Amnesty Journal Russische Föderation 05. Oktober 2009

Alles andere als normal

Die norwegische Kriegsreporterin Asne Seierstad porträtiert unterschiedliche Lebensgeschichten aus Tschetschenien.

Auch wenn es brutal klingt: Es braucht schon so kaltblütige Morde wie an den beiden Menschenrechtlerinnen Natalja Estemirova und Sarema Sadulajewa im Juli und August dieses Jahres, damit die Lage in Tschetschenien wieder einmal ins öffentliche Bewusstsein dringt. Zwei verheerende Kriege haben tausende Opfer gefordert, unzählige Menschen zu Flüchtlingen und Kinder zu Waisen gemacht.

Offizieller Lesart zufolge befindet sich Tschetschenien unter dem von Moskau gestützten autoritären Präsidenten Ramsan Kadyrow jetzt wieder auf einem "Kurs der Normalisierung".

Was dieser zynische Terminus in der Praxis bedeutet und was diese Kriege mit und aus den Menschen gemacht haben, beschreibt Asne Seierstad in ihrem Buch "Der Engel von Grozny. Tschetschenien und seine Kinder". Über zwei Jahre lang bereiste die renommierte norwegische Kriegsberichterstatterin die Nordkaukasusrepublik. Sie sprach mit Müttern, Waisen, aber auch mit Rebellen und russischen Soldaten. Entstanden ist ein Dokument, das einen tiefen Einblick in das erschütterte Leben der Betroffenen sowie deren täglichen Überlebenskampf gibt.

So lernt der Leser beispielsweise Timur kennen. Der Zwölfjährige, der bei einem gewalttätigen Onkel aufwuchs, ernährt sich von Essensresten auf Müllkippen. In einem Kinderheim in der Hauptstadt Grosny, wo Timur Aufnahme findet, terrorisiert er andere Bewohner und zerstört Teile der Einrichtung. "Es gibt nur eine Sache, die ich tun kann, damit das Böse in mir weggeht", sagt er."Ich muss meinen Onkel töten".

Geleitet wird das Kinderheim von Hadisat, genannt der "Engel von Grozny". Sie ist selbst in einem Waisenhaus aufgewachsen und seit Ende des ersten Tschetschenienkrieges im Jahre 1996 Anlaufstelle für all jene, die in ihrem jungen Leben nichts anderes erfahren haben als Krieg und Tod. Mit Engagement und bescheidenen Mitteln versucht sie, diesen zerstörten und verrohten Kinderseelen ihre Würde wiederzugeben und sie in ein normales Leben zurückzuführen. Aber was heißt schon Normalität in einem Land wie Tschetschenien.

Abdul, auch ein ehemaliger Schützling von Hadisat, hat seine Schwester getötet. Gerüchte über ihren vermeintlich freizügigen Lebenswandel reichten aus, damit er mit der Waffe "seine Ehre" wiederherstellte. "Ich bin stolz darauf, dass ich es getan habe. Ich kann mich mit erhobenem Haupt zeigen", sagt er. Doch nachts ist es mit dem Stolz vorbei. Da erscheint ihm seine Schwester in seinen Träumen.

Doch nicht nur den Tschetschenen, die zuerst Opfer der Russen wurden und jetzt von Kadyrows Schergen verschleppt, gefoltert und getötet werden, wendet sich Seierstad zu. Sie erzählt auch von dem jungen russischen Soldaten Nikolaj aus Uljanowsk. Eine Minenexplosion zerfetzte ihm die linke Hand und ließ ihn fast erblinden. Monatelang kämpfte die Mutter um eine Invalidenrente für ihren Sohn, "für einen, den der russische Staat nicht mehr braucht".

Timur, Hadisat, Abdul und Nikolaj – ihre Lebensgeschichten stehen für unzählige vergleichbare Schicksale. Mit ihnen hat Seierstad, die es in ihrer Reportage nie an Distanz, aber auch nicht am notwendigen Einfühlungsvermögen für ihre Protagonisten fehlen lässt, dem alltäglichen Grauen in Tschetschenien ein Gesicht gegeben. Dabei vermeidet die Journalistin eine Falle, der Kriegsberichterstatter häufig nicht entgehen: Sich selbst und ihre Arbeit in einem Krisengebiet in den Mittelpunkt zu stellen und die Opfer zu Statisten zu degradieren.

Von Barbara Oertel.

Asne Seierstad: Der Engel von Grozny. Tschetschenien und ­seine Kinder. Aus dem Norwegischen von Lothar Schneider. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. 407 S., 21,95 Euro.

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