Amnesty Journal Türkei 25. Januar 2011

Endstation Bosporus

Staatliches "Gästehaus" in Istanbul

Staatliches "Gästehaus" in Istanbul

Einer der wichtigsten Fluchtwege nach Europa führt durch die Türkei. Der Flüchtlingsschutz dort ist jedoch mangelhaft, kritisiert Amnesty International.

Von Michaela Ludwig

Vor dem vierstöckigen Gebäude knattern rote Flaggen mit weißem Halbmond im Wind. An den Fenstergittern hängen T-Shirts und Hosen zum Trocknen. Aus dem Dunkel der dahinterliegenden Räume tauchen Gesichter auf, schemenhaft. Sie blicken ­hinunter auf die schmale Gasse. Manchmal zischen sie oder pfeifen, in der Hoffnung, dass eine Passantin sie bemerkt. »Hey Schwester, bleib stehen!« Auf der gegenüberliegenden Straßenseite schlürfen ältere Männer bittersüßen Cay, während sie Tippzettel für Pferdewetten ausfüllen. Touristen schlendern ­vorbei auf der Suche nach den Fischrestaurants von Kumkapi.

»Misafirhane«, Gästehaus, nennen die türkischen Behörden das stattliche Bauwerk im Herzen Istanbuls, nur einen Katzensprung von der Blauen Moschee und der Hagia Sophia entfernt. Doch der einladende Name trügt, denn keiner der Insassen ist freiwillig hier: In dem Gefängnis sitzen Ausländer ein, die am Flughafen oder bei Razzien ohne gültige türkische Aufenthaltsdokumente aufgegriffen wurden.
Einer von ihnen war Saru*, ein schmächtiger, junger Mann in einem rot-weißen Ringel-Shirt, Jeans und Flip-Flops. Ein weicher Flaum kaschiert die eingefallenen Wangen. Die Augen blicken abwesend aus dunklen Höhlen. Auf den Schultern des 23-jährigen Tamilen lasten die Träume und Erwartungen eines großen Familienclans. Diese wiegen exakt 13.000 Dollar, die sie zusammengekratzt haben, um dem ältesten Sohn ein Leben fernab von Armut und Bürgerkrieg zu ermöglichen und die Familie aus der Ferne zu unterstützen »Mein Vater ist Bauer. Er hat sein ganzes Land und alle Maschinen verkauft, um die Schlepper zu bezahlen«, sagt Saru. Seine Stimme ist leise, verzweifelt.

Über 15 Monate teilte sich Saru mit zwei Dutzend Männern eine Zelle. »Sie gaben uns nur ein halbes Brot mit Schafkäse, ­Oliven und Tomaten am Tag. Wir hatten nie genug zu trinken.« Wenn ihn der Durst quälte, trank er Wasser aus der Toiletten­spülung. Immer wieder fragten die Aufseher, was er in der Türkei verloren habe. Vergeblich bat er, einen Asylantrag stellen zu dürfen. Er schrie seine Forderung sogar durch das vergitterte Fenster. Doch die Männer auf der Straße füllten weiter ihre Wettscheine aus.

Sarus Geschichte beginnt in einem kleinen Dorf auf der Halbinsel Jaffna in Sri Lanka. Über 25 Jahre tobte dort der Bürgerkrieg zwischen den Rebellen der Tamil Tigers und der Zentralregierung. Die tamilische Bevölkerung wurde zwischen den Fronten aufgerieben. »Immer wieder wurde in unserer Gegend gekämpft und wir mussten weglaufen. Dann wurde es zu gefährlich und wir blieben im Flüchtlingslager«, berichtet Saru. »Unsere Eltern hatten Angst, dass die Rebellen uns Jungen zum Kämpfen zwingen würden. Und die Regierung warf uns vor, die Rebellen zu unterstützen.« Er musste die Highschool abbrechen. Eines Tages beschlossen seine Eltern, ihn zu Verwandten nach Deutschland zu schicken. Dort solle er die Schule beenden, am besten studieren und so der Familie helfen.

Seit bald vier Jahren ist Saru schon auf der Flucht. Ein Schlepper brachte den jungen Mann zunächst nach Malaysia. Hier stand seine Reise zum ersten Mal kurz vor dem Aus. »Der Schlepper nahm mein ganzes Geld«, berichtet Saru. Zwei endlose Jahre wartete er in der Hauptstadt Kuala Lumpur, bis der Vater das Geld für die Weiterreise noch einmal zusammenkratzen konnte. Mit gefälschten Pässen flogen Saru und drei weitere junge Männer in die iranische Hauptstadt Teheran, dort nahmen sie den Zug nach Van in die Osttürkei. Die letzte Etappe nach ­Istan­bul fuhren sie mit dem Bus. In der Bosporus-Metropole brachte der Schlepper die kleine Gruppe in einer schäbigen ­Pension im Stadtteil Aksaray unter. Das heruntergekommene Viertel mit seinen billigen Absteigen, kleinen Reisebüros, Cargo-Unternehmen und Kopierwerkstätten ist die Drehscheibe für das Geschäft mit der Migration.

Doch der Zwischenstopp in Istanbul sollte zur vorläufigen Endstation werden. Zehn Tage später stand Saru mit gefälschtem Pass und Visum am Flughafen. Er wollte nach Österreich fliegen, von dort weiter nach Süddeutschland, wo die Verwandten lebten. Als die Grenzbeamten seinen Pass kontrollierten, nahmen sie ihn fest. »Neun Tage hielten sie mich in einer Zelle am Flughafen gefangen. Erst nach drei Tagen gaben sie mir etwas zu essen«, erinnert sich Saru. Dann kam er nach Kumkapi in das sogenannte Gästehaus.

Flugticket nach Ankara

An einem sonnigen Vormittag sitzt Javad M. in einem Teegarten in Ankara und rührt mit dem Löffel entspannt in seinem Cay. Das Café am Güven Park ist ein beliebter Treffpunkt für jüngere Leute. Der 25-jährige Fotograf mit modischem Kurzhaarschnitt, dunkler Jeans und lässigem Polo-Shirt fällt zwischen den fröhlich plaudernden Menschen nicht auf. Er ist einer von über 2.000 Journalisten und Regimekritikern, die nach den iranischen Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 in das Nachbarland Türkei fliehen mussten. Ihre Aussichten, hier zügig als Flüchtlinge anerkannt zu werden und ein Exilland zu finden, sind im Gegensatz zu den anderen Migranten sehr gut.

Nur wenige Flüchtlinge stellen in der Türkei selbst einen Asylantrag. Im Jahr 2009 waren es genau 7.834 Menschen. Das Verfahren ist komplizierter als in fast jedem anderen Land der Welt. Denn die Türkei hat zwar die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet, jedoch mit einer Einschränkung: Das Asylrecht ist auf Flüchtlinge aus Europa begrenzt. Die Türkei weigert sich, Asylbewerbern und Schutzsuchenden außereuropäischer Staaten Schutz zu gewähren. Aus diesem Grund nehmen Büros des UNHCR die Asylanträge entgegen und entscheiden über die Anerkennung als Flüchtling nach den Kriterien der Flüchtlingskonvention. Ist der Flüchtling anerkannt, bemüht sich der UNHCR um eine Wiederansiedlung in einem Drittland.

Javad M. musste den Iran wegen seiner Reportertätigkeit verlassen. Er arbeitete für eine staatsnahe Fotoagentur. Gegen das ausdrückliche Verbot seines Arbeitgebers lichtete er auf den Demonstrationen die Gesichter hunderttausender Unzufriedener ab und schickte die Fotos hinaus in die Welt. »Ich bin ein Gegner der Regierung«, sagt er mit fester Stimme. »Alle sollten wissen, was bei uns passiert.« Die wachen Augen ruhen auf seinem Gegenüber.

Auf seinem Laptop zeigt Javad M. das Foto einer jungen Frau mit Kopftuch, die ihre Finger zum Siegeszeichen in die Höhe reckt. Das Motiv war Titelbild des renommierten »Time Magazine«. Auch Blätter wie »Figaro« oder »Newsweek« rissen sich um seine Fotos. »Ich war so glücklich, aber ich konnte es niemandem erzählen«, sagt er mit ruhigem Stolz. Doch der Traum eines jeden Fotografen wurde für ihn zum Alptraum: Der Arbeitgeber drohte, ihn zu denunzieren. Der junge Mann wusste, dass Folter und Haft drohten. »Noch am selben Tag besorgte ich mir ein Flugticket nach Ankara«, erzählt Javad M. Erst vom Flughafen aus rief er seine Mutter an. »Ich sagte ihr, dass ich kurzfristig verreisen muss.«

Als iranischer Staatsbürger konnte Javad M. ohne Visum offiziell in die Türkei einreisen. Am folgenden Tag ließ er sich im Büro des UNHCR registrieren. Fünf Monate musste er auf ein Gespräch warten, nur zwei Monate später erhielt er die ersehnte Antwort: Er wurde als Flüchtling anerkannt. Javad M. wundert sich, dass er so viel kürzer warten muss als die anderen Asylbewerber, selbst die iranischen, die vor den Wahlen geflohen sind. »Sie behandeln uns bevorzugt, weil wir Journalisten sind«, glaubt er und klappt den Laptop zu.

Für Javad M. hat die Warterei bald ein Ende. Norwegen hat angekündigt, 140 iranische Regimekritiker aufzunehmen. Wahrscheinlich ist er dabei. »Wie ist es in Norwegen?«, fragt er neugierig, die dunklen Augen strahlen. Über das Land weiß er nicht viel, er hofft nur, wieder als Fotograf arbeiten zu können. »Ich bin einfach glücklich, dass ich rausgekommen bin.«

In Ankara durfte Javad M. während seines Asylverfahrens nicht wohnen. Wie viele andere Iraner wurde er nach Nevsehir geschickt. Die türkischen Behörden weisen Asylbewerber in Städte, die weit weg von den Zentren Ankara und Istanbul liegen, meist nach Anatolien, wo es kaum Infrastruktur gibt. Zu den Terminen beim UNHCR reist er auf eigene Kosten die 300 Kilometer nach Ankara. In Nevsehir muss sich Javad M. zweimal wöchentlich bei der Polizeistation melden und dort alle sechs Monate eine »Aufenthaltsgebühr« von umgerechnet 220 Euro bezahlen. Gemeinsam mit einem Landsmann hat er eine kleine Wohnung gemietet. Als Fotograf darf er in der Türkei nicht arbeiten, und einen anderen Job findet er nicht. Eine Unterstützung durch den türkischen Staat erhalten Asylbewerber nicht. »Es ist nicht einfach, aber ich lebe von meinem Ersparten«, sagt er. »Außerdem hilft mir eine Gruppe Iraner in Deutschland.«

Ohne Pass, ohne Geld

Auch Saru hat mittlerweile einen Asylantrag gestellt. Es war pures Glück, dass der Menschenrechtskommissar des Europarats das Gefängnis in Kumpkapi inspizierte und auf den Fall des jungen Tamilen aufmerksam wurde. Dennoch sollten weitere sechs Monate vergehen, bis er sich eines Morgens in der schmalen Straße vor dem Gefängnis wiederfand. Ohne Pass, ohne Geld, – er besaß nur noch das, was er auf dem Leib trug.

Saru wurde von den türkischen Behörden nach Gaziantep nahe der syrischen Grenze geschickt. Doch den Bus dorthin hat er nicht bestiegen. »Ich hatte nicht einmal das Geld für die Fahrt, wovon sollte ich dann erst die Wohnung und das Essen dort bezahlen?«, fragt er und hebt die Schultern. Sein Gesicht wirkt müde, noch immer leidet er unter Schlafproblemen. Ein Landsmann hatte ihm die Adresse einer Gruppe in Istanbul gegeben, die ihm weiterhelfen würde. Dort fand er ein Bett und lebt heute von Spenden. Ein paar türkische Lira verdient er durch Gelegenheitsjobs wie Putzen. »Ich warte hier auf meinen Bescheid, dass ich als Flüchtling anerkannt werde. Hier habe ich Freunde und kann überleben.« Doch damit ist Saru wieder illegal
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Der junge Tamile hofft, dass er anerkannt und vom UNHCR umgesiedelt wird. Doch es kann Jahre dauern, bis sich ein Aufnahmeland findet. Zudem beteiligen sich nur wenige Länder an dem »Resettlement-Programm« des UNHCR zur Neuansiedelung. Seine Verwandten in Deutschland wird Saru so schnell nicht sehen. Denn die Bundesrepublik nimmt keine Flüchtlinge aus dem »Resettlement-Programm« der Vereinten Nationen auf. Wird Saru nicht als Flüchtling anerkannt, hängt er weiter in Istanbul fest. Aber daran mag er jetzt noch nicht denken.

  • Name geändert

Die Autorin ist freie Journalistin und lebt in Hamburg.

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