Amnesty Journal Guatemala 28. Januar 2014

"Gebt mir Carlos zurück - oder nehmt mich auch!"

"Er war nicht nur mein Bruder, er war mein Seelenverwandter." Die guatemaltekische Filmemacherin Ana Lucía Cuevas

"Er war nicht nur mein Bruder, er war mein Seelenverwandter." Die guatemaltekische Filmemacherin Ana Lucía Cuevas

Als junge Frau kämpfte Ana Lucía Cuevas in Guatemala ­gegen die Schreckensherrschaft des Militärs. In ihrem ­Dokumentarfilm »The Echo of Pain of the Many« erzählt sie nun von der Tragödie ihrer Familie – in der sich die ­Tragödie ihres Landes spiegelt.

Von Ramin M. Nowzad

Eine Zahl ist eine Zahl. Und die Zahl »300« ist auch nur eine unter anderen. Ana Lucía fiel die Zahl zunächst auch gar nicht auf. Wie gebannt starrte sie auf das Passbild ihres Bruders. Es war das Jahr 1999, seit 15 Jahren hatte sie täglich auf ein Lebenszeichen von Carlos gewartet. Dass sie nun sein Foto in einer vergilbten Geheimakte des Militärs fand, elektrisierte sie. Das Schwarz-Weiß-Bild musste kurz vor seinem Verschwinden aufgenommen worden sein. Carlos sah darauf aus, wie ihn Ana Lucía in Erinnerung hatte: ein junger Mann, Anfang zwanzig, mit schönem, ebenmäßigem Gesicht, der mit wilder Entschlossenheit in die Kamera blickt. Es dauerte eine Weile, bis Ana Lucía bemerkte, dass jemand mit Bleistift das Datum »1. August 1984« und die Zahl »300« neben das Foto gekritzelt hatte. Und plötzlich begriff sie: Ihr Bruder würde nicht mehr zurückkehren.

Den Mördern war bewusst, dass sie Ungeheuerliches taten. Selbst in ihren geheimen Dossiers nannten sie ihre Verbrechen nicht beim Namen, sondern chiffrierten sie mit einer Zahl: »300« stand für Mord. Während des Bürgerkriegs in Guatemala verschleppte das Militär rund 45.000 Oppositionelle. Carlos Cuevas ist einer von ihnen. Wenn die Filmemacherin Ana Lucía Cuevas von ihm spricht, wird ihre sanfte Stimme brüchig. »Carlos war nicht nur mein Bruder«, sagt sie mit einem zaghaften Lächeln. »Er war mein Seelenverwandter.« Die 49-jährige Regisseurin, die heute in Manchester lebt, kämpfte als junge Frau in ihrer Heimat gegen die Militärdiktatur. Als sie im Jahr 1984 um ihr Leben fürchtete, flüchtete sie aus dem Land. Sie wollte auch Carlos zur Flucht überreden. Doch ihr Bruder blieb – und wurde zwei Monate später entführt. In ihrem Dokumentarfilm »The Echo of Pain of the Many« erzählt sie seine Geschichte.

Ihr Film handelt nicht nur von der Tragödie ihrer Familie, sondern auch von der Tragödie ihres Landes. Es war ein brütend heißer Sommertag, der Guatemala ins Verderben stürzte: Am 18. Juni 1954 putschten die USA den demokratisch gewählten Präsidenten aus dem Amt und setzten einen Militärdiktator ein. Für die USA war es nur ein kleiner Schachzug im Kalten Krieg: Ein unliebsamer Staatschef wurde durch eine gefügige Marionette ersetzt. Doch für Guatemala war es der Beginn einer Leidensepoche, deren Wunden bis heute nicht vernarbt sind. Nach dem Staatsstreich zogen von der CIA ausgebildete Todesschwadronen durchs Land und ermordeten Tausende Andersdenkende. Als linke Rebellen gegen die Junta aufbegehrten, rotteten die Machthaber ganze Dörfer aus, um den Widerstand zu brechen. Zwischen 1960 und 1996 tötete das Militär fast 200.000 Zivilisten, auch Frauen und Kinder blieben nicht verschont. Bis heute werden in Guatemala neue Massengräber gehoben.

Ana Lucía hofft, dass man eines Tages auch auf das Skelett ihres Bruders stoßen wird. »Uns ist es wichtig, Carlos bestatten zu können«, sagt sie. Irgendwann soll er wieder neben seiner Ehefrau Rosario liegen. Wenn schon nicht im Leben, dann wenigstens im Grab.

Carlos’ Geschichte ist auch die Geschichte seiner Frau. Er hatte Rosario das erste Mal im Hörsaal bemerkt. Sie war schlank, hochgewachsen und selbstbewusst. Eine junge Frau mit großem Charisma, klugen Augen und pechschwarzem Haar. Die beiden gefielen sich, verliebten sich und heirateten. Als Rosario schwanger wurde, war sie gerade einmal zwanzig Jahre alt. Die Zukunft schien Glück zu versprechen.

Dann verschwand Carlos. Als er am Abend des 15. Mai 1984 nicht nach Hause kam, ahnte Rosario sofort, dass man ihn entführt haben könnte. Mit seinen feurigen Reden gegen die Schreckensherrschaft des Militärs hatte sich Carlos nicht nur unter Studenten einen Namen gemacht. Monatelang suchte Rosario ihn in Krankenhäusern, Haftanstalten und Leichenhallen. Dann erhielt sie einen anonymen Anruf: Der Geheimdienst halte ihren Mann gefangen.

Rosario war entschlossen, Carlos zu befreien. Sie konnte nicht wissen, dass der Anrufer eine falsche Fährte gelegt hatte und Carlos’ Leiche längst verscharrt war. Rosario schrieb Bittbriefe an Polizeibeamte und Minister. Und sie schloss sich mit anderen Frauen zusammen, deren Angehörige ebenfalls spurlos verschwunden waren. Archivaufnahmen zeigen, wie die Frauen mit Plakaten und Trommeln durch die Straßen der Hauptstadt ziehen. Rosarios Stimme hallt durchs Megafon: »Gebt mir Carlos zurück – oder nehmt mich auch!«

Als man ihre Leiche fand, sprachen die Behörden von einem »tragischen Unfall«. Ein Passant hatte das Auto am Karfreitag 1985 in einem Straßengraben entdeckt. In dem Wagen lagen drei Tote: Rosario, ihr jüngerer Bruder Mynor und Augusto, ihr dreijähriger Sohn. Es sei ein Verkehrsunfall gewesen, beteuerte auch der Arzt, der die Obduktionen vornahm. Im Leichenhaus bot sich Rosarios Angehörigen ein anderes Bild. Auf Rosarios Brüsten waren Biss-Spuren zu sehen, ihr Schlüpfer war blutgetränkt. Dass Rosarios kleiner Sohn keine Fingernägel mehr hatte, fiel ihnen erst bei der Beerdigung auf. Jemand musste sie dem Jungen gewaltsam herausgerissen haben. Die Trauergäste fragten sich, ob man Rosario gezwungen hatte, dabei zuzusehen.

Die Morde blieben ungesühnt – wie die meisten Verbrechen aus der Zeit des Bürgerkriegs. Nach 36 Jahren endete der bewaffnete Konflikt im Winter 1996 mit einem Friedensabkommen zwischen Armee und Aufständischen. Die katholische Kirche rief eine Untersuchungskommission ins Leben, um die Gräuel der Vergangenheit aufzuarbeiten. Bischof Juan Gerardi, ein lebenslustiger Befreiungstheologe, der die Endphase des Bürgerkrieges im Exil verbracht hatte, leitete die Kommission. Als der Bischof am 26. April 1998 den 1.400 Seiten starken Abschlussbericht in der Kathedrale von Guatemala-Stadt vorstellte, platzte das Gotteshaus aus allen Nähten. Obwohl der Bischof an diesem Frühlingstag von geschändeten Frauen, gepfählten Kindern und Leichenbergen im ganzen Land sprach, herrschte unter den Zuhörern ein stilles Hochgefühl. Endlich durfte man über die Schrecken der Vergangenheit sprechen. Endlich musste man keine Angst mehr haben. Zwei Tage später fand man den Bischof in der Garage seines Pfarrhauses. Seine Mörder hatten ihm den Schädel mit einer Betonplatte zertrümmert.

»Wer die Untaten des Militärs zur Sprache bringt, lebt noch immer gefährlich«, sagt Ana Lucía Cuevas. Nachdem ihr Film in Guatemala Premiere feierte, wurde auch sie bedroht. »Die alten Eliten ziehen weiterhin die Strippen im Land.« Allzu vielen Verbrechern von einst ist der geschmeidige Sprung in die Zivilgesellschaft geglückt. Wie beispielsweise dem General Pérez Molina. In den achtziger Jahren soll er wehrlose Maya-Bauern massakriert haben. Nun sitzt der Ex-Militär im Präsidentenpalast. Nicht ein Putsch, sondern freie Wahlen haben ihn dort hingebracht. »Mein Land leidet unter kollektivem Gedächtnisverlust«, diagnostiziert Ana Lucía Cuevas. »Auch deswegen habe ich meinen Film gedreht.«

Mehr dazu