Amnesty Journal Afghanistan 16. Januar 2012

Der afghanische Patient

Von Citha d. Maaß

Anfang Dezember 2011 hält die Bundesregierung wieder eine internationale ­Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn ab. Zehn Jahre nach der ersten Petersberg-Konferenz sollen erneut Weichen für die Zukunft des Landes gestellt werden. Bereits im Oktober zogen die Verteidigungsminister der 49 ­Nationen Bilanz, die derzeit die ISAF-Truppen stellen. Ihre Fortschrittsberichte über den Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte klangen wenig glaub­würdig.

Sehr nüchtern äußern sich frühere Militärs wie beispielweise Harald Kujat. Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr hält die Mission für gescheitert. Er befürchtet, dass die Taliban bald nach dem Abzug der internationalen Truppen 2014 wieder die Macht übernehmen.

Die »ISAF-Operation« lässt sich als gelungen darstellen, wenn man sie an zwei Erfolgskriterien misst: al-Qaida wurde aus Afghanistan vertrieben und über die Grenze nach Pakistan abgedrängt. Und die NATO-Bündnispartner, einschließlich Deutschland, haben ihre Solidarität mit den USA bewiesen – dabei haben sie Menschenrechtsverletzungen in Guantánamo ebenso geduldet wie die zivilen Opfer, die der ISAF-Einsatz in Afghanistan gefordert hat.

Bedauerlicherweise ist der »Patient Afghanistan« im Verlauf der Operation ­gestorben. So sind Afghanistan und sein regionales Umfeld nicht befriedet, die Kluft zwischen korrupten »Aufbaugewinnlern« und der verarmten Bevölkerungsmehrheit hat sich vergrößert. Die internationale Gemeinschaft hat unter Führung der USA eine korrupte Oligarchie in Kabul installiert, die aus Präsident Hamid Karzai und den von ihm kooptierten Regionalfürsten besteht und die sich auf eine von der Drogenökonomie dominierte Schattenwirtschaft stützt. Für die kommenden Jahre sind vier Szenarien denkbar – allen ist gemeinsam, dass sie das Risiko eines Abgleitens in einen neuerlichen Bürgerkrieg bergen.

Im ersten Szenarium kontrolliert das Machtkartell so lange das politische System und verhindert eine formelle Beteiligung der Taliban, wie es einen Minimalkonsens zwischen den polarisierten Ethnien und politischen Fraktionen ­aufrechterhalten kann. Doch droht das fragile oligarchische System an internen Machtrivalitäten und der organisierten Kriminalität zu scheitern. Im zweiten Szenarium muss die Kabuler Oligarchie die Taliban formell an der Macht beteiligen. Die internen Rivalitäten dürften sich sowohl innerhalb des Kartells als auch zwischen den verschiedenen Flügeln der Taliban potenzieren, sodass die fragile Machtbalance zerbricht.

Im dritten Szenarium zerfallen die Regierung Karzai, Armee und Polizei, sobald sie mit dem fortschreitenden ISAF-Rückzug immer mehr militärische Unterstützung verlieren. Regionale und lokale Gewaltherrscher gewinnen die Oberhand, ein Bürgerkrieg mit wechselnden Allianzen oder »jeder gegen jeden« stürzt das Land ins Chaos. Im vierten Szenarium gelingt es den Taliban, nach 2014 Kabul und weite Landesteile zu kontrollieren und ein Islamisches Emirat zu errichten. Das könnte gelingen, wenn die USA nur begrenzte strategische Ziele in und um Afghanistan verfolgt.

Sollten die Taliban politische Zugeständnisse machen, wäre ein gesichtswahrendes Arrangement mit den USA denkbar, allerdings um den Preis ständiger Spannungen innerhalb der multiethnischen Gesellschaft Afghanistans und mit den regionalen Nachbarstaaten.

Dr. Citha D. Maaß, bis September 2011 Afghanistan- und Südasien-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin

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