Amnesty Journal Israel und besetzte Gebiete 21. September 2011

"Die beste Form des Widerstands ist gewaltlos"

Eine über 700 Kilometer lange Grenzanlage trennt das Westjordanland von israelischem Gebiet. Im palästinensischen Dorf Bilin koordiniert Abdallah Abu Rahmah schon seit Jahren die Proteste gegen den Grenzzaun, der sich dort quer durch die ­Felder der Dorfbewohner zieht. Dafür saß er sechzehn Monate im Gefängnis. Im März 2011 kam er frei und war kurz darauf zu Besuch in Berlin.

Herr Rahmah, was erwartet Sie, wenn Sie zurück nach Bilin reisen?
Die israelischen Behörden haben mir nach meiner Entlassung sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass ich bei weiteren Demonstrationen jederzeit wieder verhaftet und ohne Verfahren eingesperrt werden kann. Das dient allein der Einschüchterung, damit es nicht zu weiteren Protesten kommt. Dennoch habe ich auch nach meiner Entlassung wieder demonstriert. Ich denke, dass es mein Recht ist, für den Widerstand und die Menschenrechte gewaltlos einzustehen und meine Meinung zu äußern.

Für die Organisation der Proteste wurden Sie am 10. Dezember 2009 festgenommen, am Tag der Menschenrechte …
Ja, und exakt ein Jahr nachdem mir von der Internationalen Liga für Menschenrechte die Carl-von-Ossietzky-Medaille in Berlin verliehen wurde. Der Zeitpunkt der Festnahme war sicher kein Zufall. Bei der Aktion stürmten schwer bewaffnete israelische Soldaten in mein Schlafzimmer. Sie fesselten mich, verbanden mir die Augen und verhafteten mich in Anwesenheit meiner Frau und meiner Kinder. Es ist sehr schwer, solche schrecklichen Momente und Erlebnisse zu verarbeiten, geschweige denn zu vergessen.

Danach wurden Sie wegen der »Organisation einer illegalen Demonstration« zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Es war nicht einfach, vor allem als ich in Einzelhaft war. Die Trennung von meiner Familie und meinen Freunden belastete mich sehr. Im Gefängnis fehlte es an angemessener medizinischer Versorgung und Verpflegung. Ich habe psychische Misshandlung erlebt. So war meine ursprüngliche Haftstrafe auf ein Jahr angesetzt. Am Tag meiner Entlassung, als schon alle meine Freunde vor dem Gefängnis warteten, wurde mir mitgeteilt, dass ich noch mal dem Richter vorgeführt werde. Dieser entschied, dass meine Strafe nicht ausreichend sei und verlängerte sie um weitere vier Monate.

Was haben Sie durch die Proteste bisher erreicht?
Wir haben vor dem Obersten Gericht in Israel geklagt und erreicht, dass der Verlauf der Grenzmauer verändert werden muss. Damit bekommen wir ungefähr die Hälfte des Gebiets, das wirverloren haben, wieder zurück. Außerdem wird unser »Volks­komitee gegen die Mauer« immer bekannter, auch im Ausland. Allerdings hatte der Einsatz auch seinen Preis: Aus meiner Familie starben allein zwei Menschen. Mehr als hundert Männer wurden verhaftet. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die beste Form des Widerstands gewaltlos ist.

Im September könnte Palästina von den Vereinten Nationen als unabhängiger Staat anerkannt werden. Was würde das für Ihre Organisation bedeuten?
Ich hoffe, dass unser Leben weniger von Gewalt und Leid geprägt sein wird und der israelische Staat mit uns zusammenarbeitet. Solange die israelische Besatzung andauert, werde ich mit meiner Organisation aktiv bleiben – natürlich gewaltlos. Aber auch wenn es einen palästinensischen Staat geben sollte, in dem unsere Rechte von den palästinensischen Behörden verletzt werden, werde ich mich engagieren, damit sich das Leben für die Palästinenser verbessert und sie in Würde leben können.

Fragen: Hassan Asfour und Ralf Rebmann

Abdallah Abu Rahmah, 40 Jahre, ist Lehrer und Vorsitzender der Organisation »Volkskomitee gegen die Mauer« in Bilin, Westjordanland. Für die Organisation
gewaltloser Demonstrationen wurde ihm 2008 die Carl-von-Ossietzky-Medaille verliehen. Während seiner Inhaftierung betrachtete Amnesty ihn als gewaltlosen, politischen Gefangenen und setzte sich für ihn ein. Er ist Vater von drei Kindern.

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