdelikte« in den Stadtteil bringen würden. Das Bezirksamt suchte den Dialog und lud die aufgebrachten Bewohner zu einer Bürgerversammlung. »Nazis aus ganz Berlin und Brandenburg reisten zu der Versammlung an. Sie gaben sich als Anwohner aus – und die Hellersdorfer sind schön darauf reingefallen«, erzählt Luisa Seydel. »Wer denkt an die Sicherheit unserer Kinder?«, brüllte eine junge Frau ins Mikrofon und erntete tosenden Applaus. »Wer schützt mich, wenn ich im Dunklen zur Arbeit gehe?«, schrie eine andere. Die Veranstaltung endete im Tumult.

Als die ersten Flüchtlinge schließlich im August 2013 das Heim bezogen, herrschte wochenlang Ausnahmezustand in Hellersdorf. »Das Regionalfernsehen berichtete jeden Abend live vom Heim«, erinnert sich Luisa Seydel. »Das hat natürlich immer mehr Schaulustige und Neo-Nazis angezogen.« Alle großen Fernsehsender schickten ihre Kamerateams, ein halbes Dutzend Übertragungswagen belagerte die Unterkunft. Zeitungsreporter klingelten bei Nachbarn Sturm, um sich ausländerfeindliche Parolen in die Notizblöcke diktieren zu lassen. Während sich vor dem Heim rechte und linke Demonstranten gegenseitig beschimpften, blickten immer wieder Flüchtlinge ungläubig aus dem Fenster. Die meisten Heimbewohner sprachen kaum ein Wort Deutsch. Für sie war kaum auszumachen, was da unten passierte.

»Die Flüchtlinge konnten ja gar nicht auseinanderhalten, wer vor dem Heim gegen sie hetzte und wer sie willkommen hieß. Wir haben ihnen daher Willkommensbriefe geschrieben, die wir in sieben Sprachen übersetzen ließen, zum Beispiel ins Persische, Serbokroatische und Paschtu«, erzählt Stephan Jung. »Wir wollten den Flüchtlingen erklären, wie es zu der bedrohlichen Situation vor dem Heim überhaupt kommen konnte. Und wir wollten ihnen versichern, dass es viele Menschen gibt, die sie unterstützen.«
Später sammelten die Aktivisten Sachspenden für das Flüchtlingsheim: Bücher, Bettwäsche, Geschirr, Spielzeug – mehr als 200 Umzugskartons kamen zusammen. »Sogar Fahrräder, Kinderwagen und Fernsehgeräte wurden gespendet«, sagt Stephan Jung. Rund 250 Anwohner bildeten schließlich eine Menschenkette, um die Kartons zur Flüchtlingsunterkunft zu transportieren. In einem der Kartons befanden sich auch Unterschriften von 22.859 Menschen, die sich in einer Online-Petition mit den Flüchtlingen solidarisch erklärt hatten.

Für ihr Engagement wurden Luisa, Stephan und ihre Mitstreiter bereits mit mehreren Preisen für Zivilcourage und Toleranz ausgezeichnet. Mit den Preisgeldern, 6.000 Euro sind es inzwischen, wird die Gruppe demnächst eine Begegnungsstätte in der Nähe des Heims eröffnen. Anwohner und Flüchtlinge sollen dort ins Gespräch kommen können. »Im Kiez hat bereits jetzt ein Umdenken stattgefunden«, stellt Stephan Jung fest. »Viele Anwohner haben realisiert, dass sich ihre Ängste und Vorurteile nicht bewahrheitet haben.«

Hellersdorf – das ist zu einem Symbol geworden. Zu einem Symbol für Ängste, Vorurteile und rassistische Abwehrreflexe. Zu einem Symbol dafür, dass Menschen gegenüber Notleidenden die Faust ballen, statt ihnen die Hand zu reichen. Doch Hellersdorf steht inzwischen auch für etwas anderes: Es ist Symbol dafür, dass die Solidarität mit Schutzsuchenden letztlich doch stärker sein kann als die Furcht vor ihnen. Wer wir Deutschen sind, entscheidet sich an Orten wie Hellersdorf. Und Hellersdorf ist überall.

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